Die Entwicklung der Brandenburger Grenzregion vor der EU-Erweiterung
gerät zunehmend in den Blick öffentlicher und privater
Akteure. Bis 2004 bleibt nicht mehr viel Zeit, um die wirtschafts-
und sozialräumlichen Weichen zu stellen. Michael Arndt vom
Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS)
wies vor diesem Hintergrund in seinem Eingangsstatement zum 16.
Regionalgespräch Ende 2002 in Erkner bei Berlin darauf hin,
den Ausbau der Verkehrs-Infrastruktur in der deutsch-polnischen
Grenzregion als politische und wirtschaftliche Herausforderung
zu begreifen. Gleichwohl seien auch weiche Standortfaktoren zu
berücksichtigen, dies gelte vor allem für die Befindlichkeiten
in der Hauptstadtregion. In ähnlicher Richtung argumentierte
auch Jochen Bethkenhagen vom Ministerium der Justiz und für
Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg. Er plädierte
für einen Mittelweg: Sowohl das Land Brandenburg als auch
die Kommunen sollten gleichermaßen an der Grenzraumentwicklung
mitarbeiten. Hierzu seien Leitbilder wie das in jüngster
Zeit diskutierte "deutsch-polnische Haus" durchaus eine
"Denkhilfe".
Die Diskussion machte klar, dass es gegenwärtig zu einer
Überlagerung mehrerer Leitbild-Diskurse kommt: zum einen
in der Hauptstadtregion vor dem Hintergrund der intendierten Fusion,
zum anderen im "Grenzraum", von dem noch niemand so
recht weiß, wo er beginnt und wo er aufhört. Rüdiger
Rietzel von der Euroregion Pro Europa Viadrina sagte, es gebe
gegenseitige Blockaden zwischen Berlin und Brandenburg, an den
Leitbildern werde zurzeit nicht effektiv genug weiter gearbeitet.
Angemahnt wurde überdies, bei weiteren Überlegungen
im politischen Raum den Akteuren auf beiden Seiten der Oder gleiche
Rechte zu geben, um in Zukunft eine effektive Entwicklungsstrategie
zu ermöglichen. "Wir müssen auf der Mikro-Ebene
klar kommen, die Kommunen brauchen gleiche gesetzliche Grundlagen",
meinte Günter Quiel von der Europa-Universität Viadrina.
Am Beispiel der deutsch-polnischen Doppelstadt Guben-Gubin hob
Jörg Dürrschmidt, am IRS Mitarbeiter der Abteilung Planungsgeschichte
und Regionalkultur, hervor, im deutsch-polnischen Grenzraum sei
eine Kluft zwischen dem politischen Anspruch und den alltagsweltlichen
Bedingungen vor Ort zu verzeichnen: "Unsere Untersuchungen
haben ergeben, dass die Alltagsmilieus auf politische Ansprüche
prallen, die Politik muss die Realitäten zur Kenntnis nehmen".
Ein weiteres Statement brachte Jerzy Kaczmarek von der Universität
Poznan ein, er war als DAAD Stipendiat zu Gast im IRS. Nach seinen
Erkenntnissen vernachlässige eine ökonomistische Debatte
die kulturelle, geistige und interpersonelle Sphäre. Kaczmarek,
der sich mit der Methode der visuellen Soziologie in seiner Habilitation
der Entwicklung des deutsch-polnischen Grenzraums widmet, bemängelte
zudem ein Defizit an informellen Kontakten in Guben-Gubin: "Nach
oben funktionieren die Kontakte gut, nach unten schlecht."
Auf der alltagsweltlichen Ebene sei die Doppelstadt Guben-Gubin
weit davon entfernt, das positive Image einer "Eurostadt"
darzustellen.
Insgesamt ergab die Diskussion im IRS folgende Empfehlungen:
• Einbeziehung der Leitbilddebatte zwischen Berlin und Brandenburg
bei der weiteren politischen Debatte um die Entwicklung der brandenburgisch-polnischen
Grenzregion
• Berücksichtigung der Verkehrssituation in der Grenzraumpolitik
• transparente Darstellung der Grenzraumpolitik des Landes
Brandenburg für die kommunalen Entscheidungsträger und
Akteure
• Forcierung der Debatte um die Entwicklung eines gemeinsamen
Leitbildes
• mehr politische Aufmerksamkeit für Alltagsmilieus
auf beiden Seiten
• Einbau von "Pufferzeiten", die eine nachhaltige
Grenzraumentwicklung ermöglichen; Schaffung einer dem Integrationsprozess
angemessenen zeitlichen Umstrukturierungsphase
• mehr Aufmerksamkeit gegenüber unterschiedlichen Mentalitäten,
auch im Hinblick auf die Einbeziehung religiöser und bildungspolitischer
Entwicklungsfaktoren.
Als Fazit des Regionalgesprächs betonten die 20 Teilnehmer
aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft,
dass es in der weiteren raumpolitischen Diskussion darum gehen
muss, harte und weiche Entwicklungsfaktoren zusammenzuführen
und beide gleichermaßen ernst zu nehmen. Die Entwicklung
der Grenzregion wird den Teilnehmerkreis der Regionalgespräche
insofern auch in Zukunft weiter beschäftigen.
Gerhard Mahnken
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