Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 09/Juli 2003 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
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Report zum PR-Tag
  Glosse
Von Programmfoldern und Einladungskarten
  DPRG-Arbeitskreis
Let´s talk about Science
  Portrait
Rosemarie Büschel
  Glosse
Kultur is alle
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  Kommentar
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44. Deutscher PR-Tag
  Statement
Kritischer Journalismus und PR
 

Golfturnier
1. DPRG Presse Cup
Meet the press

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PR-Tag 2003
- eine Nachlese
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Editorial
Kultur is alle - eine Provinzglosse


Lieber allein als gemeinsam einsam: Die Kulturlandschaft Brandenburg bietet immer noch jede Menge Refugien.
 

Wenn der Bäckerwagen nicht mehr kommt, fährt man eben zu Aldi. Wenn der Bücherwagen für immer wegbleibt, müssen die Leute, zum Beispiel in der brandenburgischen Uckermark, erst mal eine Bibliothek finden, wenn sie was Gutes lesen wollen. Wenn’s denn noch eine gibt im Umfeld von 50 Kilometern oder so. Vom Kino wollen wir hier lieber gar nicht erst reden. „Kultur für alle!“. Das war mal. Das war die Maxime von Hilmar Hoffmann für die bundesdeutsche Kulturpolitik der achtziger Jahre. Können wir uns das auf dem brandenburgischen Lande überhaupt noch leisten? Das rechnet sich doch gar nicht mehr. Oder?

Jetzt mal halblang. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist das doch auch so ähnlich. Da klagt ja auch fast keiner mehr. Hör’n wir also endlich auf zu jammern! In Mark und Metropole und auch woanders! Das kann doch sowieso kaum noch einer hören, jetzt, wo viele längst weg sind und alles vor sich hinschrumpft. Die Abwanderungszahlen sprechen ihre eigene Sprache. Wer nicht verblöden will, soll doch abhauen!?

„Du fragst mich, was soll ich tun, Arthur? Ich aber sage dir: Lebe wild und gefährlich!“ (Alter Postkartengruß). Warum also nicht wieder gewagte Gewohnheiten fördern, die wenig kosten und trotzdem wirken. Wie wär’s mit „Flatscreen für alle“? Demnächst bei Lidl. Lidl ist billig. Flatscreen. Das klingt irgendwie nach Alleinstellungsmerkmal. Könnte `ne gute Sache werden, wenn das mal flächendeckend läuft. Dazu als Auftakt eine überregionale Pressekonferenz mit Experten und verblödeten Betroffenen irgendwo am märkischen Kiefernwaldrand, wie ihn Fontane und Hauptmann gemocht hätten ... und MAZ ab!

Nach Alleinstellungsmerkmalen suchen wir doch sowieso irgendwie alle. Alleinstellungsmerkmale (man beachte den Plural) können eine gewaltige Integrationskraft entwickeln. Wer sie sucht, befindet sich stets in Gesellschaft. Im Übrigen können schon ganze Landstriche Alleinstellungsmerkmale vorweisen, weil keiner mehr da ist. Mit Flatscreens ließen sich da bestimmt schöne Kulturlandschaften gestalten. Landschaftsparks mit medial-metaphorischen Strukturen oder so. So ähnlich wie Christo das immer macht. Ein bisschen Kultur ist ja gerade dann schön, wenn man auch mal länger auf dem Lande ist oder wenn man da sogar wohnen will, wie Sylvia Sandig und DPRG- Verbandskollege Eberhard Knödler-Bunte in der Uckermark auf Hof Luisenau. Da ist doch auch immer was los, Sommerfeste und so weiter ...

Also Kultur jetzt nicht nur über Satelliten und Flatscreens, sondern richtig. Wie früher. Mit regionaler Identität oder wie das heißt. Scheiße! Warum eigentlich nicht auch mal wieder mit Heimat? Und mit „Toleranz“. Im Grunde hat in der Fernsehprovinz ja keiner was gegen Neger. Und so viele, wie manche denken, sind das in der Mark gar nicht. Alles halb so wild sozusagen. „Leider werde die Zahl der Ausländer im Land vielfach völlig überschätzt,“ sagte neulich ein brandenburgischer Minister (DER TAGESSPIEGEL, 06. Mai 2003). Komplizierter Satz. Der Minister meint das bestimmt nicht so, notfalls hat er das ja auch gar nicht so gesagt. Erst mal Gras drüber wachsen lassen ...

Letztlich bleibt die Frage: Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld für die „Peripherie“? Jede Woche woanders ein Sommer- oder Schützenfest aus Eigeninitiative der eingesessenen Bevölkerung ist auch für hartgesottene Märker auf Dauer nicht durchzuhalten. Schlimm muss das für die Kinder sein. Später haben dann wohl leider auch - ich gebe ihnen jetzt mal aus der postsozialistischen Schublade bewährte Fernwehnamen - Jason und Mandy in der Uckermark die Schnauze gestrichen voll von Flatscreens im Kinderzimmer. Werden auch sie das Weite suchen? Schluss jetzt! Vielleicht machen Jason und Mandy ja später mal einen Döner-Stand mit märkischen Spezialitäten auf. Möglichkeiten gibt’s schließlich genug. Man müsste doch bloß die ausrangierten Bibliothekswagen als soziokulturelle Imbissbuden umbauen und an die regionalen Unfallschwerpunkte des Bundesautobahnnetzes stellen. Da ist auch immer was los ...

Gerald Mangold


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