Laura sitzt in Reihe 36, Platz 42. Sehr aufmerksam hört
sie zu und notiert die wichtigsten Stichpunkte. Lautverschiebung.
Lautveränderung. Donnerstag, 26. Februar 2004. Berlin, Unter
den Linden. Humboldt-Universität. Vorlesung von Frau Professor
Karin Donhauser, Lehrstuhl für Geschichte der Deutschen Sprache
am Institut für deutsche Sprache und Linguistik. Ihr Thema:
„Warum gibt es so viele verschiedene Sprachen auf der Welt.“
Ankündigung der 1. Kindervorlesung an der HU Berlin
Gekommen sind an diesem Donnerstag Nachmittag um 17.00 Uhr rund
700 junge Leute, die das Audimax bis auf den letzten Platz füllen.
Eine spannende Frage wird behandelt, auf die es, wie wir erfahren,
nicht nur die altbekannte Antwort vom Turmbau zu Babel gibt. Vielmehr,
so erklärt Frau Professor und läuft dabei vorne auf
der Bühne frei sprechend hin und her, weiß die Sprachwissenschaft
inzwischen, dass Sprachvielfalt durch Sprachwandel entsteht. Sprachwandel
verändert die Laute, den Sprachbau und den Wortschatz von
Sprachen. Sprachverwandtschaft gibt dabei Hinweise auf den Weg,
den Sprachen in ihrer Entwicklung zurückgelegt haben.
Neben Laura sitzt Verena. Auch sie notiert einige Stichworte auf
dem mitgebrachten Zettel. Sprachvielfalt, Sprachwandel, Sprachverwandtschaft.
Von Zeit zu Zeit schaut sie zu Laura auf deren Blatt, ob sie auch
alles richtig auf- bzw. abgeschrieben hat. Dazu entsteht auf dem
Notizblatt mit der Zeit eine hübsche Blümchenwiese.
Lars, Reihe 32, Platz 28, hat vom stillen Sitzen so ein Kribbeln
im ganzen Körper. Mit den Armen greift er über den Kopf,
zupft sich links, kratz sich rechts, wackelt mit dem Kopf, rollt
sich in der engen Sitzreihe so gut es geht ein, streckt sich wieder
aus. Will nicht laut sein. Stört aber doch. Laura schaut
genervt rüber. Kann der nicht einfach mal ordentlich mitschreiben?
Alexander und Kevin, Reihe 38, Plätze 12 und 13, haben entdeckt,
dass man den kleinen Tisch vor den Sitzen mit ein bisschen technischem
Geschick rauf und runter klappen kann. Klack. Schrrrr. Klack.
Sicherheitshalber noch mal, um die Mechanik wirklich genau zu
verstehen: Klack, schrrrnnn, Klack.
Frau Professor läuft derweil vorne wieder auf und ab. Leider
ist die Qualität der Verstärkeranlage im Audimax der
Berliner Humboldt-Universität nicht optimal. Vielleicht ist
die ordinierte Lehrstuhl-Dame auch nicht so geübt im Anwenden
eines mobilen Funk-Mikros. Die Charts allerdings, die sie per
Beamer an die Wand werfen lässt, sind recht anschaulich gestaltet.
Da wackelt der Turm zu Babel, da blinken einzelne Buchstaben auf
und verändern sich. Das alles vor sympathisch gelbem Folienhintergrund.
Realisation: Lars Mecklenburg von designato!de, einem Büro
für Informationsdesign. Wenn es so etwas mal zu unserer Studienzeit
gegeben hätte.
„Kinder-Uni“ nennt sich dieser neue Vorgang in Sachen
Wissenschafts-PR, 700 Grund-schüler für etwa eine Stunde
im größten Raum der Uni abzusetzen. Eltern müssen
draußen bleiben. Einige begleitende Lehrer dürfen (oder
sollen) drinnen dabei bleiben. Sie haben sich in den Laufgängen
zwischen den Sitzreihen postiert. Pscht! Sssssttt! werden gestrenge
Blicke zu den jungen Wissenschaffenden geworfen. Derweil haben,
wenn man einmal den Blick vorurteilsfrei durch das Audimax schweifen
lässt, insbesondere die Jungs das Problem mit dem rauf und
runter klappbaren Tischchen schon weitgehend im Griff.
Lateinisch proteg-o, deutsch ich schütze. Das ehemals angehängte
Subjekt hat sich frei gemacht und nach vorn gestellt. Frau Professor
ist begeistert über die Einfachheit dieser Erkenntnis. Jetzt
wird noch einmal ein altmittelhochdeutsches (Verena schaut sicherheits-halber
wieder zu Laura auf den Schreibblock) Liebesgedicht vorgetragen.
„Dat du min Leevsten büst, dat du woll weeßt.“
Sibin Vassilev hat für das Institut die entsprechende Klangkomposition
entworfen, die nun über eine richtig starke Musikanlage eingespielt
wird und in der Tat das Audimax mit sattem Sound füllt.
Soweit für heute. Mehr zum Thema unter www.wissenschaft-online.de/artikel/500445.
Siebenhundert Kinder erheben sich aus den engen Sitzreihen. Einige
vergessen nicht, zum Abschluss mit den Fingerknöcheln auf
den kleinen Klapptisch zu klopfen – sofern dieser nicht
(je nach augenblicklichem Forschungstand) gerade runtergeklappt
ist.
700 Jungen und Mädchen im Alter von 8 bis 12 Jahren verlassen
den Hörsaal und strömen an den Büchertischen der
Schulbuchverlage vorbei durchs Treppenhaus hinunter. Handies werden
gezückt. „Hallo Mama, ich bin jetzt fertig!“
– „Ja mein Schatz, komm runter, ich stehe draußen,
wenn du zur Tür raus kommst links an der Säule.“
Beim Rausgehen gibt’s für die jungen Kinder-Uni-Absolventen
noch ein kleines Give away. Familientreffen nach erfolgreicher
Wissenschaftsinitiation. Papa und Sohnemann haben sich gefunden.
„Na wie war’s“, fragt der akademisch erwartungsvolle
Vater. „Wir haben wieder Studentenfutter bekommen“,
berichtet der Filius begeistert.
Tipp an die Organisatoren der Kinder-Uni: Bietet gute Charts,
aufschlussreiche Klanginstallationen und ähnliches doch einfach
den erwachsenen Studierenden an. Verteilt an ordentlich eingeschriebene
Studentinnen und Studenten gerne auch jede Menge Studenten-futter.
Macht einfach eine Kinder-Uni für Erwachsene. Dann wird alles
gut mit dem Wissenschaftsstandort Deutschland. Aber – Psssst!
– hört auf mit dem Unsinn, 700 Grundschulkinder stundenlang
in akademischen Stuhlreihen festzuklemmen.
Achim Kühne-Henrichs
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