Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 09/Juli 2003 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
  Thema
Die Osterweiterung der Europäischen Union –
  Thema
Mehr Europa
  Ortstermin
Europäische Schnipsel
  Thema
Schlafes Bruder
an der Oder
  Portrait
Gerhard Sabathil
 

Ortstermin
Baustellenbesuch am
Lehrter Bahnhof

  Kommentar
Kochs Rezepte und Reflexionen
  Literaturtipps
Internationale PR
 

Thema
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Portrait
Gerhard Sabathil –
ein Kommunikator für Europa


Gerhard Sabathil
 

Schon der Name weist in den mitteleuropäischen Raum. Sein Träger sitzt am ehemaligen Schreibtisch von Walter Hallstein und schaut auf das Brandenburger Tor: Dr. Gerhard Sabathil, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland in Berlin Unter den Linden. Auf die Frage, was ihn sowohl beruflich als auch privat zu Europa bewogen hat, antwortet er spontan: „Ich bin Europäer.“

Die Beschäftigung mit Europa wurde ihm buchstäblich in die Wiege gelegt, denn die Familie war ursprünglich in der Karpato-Ukraine und in Böhmen zu Hause und ist im Zuge der Vertreibung 1945 nach Karlsruhe gezogen. Die Reisen mit der Großmutter nach Ungarn gehören zu den prägenden Kindheitseindrücken des Jungen, der auch als 14jähriger in Nordungarn den Aufmarsch der Invasionstruppen in die Tschechoslowakei miterlebt hat und stark den Gegensatz zwischen der Schönheit des Landes und der Konfrontation mit einem harten Kommunismus empfand. Das war für ihn die erste Begegnung mit der „großen Politik“, wobei schon der Großvater als Bürgermeister politisch tätig und dabei mit der Familie des Paneuropäers Coudenhove-Kalergi befreundet war.

Während des Studiums der Volks- und Betriebswirtschaft sowie Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München war Sabathil Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, verbrachte längere Auslandsaufenthalte in den USA, der Volksrepublik China, Spanien und Ungarn und wurde 1981 zum Dr. rer.pol. promoviert. Nach ersten beruflichen Tätigkeiten in Deutschland ging er bereits 1984 nach Brüssel und arbeitete in verschiedenen Bereichen der Europäischen Kommission. Er erlebte „großartige Jahre sowie den Weg zu einem wiedervereinigten Europa.“ 1989 hörte er in Brüssel im Radio vom Fall der Mauer und sah sofort „die Chance, nach Osten zu gehen“ und dort zu arbeiten. 1991 erfüllte sich sein Wunsch, als er zum Botschaftsrat , Geschäftsträger und Leiter der Abteilungen Politik/Wirtschaft sowie Presse/Information bei der Delegation der Europäischen Kommission für die Tschechische Republik, die Slowakei und die KSZE in Prag ernannt wurde. Er hat dort hautnah die Teilung der Tschechoslowakei miterlebt und war wöchentlich in Bratislava, um den neuen Staat Slowakische Republik mitzubetreuen. Im Anschluss an die Leitung des Balkanreferates der Kommission in Brüssel wurde er 2000 Botschafter der Europäischen Kommission für Norwegen und Island in Oslo, bis er Anfang 2004 nach Berlin berufen wurde.

Sabathil bezeichnet sich als „Überzeugungstäter“ und sieht „keine Alternative zu Europa.“ Ein Scheitern der Verfassung wäre der „worst case“. Deutschland brauchte nach den Katastrophen 1914 und 1933 einen dritten Versuch, bevor es als (National-) Staat erfolgreich war. „Europa hat mit der EU nur einen Versuch - einen weiteren gibt es nicht.“ Daher kann er sich auch keinen interessanteren Job vorstellen, als sich dafür einzusetzen.
Die Frage, wie man die „hochkomplexe Organisation“ Europas und den Sündenbock für alles und jedes, die Europäische Kommission, den Menschen nahe bringen und verständlich machen kann, sieht er als entscheidende Aufgabe: „Der Prozess der europäischen Einheit geht wahnsinnig schnell, Brüssel ist weit weg und hat keine Gesichter.“

Eine andere Schwierigkeit für die Identifizierung der Bürgerinnen und Bürger mit der Europäischen Union sieht Sabathil darin, „dass Europa immer mehr national unlösbare Probleme zugeschoben bekommt“, seien es Fragen der Kriminalitätsbekämpfung, des Asyls, der Agrarsubventionen, der Begrenzung des Staatsdefizits oder der Verschärfung des Haftungsrechts für Fluggesellschaften. Sabathils oberstes Ziel ist es deshalb, „die EU zu popularisieren, um aus dem `Eliteprojekt Europa` etwas für die Bürger zu schaffen, seine Einzigartigkeit und Alternativlosigkeit klarzumachen“ und sein Haus in Berlin dafür einzusetzen. Eine ideale Voraussetzung dafür ist, dass der neue Kommissionspräsident Barroso sehr öffentlichkeitswirksam agiert.
Im Zentrum konkreter Maßnahmen steht für Sabathil die Vermittlung von fünf Informationsthemen: Die Erweiterung, die Verfassung, Justiz und Innenpolitik incl. Terrorbekämpfung, Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit sowie – und das ist vor allem „sein Feld“ – Europas Rolle in der Welt. Schwerpunkt ist im Herbst 2004 die Türkei. Sabathil bietet zu diesen Themen zahlreiche Informationsveranstaltungen an und betreibt intensive Presse- und Medienarbeit.„Europa steht und fällt mit Transparenz, Akzeptanz und Popularisierung für alle seine Bürgerinnen und Bürger“ – diese Punkte sieht Sabathil als Priorität der neuen Kommission und seiner Arbeit. Ein Ziel, dem er sich mit Leidenschaft und Professionalität verschrieben hat.

Porträtiert von Maria Borgmann


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