
Achim Kühne-Henrichs |
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Stets
zur vollsten
Achim Kühne-Henrichs über lebende
Zeugnissprache
Was soll man machen in diesen harten Zeiten? Lohnkosten. Lohnnebenkosten.
Lohnoverheadkosten. Da kommen kostengünstige Praktikanten,
Volontäre, Berufseinsteiger und sonstige PR-Newcomer gerade
richtig. Die machen einen guten Eindruck, drängen tatkräftig
voran, haben auch schon hier und da Erfahrungen gesammelt. Davon
kann man mehrere gebrauchen. Für jedes Projektteam einen.
Oder zwei. Schließlich gibt’s ja inzwischen das ausgearbeitete
Agentur-Manual. Da steht drin, wie alles geht.
Vor einigen Jahren gab es für diese erste Zeit im Job hier
und da bereits echten Lohn. Zugegeben, das hat sich ein wenig
abgeschliffen. Mal war wirklich kein Geld da. Dann kamen die ersten
mit Arbeitsamtsfinanzierung. Andere haben gar nicht gefragt. So
hat es sich eingependelt, dass es Leute gibt, tolle Leute, die
es für lau machen. Weil sie rein wollen ins Geschäft.
Weil sie Berufserfahrung brauchen. Weil das Zeugnis zählt.
Anfangs war es für die (jungen) Agenturchefs eine erhebende
Sache: Zeugnisse ausstellen, nachdem man jahrelang um die eigenen
gekämpft und gezittert hatte. Jetzt also konnte man selbst
um Formulierungen ringen, jemandem durch eine hübsche sprachliche
Wendung so richtig weiterhelfen. „Ein Glückspilz, der
Dich kriegt“, hatte Axel Schultes, der Kanzleramtsarchitekt,
einer Praktikantin ins Zeugnis geschrieben.
Mit der Zeit ist die epische Kraft der Chefs erlahmt. Können
die Praktikanten Ihre Zeugnisse nicht selbst schreiben? Zumindest
vorschreiben? ...hat in der Zeit von ... bis ... an den Projekten
... mitgearbeitet und dabei... Schwerpunkt auf... konnte, hatte,
immer, einwandfrei.
Eines Tages liegt ein Buch in der Agentur. „Zeugnissprache
– und was sie bedeutet.“ Verständlich, dass die
Praktikanten in der Formulierung nicht daneben hauen wollen. Und
auf einmal taucht diese schreckliche Wendung auf: Stets zur vollsten.
Nicht nur gut oder sehr gut, nicht nur neugierig und tatkräftig,
sondern in jedem zweiten Satz „stets zur vollsten“.
Alles andere, so das schlaue Zeugnisbuch, könnte vielleicht
als nicht in jeder Hinsicht stets am besten ausgelegt werden.
Aber Achtung: Zeugnissprache lebt und verändert sich. Und
wo holzschnittartig immer wieder „stets zur vollsten“
auftaucht, da hat der Praktikant zwar nach den Sternen gegriffen
–im Grunde zeigt er, dass er das Zeugnisbuch zu Rate gezogen
hat, wodurch er wiederum signalisiert, dass er in der Agentur
niemanden gefunden hat, der sich wirklich mit seiner Leistung,
seinen Erfahrungen und erworbenen Kompetenzen auseinander setzt.
Also Praktikanten: Ran an die Chefs – und wirklich gute
Zeugnisse einfordern.
Achim Kühne-Henrichs
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