
Schloss Neuhardenberg
Freitag Abend. Schloss Neuhardenberg. Überraschender Ort
für eine türkisch-deutsche Konferenz zum EU-Beitritt
der Türkei. „Wie weit reicht oder wo endet Europa?“
Energisch hebt SPD-Vordenker Peter Glotz als Eröffnungsredner
den Zeigefinger: „Vorsicht vor einem neuerlichen europäischen
imperial overstretch!“ ruft er warnend in den Saal. Es gehe
nicht da-um, die EU als größte Freihandelszone der
Welt auszubauen, vielmehr sei ein politisch geeintes, handlungsfähiges
Europa das Ziel.
Natürlich gehöre die Türkei zu Europa, betont
dagegen der ehemalige türkische Außenminister Yasir
Yakis. Man habe Jahrtausende alte historische Bindungen zu Europa,
außerdem eine junge Bevölkerung und ein starkes Militär.
Im Übrigen sei der alte römische Rechtsgrundsatz zu
beachten: pacta sunt servanda, Verträge müssen eingehalten
werden. Und da bereits seit 1959 über eine Mitgliedschaft
der Türkei verhandelt werde, sei inzwischen doch längst
alles entschieden. „Falsch!“ entgegnet CDU-Vordenker
Wolfgang Schäuble in Neuhardenberg. Entschieden sei nichts,
man müsse aber natürlich weiter nach einer Lösung
suchen, vielleicht nach einer Form der privilegierten Partnerschaft.
Auch stelle sich die Frage nach einer Zugehörigkeit zu Europa
historisch begründet auch im Falle der Ukraine oder auch
bei Israel.
Samstag Vormittag, Hafenfest in Kienitz. Hier an der Oder, wo
vor 60 Jahren die Rote Armee zur Befreiung Deutschlands vom Faschismus
mit einem ersten Brückenkopf zum Sturm auf Berlin losdonnerte
(zum Gedenken steht noch immer ein sowjetischer Panzer an der
„Straße der Befreiung“), sind heute die Jungs
von der freiwilligen Feuerwehr Kienitz Nord im Einsatz. Wie die
Berserker paddeln sie mit dem Schlauchboot über den Fluss.
Immerhin gilt es, die Jungs und Mädels vom Gymnasium Seelow
zu schlagen. Und die liegen ein paar Schläge vorn. Aber jetzt
gehen die Feuerwehr-Paddler in Führung, schaffen den Parcours
in knappen 3 Minuten 45 Sekunden. Applaus für die Siegermannschaft.
Aber so richtig ausgelassen ist die Stimmung nicht. Wenn Hartz
IV kommt, sagt ein älterer Mann am Imbisstand und reibt sich
den Bauch, kann ich mir die Bratwurst hier nicht mehr leisten.
Samstag Nachmittag. Kulturfest in Kostrzyn auf der anderen Seite
der Oder. Das Gelände der vollkommen zerstörten Küstriner
Altstadt ist von Bomben-Blindgängern entschärft worden
und darf jetzt wieder betreten werden. Auf der Bühne vor
den notdürftig gesicherten Kasematten der Bastion Phillipp
tanzen die Brandenburger Mädels von der Peizer Prinzengarde
den Pariser Concon. Hoch fliegen die Beine und die kurzen Röckchen
flattern. Kaum ist die Darbietung zu Ende, springen die jugendlichen
Grenadiere der polnischen Trachtenarmee hinzu und erobern in neu
erwachter deutsch-polnischer Freundschaft die blonden Engel aus
dem Nachbarland. Frisch gebackenes Brot gibt’s, mit Gurken
und mit „Smalz“. Und natürlich „proschä,
jedem Piwo“. „Macht zwei Euro“, entgegnet die
polnische Bedienung in flüssigem deutsch.
Zum Abschluss der Küstriner Festungstage spielt das Ensemble
„Lustiges Lvov“. Genau: Hier an der Oder waren nach
1945 die Vertriebenen aus der galizischen Stadt Lemberg (L’viv,
heute Ukraine) angesiedelt worden. Und hier nun auf der Bühne
vor den Kasematten der Festung Küstrin, in denen einst Friedrich
der Große als junger Mann eingesperrt war, greifen die Akkordeonspieler
aus Lemberg beherzt in die Tasten, schafft sich im Sommer 2004
eine vielstimmige mitteleuropäische Folklore ihren Raum.
Sonntag Vormittag. Gottesdienst mit dem evangelischen Bischof
Wolfgang Huber im großen Festzelt von Friedersdorf. Tausende
Besucher waren an diesem Wochenende in den kleinen Ort im Landkreis
Märkisch-Oderland gekommen, um beim spektakulären Dampfpflügen
zuzuschauen (dabei stehen sich zwei Traktor-Lokomotiven am Feldesrand
gegenüber und zie-hen den Pflug an einem starken Eisendraht
zwischen sich hin und her). Jetzt am Sonntag früh, zehn Uhr,
ist das Zelt bis auf den letzten Platz gefüllt. „Ja“,
freut sich Hans-Georg von der Marwitz, Nachfahre preußischen
Landadels und heute wahlkampfbedingt auch Cheforganisa-tor des
Dampfpflügens, „über tausend Leute sind heute
hier bei uns im Festzelt bei Vater, Sohn und Heiligem Geist versammelt.“
Dann erhebt Bischof Huber das Wort. Aufpassen müsse man,
dass in unserem christlich geprägten Abendland nicht religiöses
Analphabetentum um sich greife. Woran also, fragt der Bischof
seine sinnsuchende Festzelt-Gemeinde, erkennt man einen Christen?
Dass er an Gott glaubt? Dass er betet? Dass er in die Kirche geht?
Ja, so predigt der wortgewandte Bischof, ein Christ lässt
sich taufen und mit dieser Taufe bekennt er, dass er sich Gott
anvertraut hat. Und dieses Vertrauen, diese Heilsgewissheit feiert
er gemeinsam mit anderen Christen beim Gottesdienst. „Befiel
Du Deine Wege“ stimmt daraufhin die zuversichtliche Festzelt-Gemeinde
in das alte Paul-Gerhardt-Lied ein. Und es wird eines deutlich
an diesem multikulturellen Wochenende an der Oder: Viele Stimmen
müssen hier und da und dort noch zusammenfinden, viele Äcker
müssen noch durchpflügt werden, bevor eine gemeinsame
Antwort gegeben werden kann auf die Frage: Wie weit reicht oder
wo endet Europa?
Achim Kühne-Henrichs

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