Koch’s Rezepte und Reflektionen
Vom Osten lernen, heißt ...
Matthias Koch
...siegen lernen“ hätte es vor zwei Jahrzehnten
noch von offizieller, ostdeutscher Seite geheißen. Heute tut
man sich mit derlei Polit-Parolen schwer, und zwar mit beiden Elementen,
die in diesem Spruch stecken: mit dem „Siegen“ wie auch
mit dem „Lernen“. Anders herum betrachtet: Wie könnte
man sich denn, aus heutiger Sicht gesehen, am „Osten“
ein Beispiel nehmen? Jetzt, wo in den neuen Ländern die Montagsdemonstranten
marschieren, miese Stimmung herrscht und häufig von rechtsradikalen
Übergriffen berichtet wird, ausgerechnet jetzt also soll man
etwas Positives vom „Osten“ lernen können. Das
kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Oder reine Provokation?
Keineswegs. Bei genauerer Betrachtung kann man viel vom „Osten“
lernen. Wobei unter „Osten“ weniger die neuen Bundesländer
inklusive Berlin und Brandenburg gemeint sind, sondern vor allem
die angrenzenden europäischen Nachbar-Regionen, die spätestens
seit der EU-Osterweiterung im Mai diesen Jahres in den Fokus der
öffentlichen Wahrnehmung gerückt sind. Gemeint sind also
insbesondere die neuen baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen)
ebenso wie Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn. Diesen Ländern
sollte in nächster Zeit unsere besondere Aufmerksamkeit geschenkt
werden. Das gilt insbesondere für Kommunikationsprofis. Warum?
Schlicht deshalb, weil man dort eine Menge Neues kennen lernen kann.
Es handelt sich um wachsende Volkswirtschaften, die sich international
orientieren. Vielen dieser jungen Staaten gelingt es augenschein-lich
zur Zeit deutlich besser als Deutschland, das Bild des alten Europa
in frischen Farben zu malen.
Für Kommunikations-Professionals in Mark und Metropole bedeutet
dies in nächster Zeit: Wir werden uns darum bemühen, insbesondere
im kommenden Jahr vermehrt Veranstaltungen anzubieten, die sich
unter dem Dachthema „EU-Osterweiterung“ mit kommunikationsspezifischen
Fragestellungen und Themen beschäftigen. Ein Anfang wurde schon
in diesem Jahr mit dem „Strategietag Ost“ in Halle sowie
mit dem Besuch der Polnischen Botschaft in Berlin gemacht.
Im Jahr 15 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gehören m.E.
deshalb sowohl alt-sozialistische Siegesparolen als auch das überholte
Klischee vom „schrecklichen Osten“ zum alten Eisen.
Sobald beides aus den Köpfen und Herzen verschwunden ist, kann
das neue alte Europa zusammen wachsen.