Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 08/Februar 2003 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
  Thema
Landesverband bereitet PR-Tag 2003 vor
  Glosse
Stets zur vollsten
  DPRG-Umfrage
Binnenmarketing
  Neu im Landesvorstand
Ulrike Propach stellt sich vor
  Portrait
Jügen Pitzer
  Neue Mitglieder
  Ortstermin
WISTA - Wissenschafts-
und Technologiestandort Berlin
  Glosse
Ansichten einer echten Berlinerin
  Jour roulant
in der Staatskanzlei Brandenburg
  Neujahrsempfang
Bildergalerie
  Kommentar
Koch’s Rezepte und Reflektionen
  Grenzerfahrungen
in der Hauptstadtregion
  Rezension
Kampagne 2!
  Neues bei den Junioren
DPRG Junioren bei Universal Music
  Rezension
Kommunikation als Gesamtkunstwerk
  Junge Kunst in Mitte
Ausstellungseröffnung
  Termine
  Impressum
Archiv
 

Streusandbüchse 01/01
Streusandbüchse 02/01
Streusandbüchse 03/01
Streusandbüchse 04/02
Streusandbüchse 05/02
Streusandbüchse 06/02
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Streusandbüchse 08/03
Streusandbüchse 09/03
Streusandbüchse 10/04
Streusandbüchse 11/04

 
 
Editorial

Birgit M. Hankiewicz
  Birgit M. Hankiewicz mit Bonn

- Ansichten einer echten Berlinerin

Offensichtlich birgt die Beziehungskiste zwischen Bonn und Berlin – im Jahr 14 nach dem Fall der Mauer – immer noch genügend Sprengstoff und anhaltendes Interesse in der allgemeinen Öffentlichkeit. Sonst würde das Thema nicht als Dauerbrenner die Kolumnen der Tageszeitungen füllen oder, wie kürzlich erlebt, Aggressionen unter meinen Silvesterparty-Gästen stiften. Nun, bei mir fing die Begegnung mit Bonn 1993 an. Aus beruflichen Gründen verschlug es mich damals in die ehemalige Bundeshauptstadt. Ich hatte Bilder eines übersichtlichen und ruhigen Städtchens im Kopf und erwartete deshalb gleich am Flughafen Köln-Bonn jecke Karnevalisten, die mich auch außerhalb der Saison (11.11. bis Aschermittwoch des darauffolgenden Jahres) bunt kostümiert und bestens gelaunt aufs Herzlichste willkommen heißen würden. Und Taxifahrer, die besonders uns Berliner lieben. Und hier lernte ich gleich meine erste Lektion: „Beantworte die Frage des Taxifahrers nach deiner Herkunft nie ehrlich!“ Schwindelig, mit mulmigem Magengefühl und leicht grün im Gesicht schlug ich 20 Minuten später irgendwo in Bonn auf, um einer Runde rheinischer Frohnaturen Kampagnenideen für gesamtdeutsche Agrarprodukte zu präsentieren. Nach getaner Arbeit ging es in die Kantine. „Himmel un Äd“ stand da auf der Karte und ich rümpfte die Nase. Kritische Blicke erntend, fragte ich nach Zusammensetzung und Inhalt dieser Speise. Extrovertiert und so spontan wie ich nunmal bin, platzte aus mir heraus, dass dies zu meinen typischen Berliner Lieblings-Leib-und-Magen-Muttis-Küche-Gerichten zählte und hierzulande einfach Blutwurscht mit Sauerkraut und Quetschkartoffeln heeßt. Lektion 2: „Ziehe nie öffentlich die Herkunft eines traditionellen rheinischen Rezeptes in Zweifel.“ Da fällt mir ein, ich war schon früher mal in Bonn. Meine erste Begegnung mit dem Karneval! Na klar, ich war vielleicht acht Jahre alt und idealerweise hatte ich gleich das richtige Make-up dabei - die Masern!

Nun zurück nach Berlin. Danke, Ihr Bonner, wir dürfen auch endlich mal Karneval feiern, sogar öffentlich im Stil der Love Parade rund um das Brandenburger Tor. Die Idee kam von einem prominenten Bonner Gastronom. Und er handelte gemäß karnevalistischem Motto: Die Karawane zog weiter, der Sultan gleich mit. Er brach seinen öffentlichen Schwur als Gegner des Regierungsumzugs und schlug seine Zelte doch in Berlin auf. Er sollte es nicht bereuen, denn seine zahlreichen Auffanglager für heimatlose Rheinländer laufen wie verrückt. Als er damals ankam, da war er ganz begeistert von der Berliner Schnauze mit Herz. Er konnte aber überhaupt nicht verstehen, warum wir alle trotzdem so vergrätzt sind ... wahrscheinlich sind wir selber schuld, dass der Karneval jetzt in Berlin tagt. Mittlerweile ist viel Wasser die Spree hinunter gelaufen und nach den vielen Jahren seines Aufenthalts hat sich dieser Bonner jedenfalls gut angepasst: wenn ich ihn sehe, meckert er immer nur rum. Helau! Alaaf! Friedel, welcome to the club!

Ich komme zu folgendem Schluss: Der Bonner steht sich selbst im Weg. Er hindert sich selbst daran, mit Berlin zu kuscheln, weil er ja ausschließlich von montags bis donnerstags in seinem Exil in Mitte hockt. Mit traurigem, von Sehnsucht nach dem Rhein erfüllten Blick. Parallel beschwert er sich über das Kiezverhalten der Berliner und verkennt, dass ihn selbst dieser Virus schon befallen hat. Er begreift einfach nicht, dass die Stadt in ihrer Ausdehnung zu gefährlich ist, als dass die Grenzen des Bezirks überschritten werden könnten. Zum Beweis: Berliner Busfahrer fragen nicht ohne Grund nach dem Reisepass, wenn man nach Spandau will. Freitags erhellt sich plötzlich des Bonners Laune. Er packt seine dreckige Wäsche freudestrahlend in seinen Koffer und kann es kaum erwarten, nach Hause zu Mama zu kommen. Und wieder versagt er sich, Frieden mit der Stadt zu machen.

Letztens, bei besagter Sylvesterparty, stellte ich dann fest, dass der Rheinländer ein Stück seiner Frohnatur verloren hat und ziemlich empfindlich geworden ist. Selbstverständlich wissen wir, dass auch Bonn über namhafte Szenelokale, Boutiquen mit Designerlabels und geordnete Verkehrsverhältnisse verfügt – trotzdem darf man die Stadt doch beschaulich oder übersichtlich nennen, oder? Schließlich ist das ein Kompliment aus Berliner Sicht!

Birgit M. Hankiewicz

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