Kein Zweifel: Nach der EU-Osterweiterung steht die Region,
in der die DPRG- Landesgruppe Berlin/Brandenburg zu Hause ist,
vor enormen kommunikativen Herausforderungen. Die jetzige wirtschafts-
und sozialräumliche Situation ist dabei eine historische
Chance. Und zugleich ist sie – machen wir uns nichts vor
- eine Bürde, die sich zu den bestehenden Problemen gesellt,
die der andauernde Transformationsprozess für die Menschen
in der so genannten Hauptstadtregion mit sich bringt. Interkulturelle
Kompetenz nimmt vor der unmittelbaren Haustür unseres Landesverbandes
eine Schlüsselrolle ein. Dabei ist es m. E. sinnvoll, das
kommunikative Geschehen der nächsten Jahre in die drei räumlichen
Ebenen lokal, regional und überregional zu gliedern, wenn
wir mit unseren neuen kapitalistischen Nachbarn ins Geschäft
kommen wollen. Diesmal wohl eher ohne Begrüßungsgeld
...
Auf der lokalen Ebene besteht die Herausforderung für Kommunikationsfachleute
vor allem darin, die aus der Geschichte entstandenen Vorurteile
hüben wie drüben abzubauen. Vor allem für das Bundesland
Brandenburg ist mit der EU-Erweiterung eine völlig neue Situation
entstanden. Hier verlaufen 252 Kilometer der deutsch-polnischen
Grenze, das sind 57 Prozent in ihrem Gesamtverlauf. Das Besondere
an diesem Grenzraum ist, dass er mit der größten Massenumsiedlung
verbunden ist, die es jemals in Europa gab. Seit dem Zweiten Weltkrieg
leben auf der östlichen Seite der Oder keine Deutschen und
auf der westlichen keine Polen mehr. Eine gewachsene regionale
Identität, verglichen mit anderen Grenzräumen wie etwa
dem deutsch-niederländischen, gibt es hier in der Bevölkerung
nicht.
Kommunikative Kompetenz ist hier deshalb vor allem wichtig, um
Mentalitätsunterschieden, über Jahrzehnte gewachsenen
Vorurteilen und Abschottungsverhalten nachhaltig entgegen zu wirken.
Nur so lässt sich langfristig die vorhandene Asymmetrie der
beiden Volkswirtschaften beenden. Nur so lassen sich wirtschaftliche,
soziale und kulturelle Disparitäten auf Dauer verringern.
Und nur durch professionell gesteuerte Kommunikation lassen sich
die dringend notwendigen Wirtschaftsbeziehungen über die
Grenze hinweg weiter entwickeln. Zurzeit ist davon noch wenig
zu spüren. Und wir irren, wenn wir meinen, dass wir diesen
Grenzraum einfach überspringen können. Die kommunikativen
Probleme vor Ort – in Mark und Metropole und auch auf der
anderen Seite der Oder– lassen sich nicht von heute auf
morgen lösen.
Für die regionale und überregionale Bezugsebene gilt
das Gleiche. Nur: Während sich im Grenzraum das so genannte
Phänomen des leapfrogging beobachten lässt (‚froschartiges
Überspringen’ der wirtschaftlichen Entwicklung), geht
die Post inzwischen woanders ab. So gibt es beispielsweise kaum
erfolgversprechende Entwicklungsstrategien in den Twin-Cities
wie etwa dem polnischen Gubin und dem deutschen Guben. Das gilt
auch für Frankfurt an der Oder und das benachbarte Slubice.
Nicht eine gesamte wirtschaftsräumliche Entwicklungsstrategie
oder eine gemeinsame Stadtentwicklungspolitik bestimmen hier den
Alltag, sondern das Gesetz des Marktes. Und Städte, die wie
Poznan weiter östlich liegen, machen lieber gleich Geschäfte
mit Frankfurt am Main und nicht an der Oder. Warum? Ganz einfach:
Weil die Hessen diesen Markt schon seit Jahren im Auge haben.
Berlin und Brandenburg haben diese Chance verschlafen, weil sie
wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Da kommt der
Verdacht: Die Ost-West-Drehscheibe Berlin-Brandenburg wäre
ein überdimensioniertes Prokrustesbett, das sich in seiner
gemächlichen Rotationsbewegung einer bestimmten Himmelsrichtung
nicht so recht verpflichtet fühlen mag. Na dann gute Nacht.
Morgen ist auch noch ein Tag.
Gerhard Mahnken
drucken
<<zurück
|