
Lieber allein als gemeinsam einsam: Die Kulturlandschaft
Brandenburg bietet immer noch jede Menge Refugien. |
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Wenn der Bäckerwagen
nicht mehr kommt, fährt man eben zu Aldi. Wenn der Bücherwagen
für immer wegbleibt, müssen die Leute, zum Beispiel
in der brandenburgischen Uckermark, erst mal eine Bibliothek finden,
wenn sie was Gutes lesen wollen. Wenn’s denn noch eine gibt
im Umfeld von 50 Kilometern oder so. Vom Kino wollen wir hier
lieber gar nicht erst reden. „Kultur für alle!“.
Das war mal. Das war die Maxime von Hilmar Hoffmann für die
bundesdeutsche Kulturpolitik der achtziger Jahre. Können
wir uns das auf dem brandenburgischen Lande überhaupt noch
leisten? Das rechnet sich doch gar nicht mehr. Oder?
Jetzt mal halblang. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist
das doch auch so ähnlich. Da klagt ja auch fast keiner mehr.
Hör’n wir also endlich auf zu jammern! In Mark und
Metropole und auch woanders! Das kann doch sowieso kaum noch einer
hören, jetzt, wo viele längst weg sind und alles vor
sich hinschrumpft. Die Abwanderungszahlen sprechen ihre eigene
Sprache. Wer nicht verblöden will, soll doch abhauen!?
„Du fragst mich, was soll ich tun, Arthur? Ich aber sage
dir: Lebe wild und gefährlich!“ (Alter Postkartengruß).
Warum also nicht wieder gewagte Gewohnheiten fördern, die
wenig kosten und trotzdem wirken. Wie wär’s mit „Flatscreen
für alle“? Demnächst bei Lidl. Lidl ist billig.
Flatscreen. Das klingt irgendwie nach Alleinstellungsmerkmal.
Könnte `ne gute Sache werden, wenn das mal flächendeckend
läuft. Dazu als Auftakt eine überregionale Pressekonferenz
mit Experten und verblödeten Betroffenen irgendwo am märkischen
Kiefernwaldrand, wie ihn Fontane und Hauptmann gemocht hätten
... und MAZ ab!
Nach Alleinstellungsmerkmalen suchen wir doch sowieso irgendwie
alle. Alleinstellungsmerkmale (man beachte den Plural) können
eine gewaltige Integrationskraft entwickeln. Wer sie sucht, befindet
sich stets in Gesellschaft. Im Übrigen können schon
ganze Landstriche Alleinstellungsmerkmale vorweisen, weil keiner
mehr da ist. Mit Flatscreens ließen sich da bestimmt schöne
Kulturlandschaften gestalten. Landschaftsparks mit medial-metaphorischen
Strukturen oder so. So ähnlich wie Christo das immer macht.
Ein bisschen Kultur ist ja gerade dann schön, wenn man auch
mal länger auf dem Lande ist oder wenn man da sogar wohnen
will, wie Sylvia Sandig und DPRG- Verbandskollege Eberhard Knödler-Bunte
in der Uckermark auf Hof Luisenau. Da ist doch auch immer was
los, Sommerfeste und so weiter ...
Also Kultur jetzt nicht nur über Satelliten und Flatscreens,
sondern richtig. Wie früher. Mit regionaler Identität
oder wie das heißt. Scheiße! Warum eigentlich nicht
auch mal wieder mit Heimat? Und mit „Toleranz“. Im
Grunde hat in der Fernsehprovinz ja keiner was gegen Neger. Und
so viele, wie manche denken, sind das in der Mark gar nicht. Alles
halb so wild sozusagen. „Leider werde die Zahl der Ausländer
im Land vielfach völlig überschätzt,“ sagte
neulich ein brandenburgischer Minister (DER TAGESSPIEGEL, 06.
Mai 2003). Komplizierter Satz. Der Minister meint das bestimmt
nicht so, notfalls hat er das ja auch gar nicht so gesagt. Erst
mal Gras drüber wachsen lassen ...
Letztlich bleibt die Frage: Wer soll das bezahlen, wer hat soviel
Geld für die „Peripherie“? Jede Woche woanders
ein Sommer- oder Schützenfest aus Eigeninitiative der eingesessenen
Bevölkerung ist auch für hartgesottene Märker auf
Dauer nicht durchzuhalten. Schlimm muss das für die Kinder
sein. Später haben dann wohl leider auch - ich gebe ihnen
jetzt mal aus der postsozialistischen Schublade bewährte
Fernwehnamen - Jason und Mandy in der Uckermark die Schnauze gestrichen
voll von Flatscreens im Kinderzimmer. Werden auch sie das Weite
suchen? Schluss jetzt! Vielleicht machen Jason und Mandy ja später
mal einen Döner-Stand mit märkischen Spezialitäten
auf. Möglichkeiten gibt’s schließlich genug.
Man müsste doch bloß die ausrangierten Bibliothekswagen
als soziokulturelle Imbissbuden umbauen und an die regionalen
Unfallschwerpunkte des Bundesautobahnnetzes stellen. Da ist auch
immer was los ...
Gerald Mangold
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