Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 11/April 2004 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
  Thema
Wissenschaftsjourna-lismus - Sprachrohr der Wissenschaft
  Thema
Wissenschaftsstandort Berlin/Brandenburg
  Glosse
Kinder-Uni - ein Erfolgskonzept für Erwachsene
  Ortstermin
Abschied von Prof. Baerns an der Freien Uni Berlin
  Workshopbericht
Bilder und Bericht vom Konzeptionsworkshop
  Kommentar
Kochs Rezepte und Reflexionen
  Forum Kulturge-schichte der Technik und Wissenschaft
  Kommentar
Die verordnete Elite
  Junioren machen Medien-Workshop
  PR-Patenschaft
  Neue Mitglieder
  Termine
  Impressum
Archiv
 

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Sprachrohr der Wissenschaft? Wissenschaftsjournalismus versteht sich oft als Öffentlichkeitsarbeit für die Wissenschaft

Wissenschaft kommt heute in gut gemachten Zeitungen überall vor, nicht nur auf eigenen Seiten oder in speziellen Spalten. Wissenschaft wird zur Hintergrundinfo genutzt und sichert die Seriosität des Serviceteils. Natürlich gibt es das Ressort noch, die klassische Wissenschafts-redaktion, die ihre speziellen Seiten füllen will. Gerade die Zeitungen in Berlin-Brandenburg mit einem großen Anteil an wissenschaftsorientierten Lesern müssen berichten, was in den Labors los ist und wie der Stand der Wissenschaft in den einzelnen Disziplinen ist.

Wissenschaftsjournalisten haben häufig ein besonderes Verhältnis zu ihren Quellen. Überdurchnittlich häufig haben sie ein wissenschaftliches Studium absolviert, häufig aus den Naturwissenschaften, sie haben eine besondere Nähe zur Wissenschaft und fühlen sich oft als deren Propagandisten. Das passt eigentlich nicht zur Distanz, die ein Journalist zum Gegenstand seiner Berichterstattung haben sollte.

Ein wichtiges Qualitäts-Kriterium im Journalismus ist beispielsweise, wie viele Quellen zitiert werden. In den Artikeln auf den Wissenschaftsseiten von acht überregionalen Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland, die wir über ein halbes Jahr hin untersucht haben, wurde vielfach nur eine einzige Quelle zitiert. Rund 40 Prozent der Artikel ließen sich direkt auf einen größeren Bericht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zurück-führen. Bei den Tageszeitungen beschränkten sich die Artikel in rund 80 Prozent aller Fälle auf diese einzige Quelle.

Schaut man sich die zitierten Fachzeitschriften genauer an, wird deutlich, wie sich der Wissenschaftsjournalismus an den Normen der Scientific Community orientiert. An der Spitze der Zitierungen stehen nämlich allesamt Zeitschriften, die einen besonders hohen Impact Factor aufweisen. Mit dem Impact Factor wird angegeben, wie häufig die Artikel dieser Zeitschrift in anderen Fachzeitschriften zitiert werden, mit anderen Worten, wie hoch das Ansehen der Zeitschrift in der Wissenschaftlergenmeinschaft ist.

Dies ist kennzeichnend für die klassische Wissenschaftsberichterstattung, also die redak-tionelle Arbeit der Ressorts. Dass sich daneben eine andere Art der Wissenschaftsberichterstattung herausbildet, die stärker an den Belangen der durchschnittlichen Mediennutzer orientiert ist, kann als erfreuliche Neuorientierung angesehen werden. Weil sie weniger am Wissenschaftssystem orientiert ist, kann sie auch kritischer mit der Wissenschaft um-gehen. Kritik am Wissenschaftssystem gehört bis heute zu den großen Defiziten des Wissenschaftsjournalismus.

Winfried Göpfert

Der Autor Univ.-Prof. Winfried Göpfert ist Leiter des Arbeitsbereichs Wissenschaftsjournalismus an der Freien Universität Berlin. Es ist der einzige Lehrstuhl an einer deutschen Universität, der sich – in Forschung und Lehre – mit Wissenschaftsjournalismus beschäftigt.

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