Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 12/Oktober 2004 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
  Thema
Die Osterweiterung der Europäischen Union –
  Thema
Mehr Europa
  Ortstermin
Europäische Schnipsel
  Thema
Schlafes Bruder
an der Oder
  Portrait
Gerhard Sabathil
 

Ortstermin
Baustellenbesuch am
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Internationale PR
 

Thema
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Streusandbüchse 11/04
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Schlafes Bruder an der Oder
Anmerkungen zum grenzüberschreitenden
Vorstellungsvermögen

Kein Zweifel: Nach der EU-Osterweiterung steht die Region, in der die DPRG- Landesgruppe Berlin/Brandenburg zu Hause ist, vor enormen kommunikativen Herausforderungen. Die jetzige wirtschafts- und sozialräumliche Situation ist dabei eine historische Chance. Und zugleich ist sie – machen wir uns nichts vor - eine Bürde, die sich zu den bestehenden Problemen gesellt, die der andauernde Transformationsprozess für die Menschen in der so genannten Hauptstadtregion mit sich bringt. Interkulturelle Kompetenz nimmt vor der unmittelbaren Haustür unseres Landesverbandes eine Schlüsselrolle ein. Dabei ist es m. E. sinnvoll, das kommunikative Geschehen der nächsten Jahre in die drei räumlichen Ebenen lokal, regional und überregional zu gliedern, wenn wir mit unseren neuen kapitalistischen Nachbarn ins Geschäft kommen wollen. Diesmal wohl eher ohne Begrüßungsgeld ...

Auf der lokalen Ebene besteht die Herausforderung für Kommunikationsfachleute vor allem darin, die aus der Geschichte entstandenen Vorurteile hüben wie drüben abzubauen. Vor allem für das Bundesland Brandenburg ist mit der EU-Erweiterung eine völlig neue Situation entstanden. Hier verlaufen 252 Kilometer der deutsch-polnischen Grenze, das sind 57 Prozent in ihrem Gesamtverlauf. Das Besondere an diesem Grenzraum ist, dass er mit der größten Massenumsiedlung verbunden ist, die es jemals in Europa gab. Seit dem Zweiten Weltkrieg leben auf der östlichen Seite der Oder keine Deutschen und auf der westlichen keine Polen mehr. Eine gewachsene regionale Identität, verglichen mit anderen Grenzräumen wie etwa dem deutsch-niederländischen, gibt es hier in der Bevölkerung nicht.

Kommunikative Kompetenz ist hier deshalb vor allem wichtig, um Mentalitätsunterschieden, über Jahrzehnte gewachsenen Vorurteilen und Abschottungsverhalten nachhaltig entgegen zu wirken. Nur so lässt sich langfristig die vorhandene Asymmetrie der beiden Volkswirtschaften beenden. Nur so lassen sich wirtschaftliche, soziale und kulturelle Disparitäten auf Dauer verringern. Und nur durch professionell gesteuerte Kommunikation lassen sich die dringend notwendigen Wirtschaftsbeziehungen über die Grenze hinweg weiter entwickeln. Zurzeit ist davon noch wenig zu spüren. Und wir irren, wenn wir meinen, dass wir diesen Grenzraum einfach überspringen können. Die kommunikativen Probleme vor Ort – in Mark und Metropole und auch auf der anderen Seite der Oder– lassen sich nicht von heute auf morgen lösen.

Für die regionale und überregionale Bezugsebene gilt das Gleiche. Nur: Während sich im Grenzraum das so genannte Phänomen des leapfrogging beobachten lässt (‚froschartiges Überspringen’ der wirtschaftlichen Entwicklung), geht die Post inzwischen woanders ab. So gibt es beispielsweise kaum erfolgversprechende Entwicklungsstrategien in den Twin-Cities wie etwa dem polnischen Gubin und dem deutschen Guben. Das gilt auch für Frankfurt an der Oder und das benachbarte Slubice. Nicht eine gesamte wirtschaftsräumliche Entwicklungsstrategie oder eine gemeinsame Stadtentwicklungspolitik bestimmen hier den Alltag, sondern das Gesetz des Marktes. Und Städte, die wie Poznan weiter östlich liegen, machen lieber gleich Geschäfte mit Frankfurt am Main und nicht an der Oder. Warum? Ganz einfach: Weil die Hessen diesen Markt schon seit Jahren im Auge haben. Berlin und Brandenburg haben diese Chance verschlafen, weil sie wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Da kommt der Verdacht: Die Ost-West-Drehscheibe Berlin-Brandenburg wäre ein überdimensioniertes Prokrustesbett, das sich in seiner gemächlichen Rotationsbewegung einer bestimmten Himmelsrichtung nicht so recht verpflichtet fühlen mag. Na dann gute Nacht.

Morgen ist auch noch ein Tag.

Gerhard Mahnken




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