Auch in den westlich geprägten Ländern ist der unabhängige,
kritische Journalismus keine Selbstverständlichkeit sondern,
zumal in Deutschland, eine noch relativ junge und immer wieder
bedrohte Pflanze. Was würde passieren, wenn dieser inhaltliche
Kern des journalistischen Geschäftes nicht mehr existierte?
Public Relations in einem modernen Verständnis wären
nicht mehr möglich, weil hierzu zwingend die Abnehmerseite,
also der (kritische) Journalismus benötigt wird. PR wird
überflüssig, wenn sie zum „Anzeigengeschäft“
oder „Propaganda-Instrument“ mutiert. Ohne einen unabhängigen,
kritischen Journalismus fehlte der Öffentlichkeitsarbeit
buchstäblich die Basis, auf der sie steht und agiert. Niemand
käme auf die Idee, Dialoge zu führen, wenn das herrschende
Kommunikations-System nach dem einfachen Sender-Empfänger-Modell
funktioniert.
Kritische Journalisten sind die Mediatoren unserer Zivilgesellschaft.
Im Dickicht politischer Wechsel und in der Kurzlebigkeit gesellschaftlich
relevanter Themen tragen sie eine Verantwortung, die weit über
das alte Rollenverständnis der Vermittler oder Übersetzer
hinaus reicht. Dies gilt in einem besonderen Maße für
den politischen Journalismus. Politiker sind heute nicht mehr
in der Lage, allein auf weiter Flur gesamtgesellschaftliche Strukturelemente
zu verknüpfen. Sie sind quasi Gefangene auf Zeit in abgesteckten
Ressort-Kontexten. Kritische Politik-Journalisten haben deshalb
auf einer Meta-Ebene die Aufgabe, politikberatend zu wirken. Somit
kommt ihnen im Bereich der Public Affairs und in der politischen
Kommunikation mehr als bisher die Rolle der Verbündeten zu.
Grundsätzlich spielen beide Berufsstände eine ähnliche
zivilgesellschaftliche Rolle: hier die PR-Leute in ihrer jeweiligen
Teilöffentlichkeit für ihre Auftraggeber, dort die Journalisten
in einem meist erweiterten Recherche-Kontext. Gemeinsam könnten
sie in der Öffentlichkeit noch mehr dafür sorgen, dass
Transparenz im Meinungsmarkt erhalten bleibt, auch und gerade
an den Stellen, wo starke Interessen Stillschweigen lieber hätten.
Über den tagesaktuellen Bezug hinaus können PR-Profis
konkret etwas dafür tun, ein Modell des kritischen Journalismus,
von dem sie letztlich leben und profitieren, zu erhalten und auszubauen:
Erstens sollten sie ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass
es wichtige Beziehungen zwischen PR-Fachleuten und Journalisten
gibt, die deutlich über das zynische Diktum von Klaus Kocks
(„Verhältnis von Dealern und Junkies“) hinausgeht.
Es geht in Zukunft darum, eine Verantwortungsgemeinschaft zwischen
den beteiligten Berufsgruppen zu entwickeln, die darauf abzielt,
trotz der getrennten Rollen, die von Journalismus und PR bisher
vernachlässigten gemeinsamen Interessen gegenüber Staat,
Wirtschaft und Gesellschaft zu vertreten.
Zweitens sollten PR-Profis mit den Kollegen auf der anderen Seite
des Schreibtisches eine übergeordnete Identität als
„Medienschaffende“ entwickeln, die es zulässt,
gemeinsame Interessen wahr zu nehmen. Drittens sollten sie mit
ihren Journalisten-Kollegen die Zusammenhänge analysieren,
die eine innere und äußere Pressefreiheit gefährden.
Und viertens sollten PR-Professionals die Pressefreiheit als Grund-Determinante
für einen unabhängigen, kritischen Journalismus ebenso
wie für eine redliche PR – auch aus wohlverstandenem
Eigeninteresse – zusammen mit den Journalisten verteidigen
lernen.
Matthias Koch
Gerhard Mahnken
|