
Birgit M. Hankiewicz |
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Birgit M. Hankiewicz mit Bonn
- Ansichten einer echten Berlinerin
Offensichtlich birgt die Beziehungskiste zwischen Bonn und Berlin
– im Jahr 14 nach dem Fall der Mauer – immer noch
genügend Sprengstoff und anhaltendes Interesse in der allgemeinen
Öffentlichkeit. Sonst würde das Thema nicht als Dauerbrenner
die Kolumnen der Tageszeitungen füllen oder, wie kürzlich
erlebt, Aggressionen unter meinen Silvesterparty-Gästen stiften.
Nun, bei mir fing die Begegnung mit Bonn 1993 an. Aus beruflichen
Gründen verschlug es mich damals in die ehemalige Bundeshauptstadt.
Ich hatte Bilder eines übersichtlichen und ruhigen Städtchens
im Kopf und erwartete deshalb gleich am Flughafen Köln-Bonn
jecke Karnevalisten, die mich auch außerhalb der Saison
(11.11. bis Aschermittwoch des darauffolgenden Jahres) bunt kostümiert
und bestens gelaunt aufs Herzlichste willkommen heißen würden.
Und Taxifahrer, die besonders uns Berliner lieben. Und hier lernte
ich gleich meine erste Lektion: „Beantworte die Frage des
Taxifahrers nach deiner Herkunft nie ehrlich!“ Schwindelig,
mit mulmigem Magengefühl und leicht grün im Gesicht
schlug ich 20 Minuten später irgendwo in Bonn auf, um einer
Runde rheinischer Frohnaturen Kampagnenideen für gesamtdeutsche
Agrarprodukte zu präsentieren. Nach getaner Arbeit ging es
in die Kantine. „Himmel un Äd“ stand da auf der
Karte und ich rümpfte die Nase. Kritische Blicke erntend,
fragte ich nach Zusammensetzung und Inhalt dieser Speise. Extrovertiert
und so spontan wie ich nunmal bin, platzte aus mir heraus, dass
dies zu meinen typischen Berliner Lieblings-Leib-und-Magen-Muttis-Küche-Gerichten
zählte und hierzulande einfach Blutwurscht mit Sauerkraut
und Quetschkartoffeln heeßt. Lektion 2: „Ziehe nie
öffentlich die Herkunft eines traditionellen rheinischen
Rezeptes in Zweifel.“ Da fällt mir ein, ich war schon
früher mal in Bonn. Meine erste Begegnung mit dem Karneval!
Na klar, ich war vielleicht acht Jahre alt und idealerweise hatte
ich gleich das richtige Make-up dabei - die Masern!
Nun zurück nach Berlin. Danke, Ihr Bonner, wir dürfen
auch endlich mal Karneval feiern, sogar öffentlich im Stil
der Love Parade rund um das Brandenburger Tor. Die Idee kam von
einem prominenten Bonner Gastronom. Und er handelte gemäß
karnevalistischem Motto: Die Karawane zog weiter, der Sultan gleich
mit. Er brach seinen öffentlichen Schwur als Gegner des Regierungsumzugs
und schlug seine Zelte doch in Berlin auf. Er sollte es nicht
bereuen, denn seine zahlreichen Auffanglager für heimatlose
Rheinländer laufen wie verrückt. Als er damals ankam,
da war er ganz begeistert von der Berliner Schnauze mit Herz.
Er konnte aber überhaupt nicht verstehen, warum wir alle
trotzdem so vergrätzt sind ... wahrscheinlich sind wir selber
schuld, dass der Karneval jetzt in Berlin tagt. Mittlerweile ist
viel Wasser die Spree hinunter gelaufen und nach den vielen Jahren
seines Aufenthalts hat sich dieser Bonner jedenfalls gut angepasst:
wenn ich ihn sehe, meckert er immer nur rum. Helau! Alaaf! Friedel,
welcome to the club!
Ich komme zu folgendem Schluss: Der Bonner steht sich selbst
im Weg. Er hindert sich selbst daran, mit Berlin zu kuscheln,
weil er ja ausschließlich von montags bis donnerstags in
seinem Exil in Mitte hockt. Mit traurigem, von Sehnsucht nach
dem Rhein erfüllten Blick. Parallel beschwert er sich über
das Kiezverhalten der Berliner und verkennt, dass ihn selbst dieser
Virus schon befallen hat. Er begreift einfach nicht, dass die
Stadt in ihrer Ausdehnung zu gefährlich ist, als dass die
Grenzen des Bezirks überschritten werden könnten. Zum
Beweis: Berliner Busfahrer fragen nicht ohne Grund nach dem Reisepass,
wenn man nach Spandau will. Freitags erhellt sich plötzlich
des Bonners Laune. Er packt seine dreckige Wäsche freudestrahlend
in seinen Koffer und kann es kaum erwarten, nach Hause zu Mama
zu kommen. Und wieder versagt er sich, Frieden mit der Stadt zu
machen.
Letztens, bei besagter Sylvesterparty, stellte ich dann fest,
dass der Rheinländer ein Stück seiner Frohnatur verloren
hat und ziemlich empfindlich geworden ist. Selbstverständlich
wissen wir, dass auch Bonn über namhafte Szenelokale, Boutiquen
mit Designerlabels und geordnete Verkehrsverhältnisse verfügt
– trotzdem darf man die Stadt doch beschaulich oder übersichtlich
nennen, oder? Schließlich ist das ein Kompliment aus Berliner
Sicht!
Birgit M. Hankiewicz
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