
Gerhard Sabathil |
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Schon der Name weist
in den mitteleuropäischen Raum. Sein Träger sitzt am
ehemaligen Schreibtisch von Walter Hallstein und schaut auf das
Brandenburger Tor: Dr. Gerhard Sabathil, Leiter der Vertretung
der Europäischen Kommission in Deutschland in Berlin Unter
den Linden. Auf die Frage, was ihn sowohl beruflich als auch privat
zu Europa bewogen hat, antwortet er spontan: „Ich bin Europäer.“
Die Beschäftigung mit Europa wurde ihm buchstäblich
in die Wiege gelegt, denn die Familie war ursprünglich in
der Karpato-Ukraine und in Böhmen zu Hause und ist im Zuge
der Vertreibung 1945 nach Karlsruhe gezogen. Die Reisen mit der
Großmutter nach Ungarn gehören zu den prägenden
Kindheitseindrücken des Jungen, der auch als 14jähriger
in Nordungarn den Aufmarsch der Invasionstruppen in die Tschechoslowakei
miterlebt hat und stark den Gegensatz zwischen der Schönheit
des Landes und der Konfrontation mit einem harten Kommunismus
empfand. Das war für ihn die erste Begegnung mit der „großen
Politik“, wobei schon der Großvater als Bürgermeister
politisch tätig und dabei mit der Familie des Paneuropäers
Coudenhove-Kalergi befreundet war.
Während des Studiums der Volks- und Betriebswirtschaft sowie
Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München
war Sabathil Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, verbrachte
längere Auslandsaufenthalte in den USA, der Volksrepublik
China, Spanien und Ungarn und wurde 1981 zum Dr. rer.pol. promoviert.
Nach ersten beruflichen Tätigkeiten in Deutschland ging er
bereits 1984 nach Brüssel und arbeitete in verschiedenen
Bereichen der Europäischen Kommission. Er erlebte „großartige
Jahre sowie den Weg zu einem wiedervereinigten Europa.“
1989 hörte er in Brüssel im Radio vom Fall der Mauer
und sah sofort „die Chance, nach Osten zu gehen“ und
dort zu arbeiten. 1991 erfüllte sich sein Wunsch, als er
zum Botschaftsrat , Geschäftsträger und Leiter der Abteilungen
Politik/Wirtschaft sowie Presse/Information bei der Delegation
der Europäischen Kommission für die Tschechische Republik,
die Slowakei und die KSZE in Prag ernannt wurde. Er hat dort hautnah
die Teilung der Tschechoslowakei miterlebt und war wöchentlich
in Bratislava, um den neuen Staat Slowakische Republik mitzubetreuen.
Im Anschluss an die Leitung des Balkanreferates der Kommission
in Brüssel wurde er 2000 Botschafter der Europäischen
Kommission für Norwegen und Island in Oslo, bis er Anfang
2004 nach Berlin berufen wurde.
Sabathil bezeichnet sich als „Überzeugungstäter“
und sieht „keine Alternative zu Europa.“ Ein Scheitern
der Verfassung wäre der „worst case“. Deutschland
brauchte nach den Katastrophen 1914 und 1933 einen dritten Versuch,
bevor es als (National-) Staat erfolgreich war. „Europa
hat mit der EU nur einen Versuch - einen weiteren gibt es nicht.“
Daher kann er sich auch keinen interessanteren Job vorstellen,
als sich dafür einzusetzen.
Die Frage, wie man die „hochkomplexe Organisation“
Europas und den Sündenbock für alles und jedes, die
Europäische Kommission, den Menschen nahe bringen und verständlich
machen kann, sieht er als entscheidende Aufgabe: „Der Prozess
der europäischen Einheit geht wahnsinnig schnell, Brüssel
ist weit weg und hat keine Gesichter.“
Eine andere Schwierigkeit für die Identifizierung der Bürgerinnen
und Bürger mit der Europäischen Union sieht Sabathil
darin, „dass Europa immer mehr national unlösbare Probleme
zugeschoben bekommt“, seien es Fragen der Kriminalitätsbekämpfung,
des Asyls, der Agrarsubventionen, der Begrenzung des Staatsdefizits
oder der Verschärfung des Haftungsrechts für Fluggesellschaften.
Sabathils oberstes Ziel ist es deshalb, „die EU zu popularisieren,
um aus dem `Eliteprojekt Europa` etwas für die Bürger
zu schaffen, seine Einzigartigkeit und Alternativlosigkeit klarzumachen“
und sein Haus in Berlin dafür einzusetzen. Eine ideale Voraussetzung
dafür ist, dass der neue Kommissionspräsident Barroso
sehr öffentlichkeitswirksam agiert.
Im Zentrum konkreter Maßnahmen steht für Sabathil die
Vermittlung von fünf Informationsthemen: Die Erweiterung,
die Verfassung, Justiz und Innenpolitik incl. Terrorbekämpfung,
Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit sowie
– und das ist vor allem „sein Feld“ –
Europas Rolle in der Welt. Schwerpunkt ist im Herbst 2004 die
Türkei. Sabathil bietet zu diesen Themen zahlreiche Informationsveranstaltungen
an und betreibt intensive Presse- und Medienarbeit.„Europa
steht und fällt mit Transparenz, Akzeptanz und Popularisierung
für alle seine Bürgerinnen und Bürger“ –
diese Punkte sieht Sabathil als Priorität der neuen Kommission
und seiner Arbeit. Ein Ziel, dem er sich mit Leidenschaft und
Professionalität verschrieben hat.
Porträtiert von Maria Borgmann
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