Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 07/Dezember 2002 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
  Thema:
Kommunikation im Umbruch
  Interview
"Das Auge isst mi"
  Caputh macht Laune
Sommerausflug der DPRG Berlin/Brandenburg
  Glosse
Berlin - mitten in Europa?
  Neue Mitglieder
  Portrait
Günter Bentele
  Wahlen
Danke für Ihr Vertrauen
  Streusandbüchse nun auch digital in Berlin
 

Kommunikation und Wissenschaft
PR für Watson und Crick

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Kommunikation im Umbruch
-Von Rupert Ahrens und Eberhard Knödler-Bunte-
Public Relations beginnt sich neu auszurichten. In weniger als einem Jahrzehnt haben sich die PR-Handlungsfelder rapide verändert. Aus der Presse- und Medienarbeit, mit der PR einst ihren Anfang genommen hatte, ist heute längst ein Verbund von Kommunikationsmethoden und -instru-
menten geworden. Diese Expansion ist nicht neu. Aber nicht voraussehbar war die Dynamik einer global gewordenen Medien- und Kommunikationsgesellschaft, welche die Geschäftsgrundlagen von PR nachhaltig verändert hat.

Kommunikation wird immer mehr zu einem universell zugänglichen Raum, der zur zweiten Haut des Menschen geworden ist. Die fortschreitend sich individualisierende Gesellschaft organisiert ihren Zusammenhalt über Kommunikation. Anschlussfähigkeit wird zur Überlebensfrage von Menschen wie von wirtschaftlichen, politi-schen und kulturellen Prozessen. Wer nicht kommuniziert und an den Prozessen öffentlicher Kommunikation teilhat, fällt aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist eine Gemeinschaftsgesellschaft, die durch die Aufrechterhaltung von Kommunikationen zusammengehalten wird. Dabei spielt der Verbund von alten und neuen Medien als Aggregatoren von Wirklichkeit eine Schlüsselrolle.

Öffentlichkeit im Zeitalter der neuen Medien wird zu einem eigenständigen Markt, auf dem Aufmerksamkeitsanteile gehandelt werden. Ohne medial inszenierte Bedeutungen lässt sich nichts mehr verkaufen, keine Produkte und Dienstleistungen, keine Aktie, keine Politikerkarriere und schon gar keine Prominenz. Die Wertschöpfung speist sich immer mehr aus der überzeugenden Konstruktion von kulturellen Deutungen, die nur noch lose an ihren materiellen Nutzen gekoppelt sind. Schon heute wird der Wert eines Unternehmens zunehmend auf seine kulturelle Substanz bezogen. Die Marken eines Unternehmens sowie sein eigener Markenwert werden inzwischen oft höher veranschlagt als die nackten Daten & Fakten, die sich lange als unangefochtenes Terrain der Finanzmanager, Controller und Analysten behaupten konnten.

Was zählt, sind die Werte, die sich am Markt realisieren lassen. Nimmt man diese radikale Marktausrichtung ernst, dann bedeutet dies, dass sich Unternehmen, ihre Produkte und Dienstleistungen, ihre Organisations- und Managementstruktur auf diese Marktperspektive neu ausrichten müssen. Die aktuelle Marketing-Diskussion beginnt diese Konsequenz zu ziehen. Aus einer betriebswirtschaftlichen Hilfs- und Verkaufswissenschaft beginnt sich eine Managementwissenschaft zu entwickeln, die strategisches Marketing als Gesamtkonzept für marktfähi-ge Unternehmen begreift. In dieser Diskussion spielen traditionell Kommunikation und Medien nur eine unterge-ordnete Rolle. Offensichtlich traut man der Kommunikation und ihrer Wissenschaft keinen substanziellen Beitrag in der Wertschöpfungskette zu. Dem entspricht auf Seiten der Kommunikationswissenschaft, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine nahezu komplette Ahnungslosigkeit über betriebswirtschaftliche Zusammenhänge. Das hehre Leitbild einer verständi-gungsorientierten Kommunikation, mit dem man ein überkommenes Bild von PR loswerden wollte, führte zu einer mentalen Abwehr marktwirtschaftlicher Verwertung. Die Folge davon ist ein systematisches Missverständnis von Marketing- und Kommunikationswissenschaft. Unkenntnis und Abgrenzung statt Anschlusssfähigkeit und Verknüpfungswissen stehen im Vordergrund.

