Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 12/Oktober 2004 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
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Die Osterweiterung der Europäischen Union –
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Ortstermin
Europäische Schnipsel
aufgelesen von Achim Kühne-Henrichs an einem Wochenende im Oderland


Schloss Neuhardenberg


Freitag Abend. Schloss Neuhardenberg. Überraschender Ort für eine türkisch-deutsche Konferenz zum EU-Beitritt der Türkei. „Wie weit reicht oder wo endet Europa?“ Energisch hebt SPD-Vordenker Peter Glotz als Eröffnungsredner den Zeigefinger: „Vorsicht vor einem neuerlichen europäischen imperial overstretch!“ ruft er warnend in den Saal. Es gehe nicht da-um, die EU als größte Freihandelszone der Welt auszubauen, vielmehr sei ein politisch geeintes, handlungsfähiges Europa das Ziel.

Natürlich gehöre die Türkei zu Europa, betont dagegen der ehemalige türkische Außenminister Yasir Yakis. Man habe Jahrtausende alte historische Bindungen zu Europa, außerdem eine junge Bevölkerung und ein starkes Militär. Im Übrigen sei der alte römische Rechtsgrundsatz zu beachten: pacta sunt servanda, Verträge müssen eingehalten werden. Und da bereits seit 1959 über eine Mitgliedschaft der Türkei verhandelt werde, sei inzwischen doch längst alles entschieden. „Falsch!“ entgegnet CDU-Vordenker Wolfgang Schäuble in Neuhardenberg. Entschieden sei nichts, man müsse aber natürlich weiter nach einer Lösung suchen, vielleicht nach einer Form der privilegierten Partnerschaft. Auch stelle sich die Frage nach einer Zugehörigkeit zu Europa historisch begründet auch im Falle der Ukraine oder auch bei Israel.

Samstag Vormittag, Hafenfest in Kienitz. Hier an der Oder, wo vor 60 Jahren die Rote Armee zur Befreiung Deutschlands vom Faschismus mit einem ersten Brückenkopf zum Sturm auf Berlin losdonnerte (zum Gedenken steht noch immer ein sowjetischer Panzer an der „Straße der Befreiung“), sind heute die Jungs von der freiwilligen Feuerwehr Kienitz Nord im Einsatz. Wie die Berserker paddeln sie mit dem Schlauchboot über den Fluss. Immerhin gilt es, die Jungs und Mädels vom Gymnasium Seelow zu schlagen. Und die liegen ein paar Schläge vorn. Aber jetzt gehen die Feuerwehr-Paddler in Führung, schaffen den Parcours in knappen 3 Minuten 45 Sekunden. Applaus für die Siegermannschaft. Aber so richtig ausgelassen ist die Stimmung nicht. Wenn Hartz IV kommt, sagt ein älterer Mann am Imbisstand und reibt sich den Bauch, kann ich mir die Bratwurst hier nicht mehr leisten.

Samstag Nachmittag. Kulturfest in Kostrzyn auf der anderen Seite der Oder. Das Gelände der vollkommen zerstörten Küstriner Altstadt ist von Bomben-Blindgängern entschärft worden und darf jetzt wieder betreten werden. Auf der Bühne vor den notdürftig gesicherten Kasematten der Bastion Phillipp tanzen die Brandenburger Mädels von der Peizer Prinzengarde den Pariser Concon. Hoch fliegen die Beine und die kurzen Röckchen flattern. Kaum ist die Darbietung zu Ende, springen die jugendlichen Grenadiere der polnischen Trachtenarmee hinzu und erobern in neu erwachter deutsch-polnischer Freundschaft die blonden Engel aus dem Nachbarland. Frisch gebackenes Brot gibt’s, mit Gurken und mit „Smalz“. Und natürlich „proschä, jedem Piwo“. „Macht zwei Euro“, entgegnet die polnische Bedienung in flüssigem deutsch.

Zum Abschluss der Küstriner Festungstage spielt das Ensemble „Lustiges Lvov“. Genau: Hier an der Oder waren nach 1945 die Vertriebenen aus der galizischen Stadt Lemberg (L’viv, heute Ukraine) angesiedelt worden. Und hier nun auf der Bühne vor den Kasematten der Festung Küstrin, in denen einst Friedrich der Große als junger Mann eingesperrt war, greifen die Akkordeonspieler aus Lemberg beherzt in die Tasten, schafft sich im Sommer 2004 eine vielstimmige mitteleuropäische Folklore ihren Raum.

Sonntag Vormittag. Gottesdienst mit dem evangelischen Bischof Wolfgang Huber im großen Festzelt von Friedersdorf. Tausende Besucher waren an diesem Wochenende in den kleinen Ort im Landkreis Märkisch-Oderland gekommen, um beim spektakulären Dampfpflügen zuzuschauen (dabei stehen sich zwei Traktor-Lokomotiven am Feldesrand gegenüber und zie-hen den Pflug an einem starken Eisendraht zwischen sich hin und her). Jetzt am Sonntag früh, zehn Uhr, ist das Zelt bis auf den letzten Platz gefüllt. „Ja“, freut sich Hans-Georg von der Marwitz, Nachfahre preußischen Landadels und heute wahlkampfbedingt auch Cheforganisa-tor des Dampfpflügens, „über tausend Leute sind heute hier bei uns im Festzelt bei Vater, Sohn und Heiligem Geist versammelt.“ Dann erhebt Bischof Huber das Wort. Aufpassen müsse man, dass in unserem christlich geprägten Abendland nicht religiöses Analphabetentum um sich greife. Woran also, fragt der Bischof seine sinnsuchende Festzelt-Gemeinde, erkennt man einen Christen? Dass er an Gott glaubt? Dass er betet? Dass er in die Kirche geht? Ja, so predigt der wortgewandte Bischof, ein Christ lässt sich taufen und mit dieser Taufe bekennt er, dass er sich Gott anvertraut hat. Und dieses Vertrauen, diese Heilsgewissheit feiert er gemeinsam mit anderen Christen beim Gottesdienst. „Befiel Du Deine Wege“ stimmt daraufhin die zuversichtliche Festzelt-Gemeinde in das alte Paul-Gerhardt-Lied ein. Und es wird eines deutlich an diesem multikulturellen Wochenende an der Oder: Viele Stimmen müssen hier und da und dort noch zusammenfinden, viele Äcker müssen noch durchpflügt werden, bevor eine gemeinsame Antwort gegeben werden kann auf die Frage: Wie weit reicht oder wo endet Europa?

Achim Kühne-Henrichs










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