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Berlin-Adlershof, das
war einmal ein Synonym für Staatsrundfunk, Propaganda aus
der giftspritzenden Feder des Karl-Eduard von Schnitzler. Wenn
es in der jüngsten Vergangenheit einen Paradigmenwechsel
gegeben hat, dann hier, an dem auf den ersten Blick im süd-östlichen
Abseits gelegenen Kiez, der so gar nichts mehr gemeinsam hat mit
seinen alten Symbolen. Spätestens seit dem ”Kandidaten-Duell”
zwischen Schröder und Stoiber im Sommer 2002 ist Adlershof
ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit geraten und wird
in Wissenschaftskreisen schon längst als Marke gehandelt.
Wer in den Forschungsfeldern Optoelektronik, Hochfrequenztechnik
oder Luft- und Raumfahrt beheimatet ist, kennt den traditionsreichen
Standort auch in Los Angeles oder Tokio. Eine große Attraktivität
stellt die Ansiedlung der Humboldt Universität dar. Die älteste
Alma mater Berlins verlagert 25% ihrer Kapazitäten nach Adlershof.
Gewollt ist ein reger Austausch von Gedanken und Personal. Diese
Verankerung gestaltet sich zurzeit positiv und stößt
auf gegenseitiges Interesse bei Industrie und Forschung.
Standortnachteile durch die Randlage muss Adlershof nicht befürchten.
Im Bereich des Wissenschaft- und Technologie-Parks wird die Ansiedlung
von Betrieben nicht über den in Berlin ohnehin niedrigen
Immobilienpreis gefördert. Vielmehr besteht das Interesse
der Investoren in der interessanten Struktur des Standortes. Klar,
die Nähe zur pulsierenden Innenstadt lockt auch ausländische
Interessenten. Doch wer hierher zieht, kann sich vor allen Dingen
funktionierender Netzwerke bedienen. Wer beispielsweise Glasfaserkabel
produzieren will, braucht die Nähe von optoelektronischen
Instituten. Im Klartext heißt das: Firmen können Produkte
fertigen, die in benachbarten Instituten entwickelt werden. Auch
andersherum funktioniert die Sache: Viele der Adlershofer Institute
entwickeln Produkte, die sie nicht selbst produzieren und vermarkten
können. In direkter Nachbarschaft mit einem privaten Unternehmen
gelingt diese Art Kooperation problemloser als über große
Distanzen. Besonders im Bereich des wissenschaftlichen Gerätebaus
kann Adlershof auf stolze Zuwachsraten verweisen. Schon zu DDR-Zeiten
hatte dieser Industriezweig eine hohe Tradition und Qualität
auf dem seinerzeit vielbeschworenen Weltniveau. Das ist der Grund
für die Ansiedlung der zahlreichen Biotechnologiebetriebe
in Adlershof.
Kultur
Nach den jüngsten Gerüchten um den Rückzug des
japanischen Elektronik-Riesen Sony ist klar geworden, dass sich
die Zukunft Berlins auch an der Peripherie entscheidet. Der Flughafen
Schönefeld liegt künftig nur eine Autobahnausfahrt von
der Rudower Chaussee entfernt. In der Gegenrichtung liegt nach
Fertigstellung der Stadtautobahn der Ku’damm nur 20 Autominuten
von der Wissenschaftsstadt entfernt. Diesen Nahverkehrskomfort
werden die Adlershofer wohl dankend in Anspruch nehmen. Nur die
wenigsten der hier Beschäftigten wohnen im direkten Umfeld.
Was den täglichen Bedarf betrifft, wird in der nächsten
Zeit eine Shopping-Mall für die Befriedigung der täglichen
Bedürfnisse sorgen. Das Dorint-Hotel an der Rudower Chaussee
beherbergt seit Jahren Gäste, die zu ihren Geschäftbesuchen
aus dieser Herberge heraus kein Taxi zum besuchten Unternehmen
benötigen.
Wirtschaftliche Ergebnisse
Selbst in der augenblicklich miesen Wirtschaftslage gab es in
Adlershof keine massiven Einbrüche. Die Flächenvermietung
gedeiht noch auf hohem Niveau. Nimmt man die Mieteinnahmen als
Indikator für wirtschaftlichen Erfolg, geht es den Erben
Nipkows und Wrights nicht schlecht. Neue Unternehmen kommen nicht
mehr in Scharen, aber immer noch zahlreich. Wer sich hier ansiedelt,
hat auch relativ krisenfest gebaut. Immerhin gab es innerhalb
der rund 350 Organisationen nur sechs Firmenlöschungen. WISTA
Kommunikationsleiter Dr. Peter Strunk dazu: “Unsere Unternehmen
sind robust”. Das ist auch Grundlage für Strunks erfolgreiche
PR-Arbeit: ”Ich habe nur Vorzeigbares anzubieten.”
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum sich die
Unternehmer und Forscher in Adlershof so wohl fühlen. Der
erfolgreiche Verbund lässt die Anrainer eine Art Heimatgefühl
entwickeln, das die Amerikaner “Spirit” nennen. Aber
Wissenschaftler sprechen über so etwas meist nicht ...
Jörg Gruhl
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