Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 11/April 2004 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
  Thema
Wissenschaftsjourna-lismus - Sprachrohr der Wissenschaft
  Thema
Wissenschaftsstandort Berlin/Brandenburg
  Glosse
Kinder-Uni - ein Erfolgskonzept für Erwachsene
  Ortstermin
Abschied von Prof. Baerns an der Freien Uni Berlin
  Workshopbericht
Bilder und Bericht vom Konzeptionsworkshop
  Kommentar
Kochs Rezepte und Reflexionen
  Forum Kulturge-schichte der Technik und Wissenschaft
  Kommentar
Die verordnete Elite
  Junioren machen Medien-Workshop
  PR-Patenschaft
  Neue Mitglieder
  Termine
  Impressum
Archiv
 

Streusandbüchse 01/01
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Editorial
Kinder-Uni
– ein Erfolgskonzept für Erwachsene

Laura sitzt in Reihe 36, Platz 42. Sehr aufmerksam hört sie zu und notiert die wichtigsten Stichpunkte. Lautverschiebung. Lautveränderung. Donnerstag, 26. Februar 2004. Berlin, Unter den Linden. Humboldt-Universität. Vorlesung von Frau Professor Karin Donhauser, Lehrstuhl für Geschichte der Deutschen Sprache am Institut für deutsche Sprache und Linguistik. Ihr Thema: „Warum gibt es so viele verschiedene Sprachen auf der Welt.“

Ankündigung der 1. Kindervorlesung an der HU Berlin


Gekommen sind an diesem Donnerstag Nachmittag um 17.00 Uhr rund 700 junge Leute, die das Audimax bis auf den letzten Platz füllen. Eine spannende Frage wird behandelt, auf die es, wie wir erfahren, nicht nur die altbekannte Antwort vom Turmbau zu Babel gibt. Vielmehr, so erklärt Frau Professor und läuft dabei vorne auf der Bühne frei sprechend hin und her, weiß die Sprachwissenschaft inzwischen, dass Sprachvielfalt durch Sprachwandel entsteht. Sprachwandel verändert die Laute, den Sprachbau und den Wortschatz von Sprachen. Sprachverwandtschaft gibt dabei Hinweise auf den Weg, den Sprachen in ihrer Entwicklung zurückgelegt haben.

Neben Laura sitzt Verena. Auch sie notiert einige Stichworte auf dem mitgebrachten Zettel. Sprachvielfalt, Sprachwandel, Sprachverwandtschaft. Von Zeit zu Zeit schaut sie zu Laura auf deren Blatt, ob sie auch alles richtig auf- bzw. abgeschrieben hat. Dazu entsteht auf dem Notizblatt mit der Zeit eine hübsche Blümchenwiese.

Lars, Reihe 32, Platz 28, hat vom stillen Sitzen so ein Kribbeln im ganzen Körper. Mit den Armen greift er über den Kopf, zupft sich links, kratz sich rechts, wackelt mit dem Kopf, rollt sich in der engen Sitzreihe so gut es geht ein, streckt sich wieder aus. Will nicht laut sein. Stört aber doch. Laura schaut genervt rüber. Kann der nicht einfach mal ordentlich mitschreiben?

Alexander und Kevin, Reihe 38, Plätze 12 und 13, haben entdeckt, dass man den kleinen Tisch vor den Sitzen mit ein bisschen technischem Geschick rauf und runter klappen kann. Klack. Schrrrr. Klack. Sicherheitshalber noch mal, um die Mechanik wirklich genau zu verstehen: Klack, schrrrnnn, Klack.

Frau Professor läuft derweil vorne wieder auf und ab. Leider ist die Qualität der Verstärkeranlage im Audimax der Berliner Humboldt-Universität nicht optimal. Vielleicht ist die ordinierte Lehrstuhl-Dame auch nicht so geübt im Anwenden eines mobilen Funk-Mikros. Die Charts allerdings, die sie per Beamer an die Wand werfen lässt, sind recht anschaulich gestaltet. Da wackelt der Turm zu Babel, da blinken einzelne Buchstaben auf und verändern sich. Das alles vor sympathisch gelbem Folienhintergrund. Realisation: Lars Mecklenburg von designato!de, einem Büro für Informationsdesign. Wenn es so etwas mal zu unserer Studienzeit gegeben hätte.

„Kinder-Uni“ nennt sich dieser neue Vorgang in Sachen Wissenschafts-PR, 700 Grund-schüler für etwa eine Stunde im größten Raum der Uni abzusetzen. Eltern müssen draußen bleiben. Einige begleitende Lehrer dürfen (oder sollen) drinnen dabei bleiben. Sie haben sich in den Laufgängen zwischen den Sitzreihen postiert. Pscht! Sssssttt! werden gestrenge Blicke zu den jungen Wissenschaffenden geworfen. Derweil haben, wenn man einmal den Blick vorurteilsfrei durch das Audimax schweifen lässt, insbesondere die Jungs das Problem mit dem rauf und runter klappbaren Tischchen schon weitgehend im Griff.

Lateinisch proteg-o, deutsch ich schütze. Das ehemals angehängte Subjekt hat sich frei gemacht und nach vorn gestellt. Frau Professor ist begeistert über die Einfachheit dieser Erkenntnis. Jetzt wird noch einmal ein altmittelhochdeutsches (Verena schaut sicherheits-halber wieder zu Laura auf den Schreibblock) Liebesgedicht vorgetragen. „Dat du min Leevsten büst, dat du woll weeßt.“ Sibin Vassilev hat für das Institut die entsprechende Klangkomposition entworfen, die nun über eine richtig starke Musikanlage eingespielt wird und in der Tat das Audimax mit sattem Sound füllt.

Soweit für heute. Mehr zum Thema unter www.wissenschaft-online.de/artikel/500445. Siebenhundert Kinder erheben sich aus den engen Sitzreihen. Einige vergessen nicht, zum Abschluss mit den Fingerknöcheln auf den kleinen Klapptisch zu klopfen – sofern dieser nicht (je nach augenblicklichem Forschungstand) gerade runtergeklappt ist.

700 Jungen und Mädchen im Alter von 8 bis 12 Jahren verlassen den Hörsaal und strömen an den Büchertischen der Schulbuchverlage vorbei durchs Treppenhaus hinunter. Handies werden gezückt. „Hallo Mama, ich bin jetzt fertig!“ – „Ja mein Schatz, komm runter, ich stehe draußen, wenn du zur Tür raus kommst links an der Säule.“ Beim Rausgehen gibt’s für die jungen Kinder-Uni-Absolventen noch ein kleines Give away. Familientreffen nach erfolgreicher Wissenschaftsinitiation. Papa und Sohnemann haben sich gefunden. „Na wie war’s“, fragt der akademisch erwartungsvolle Vater. „Wir haben wieder Studentenfutter bekommen“, berichtet der Filius begeistert.

Tipp an die Organisatoren der Kinder-Uni: Bietet gute Charts, aufschlussreiche Klanginstallationen und ähnliches doch einfach den erwachsenen Studierenden an. Verteilt an ordentlich eingeschriebene Studentinnen und Studenten gerne auch jede Menge Studenten-futter. Macht einfach eine Kinder-Uni für Erwachsene. Dann wird alles gut mit dem Wissenschaftsstandort Deutschland. Aber – Psssst! – hört auf mit dem Unsinn, 700 Grundschulkinder stundenlang in akademischen Stuhlreihen festzuklemmen.

Achim Kühne-Henrichs






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