- Von Gerhard Mahnken-
Ort und Zeitpunkt in Berlin hätten Anfang Februar nicht
besser sein können für das „Kolloquium Aufbau
Ost“ unter Federführung der „4R“, dem Zusammenschluss
der raumwissenschaftlichen Einrichtungen also, die es in der Leibniz-Gemeinschaft
gibt. Dies sind: Das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung
und Strukturplanung (IRS), das Leibniz-Institut für ökologische
Raumentwicklung (IÖR), das Leibniz-Institut für Länderkunde
(IfL) und nicht zuletzt die Akademie für Raumforschung und
Landesplanung (ARL). Um es gleich vorweg zu sagen: Das Kolloquium
zeigte einen deutlichen Richtungswechsel an und passte zu den
Schlagzeilen, die es gerade zum Thema gab. Schlagzeilen, die sich
vor allem um rechtlich gestützte Zuverlässigkeit in
der Förderpraxis und um mehr Eigenverantwortung bei der Mittelverteilung
in den unterschiedlichen Förderräumen drehten.
Im Licht des Atriums der Vertretung des Landes Brandenburg beim
Bund in Berlins Mitte gab es hie und da zwar wieder gefügige
Textbausteine, die besagten Aufbau Ost seit 15 Jahren von höchster
Stelle untermauern, damit wir in der Republik nur nicht ins Wanken
kommen. Jetzt, zur Halbzeit, kamen aber auch neue Perspektiven
ins Spiel. Karl-Dieter Keim, Initiator des Kolloquiums, sagte,
er stimme dem Vorschlag prinzipiell zu, in den kommenden Jahren
eine stärker prozessorientierte und vergleichend angelegte
Forschung zum Politikfeld Aufbau Ost zu betreiben. Keim meinte,
es könne hierfür sogar ein eigenständiges Schwerpunktprogramm
formuliert werden, etwa mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft
oder mit Stiftungen. Dabei müssten zwei Aspekte stärker
ins Blickfeld gerückt werden, zum einen sollten die Bedingungen
für einen erfolgreichen institutionellen Wandel untersucht
und zum anderen Beiträge für ein integriertes Entwicklungsmodell
erarbeitet werden. Entscheidend für Keim dabei: So ein Modell
sollte nicht mehr nur nach den üblichen Wachstumsindikatoren
entwickelt werden, sondern viel stärker als bisher innovative
kulturräumliche Aspekte berücksichtigen.
Ein deutlicher Hinweis, der die schlichten Wachstumsrhetoriken
vergangener Jahre ablösen könnte. Jetzt also begreifen,
dass es bei der Aufbau-Ost-Politik nicht nur um Kohle, sondern
vor allem um Kreativität geht? Wenn man dem in dieser Sache
politisch höchst erfahrenen Kurt Biedenkopf glaubt, der das
Kolloquium mit einer scharfen Analyse abschloss, war ein Großteil
an Kreativität gleich Anfang der Neunziger spurlos vom Winde
verweht. Auch er, Biedenkopf, stellte hoffentlich neue Weichen
in den Köpfen der Kolloquiums-Teilnehmer aus Politik, Verwaltung
und Wissenschaft, wenn er konstatierte, dass die jahrelange Vernachlässigung
„nicht ökonomischer Faktoren“ ein raumpolitisches
Vakuum hatte entstehen lassen, in dem alles, was nicht explizit
wirtschaftlich dahergekommen war, unbeachtet blieb.
Zu den erquicklichen Momenten dieses Kolloquiums gehörte
denn auch Biedenkopfs Credo, mehr Mut zur Verschiedenheit in Süd,
Ost, Nord und West aufzubringen und die (Bundes-) Politik endlich
aus der ausgeleierten Ost-West-Perspektive zu befreien.
Schließlich gelte es zu begreifen, dass die demografische
Entwicklung mit ihren wirtschaftsräumlichen Folgen sich bald
auch im Westen der Republik zeigen werde. Da wäre ja auch
nicht West gleich West. Wenn man das kapierte, wäre alles
zwar immer noch ganz schön komplex, aber eben nicht mehr
so unsäglich kompliziert. Eine Einsicht, die bestimmt auch
die jüngere Generation hilfreich fände, denn nur die,
so Biedenkopf, entscheide künftig den Wettbewerb der Regionen.
Und zwar auf beiden Seiten der Elbe.
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