Auf der Strecke bleiben die PR-Praktiker, die für die Anforderungen und Wünsche ihrer Auftraggeber keine handhabbaren und integrierten Konzepte zur Verfügung haben. Die Praxis in Unternehmen ist heute weiter als die PR-Theorien und PR-Modelle. Der Verweis auf die Diskussion zum Thema integrierte Kommunikation hilft auch nicht weiter. Das Schlagwort wurde inflationär verbraucht, ehe man Erfahrungen und Konzepte entwickeln konnte. Zudem wurde die Integration der Kommunikation auf die bloße Koordination der Kommunikationsinstrumente reduziert. Auf diese Weise konnten die Besitzstände von Werbung, PR und Marketing gewahrt werden, aber dem Problem einer Verzahnung von Unternehmens- und Marketingkommunikation war man keinen Schritt näherge-kommen. Themen wie Corporate Branding, Markenmanagement, Issues Management oder Designmanagement, die nur als integrierte Ansätze sinnvoll konzipiert werden können, wurden arbeitsteilig aufgespalten und in die eingespielten Kompetenzfelder der Kommunikationsbranche transferiert.

Die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen wurde zum Qualitätsmerkmal von einzelnen strategischen Köpfen in der Kommunikationsbranche, aber sie stand nicht im Mittelpunkt systematischer Aus- und Weiterbildung. Statt über eine Neupositionierung der PR-Ausbildung zu diskutieren, stritt man jahrelang in der PR-Fachöffentlichkeit über Prüfungsformalien und Prüfungszuständigkeiten, bis die Unübersichtlichkeit endlich hergestellt war.

Inzwischen ist eine Neuausrichtung von PR überfällig. PR muss Anschluss finden an die Unternehmensrealität, wie sie heute ist. Dazu muss sie über den Tellerrand ihrer eingespielten Thematiken schauen. PR hat Jahrzehnte gebraucht, um ihre Praktikerkonzepte kommunikationswissenschaftlich zu verankern. Dafür hat sie Legitimationskonzepte aufgebaut, die für die Praxis oft folgenlos blieben. Deshalb ist es mit einer Einbeziehung marketing-wissenschaftlicher Ansätze nicht getan. PR muss heute, um überlebensfähig zu bleiben, eine originäre Kompetenz für ein integriertes Kommunikationsmanagement aufbauen, das seinen Stellenwert innerhalb der Wertschöp-fungskette belegen kann. Dies setzt die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen für Kommunikations-, Markt- und Unternehmensprozesse voraus. Um einen Satz von Hanns Eisler zu variieren: wer nur von PR etwas versteht, versteht auch davon nichts.

Das Kommunikationsmanagement von Unternehmen und Agenturen benötigt professionelle Kompetenz für in-tegrierte Lösungen, und die PR-Bildungsträger müssen dafür, durch eine Integration von Kommunikations- und Marketingwissen, von operativem Handlungswissen und strategischer Kompetenz, die notwendigen Grundlagen vermitteln. Ansonsten wird PR ihre Marktfähigkeit verlieren, gegenüber den Marketingexperten wie gegenüber den Kommunikations- und Unternehmensberatern.
Der geplante Zusammenschluss der Gesellschaft der Werbe-Agenturen (GWA) und der Gesellschaft der Public Relations Agenturen (GPRA) hat die Richtung vorgegeben. Jetzt kommt es darauf an, diesen Weg durch vernetzte Strategien, integrierte Konzepte und nicht zuletzt durch eine qualifizierte Ausbildung zu begleiten.

Die Autoren

Rupert Ahrens ist Geschäftsführer von Ahrens und Behrent Agentur für Kommunikation, Präsident der Gesell-schaft der Public Relations Agenturen (GPRA) und Präsidiumsmitglied der DAPR. E-Mail: r.ahrens@a-b.de

Eberhard Knödler-Bunte ist Geschäftsführer des PR Kolleg Berlin, Vorstandsvorsitzender der media mind AG und Präsidiumsmitglied der DAPR. E-Mail: e.knoedler-bunte@prkolleg.com


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