Wissenschaft kommt heute in gut gemachten Zeitungen überall
vor, nicht nur auf eigenen Seiten oder in speziellen Spalten.
Wissenschaft wird zur Hintergrundinfo genutzt und sichert die
Seriosität des Serviceteils. Natürlich gibt es das Ressort
noch, die klassische Wissenschafts-redaktion, die ihre speziellen
Seiten füllen will. Gerade die Zeitungen in Berlin-Brandenburg
mit einem großen Anteil an wissenschaftsorientierten Lesern
müssen berichten, was in den Labors los ist und wie der Stand
der Wissenschaft in den einzelnen Disziplinen ist.
Wissenschaftsjournalisten haben häufig ein besonderes Verhältnis
zu ihren Quellen. Überdurchnittlich häufig haben sie
ein wissenschaftliches Studium absolviert, häufig aus den
Naturwissenschaften, sie haben eine besondere Nähe zur Wissenschaft
und fühlen sich oft als deren Propagandisten. Das passt eigentlich
nicht zur Distanz, die ein Journalist zum Gegenstand seiner Berichterstattung
haben sollte.
Ein wichtiges Qualitäts-Kriterium im Journalismus ist beispielsweise,
wie viele Quellen zitiert werden. In den Artikeln auf den Wissenschaftsseiten
von acht überregionalen Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland,
die wir über ein halbes Jahr hin untersucht haben, wurde
vielfach nur eine einzige Quelle zitiert. Rund 40 Prozent der
Artikel ließen sich direkt auf einen größeren
Bericht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zurück-führen.
Bei den Tageszeitungen beschränkten sich die Artikel in rund
80 Prozent aller Fälle auf diese einzige Quelle.
Schaut man sich die zitierten Fachzeitschriften genauer an, wird
deutlich, wie sich der Wissenschaftsjournalismus an den Normen
der Scientific Community orientiert. An der Spitze der Zitierungen
stehen nämlich allesamt Zeitschriften, die einen besonders
hohen Impact Factor aufweisen. Mit dem Impact Factor wird angegeben,
wie häufig die Artikel dieser Zeitschrift in anderen Fachzeitschriften
zitiert werden, mit anderen Worten, wie hoch das Ansehen der Zeitschrift
in der Wissenschaftlergenmeinschaft ist.
Dies ist kennzeichnend für die klassische Wissenschaftsberichterstattung,
also die redak-tionelle Arbeit der Ressorts. Dass sich daneben
eine andere Art der Wissenschaftsberichterstattung herausbildet,
die stärker an den Belangen der durchschnittlichen Mediennutzer
orientiert ist, kann als erfreuliche Neuorientierung angesehen
werden. Weil sie weniger am Wissenschaftssystem orientiert ist,
kann sie auch kritischer mit der Wissenschaft um-gehen. Kritik
am Wissenschaftssystem gehört bis heute zu den großen
Defiziten des Wissenschaftsjournalismus.
Winfried Göpfert
Der Autor Univ.-Prof. Winfried Göpfert ist Leiter des Arbeitsbereichs
Wissenschaftsjournalismus an der Freien Universität Berlin.
Es ist der einzige Lehrstuhl an einer deutschen Universität,
der sich – in Forschung und Lehre – mit Wissenschaftsjournalismus
beschäftigt.
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