In loser Folge wollen wir an dieser Stelle künftig
Schlüsselbegriffe beleuchten, die für unseren Berufsstand
täglich wichtig sind, die aber nicht immer allen klar sind,
weil sie ja schon so gut klingen und weil das ja meistens auch
reicht. Den Anfang „inszeniert“ für uns Ulrike
Propach.
Inszenierung im geschichtlichen Blickwinkel
Zunächst: Der Ursprung des Begriffs Inszenierung stammt aus
der Theaterwelt. „Mise en scène“ bedeutet die
Gesamtheit der Vorbereitungen zur Aufführung eines Theaterstücks.
Inszenierung politischer Ereignisse hat eine lange Tradition,
die weit in die Geschichte zurück reicht: Die Überlieferungen
der Antike, aus alten Kulturen wie der griechischen Polis, dem
Persischen Großreich oder den Dynastien in Ägypten,
beschreiben das gesamte Instrumentarium der Repräsentation
von Macht in Glanz und Gloria. In europäischen Breitengraden
hat sich ein eigenständiger Begriff dafür entwickelt:
Protokoll. Ausgehend von den Tätigkeiten „protocole
(diplomatique)“ des „Bureau de Protocole“ bzw.
dem „Céremonial de Chancellerie“ in der französischen
Restaurationszeit steht der Begriff heute für ein ausgeklügeltes
System von Vorschriften zur rang- und würdegerechten Repräsentation.
Symbole und Marken spielen dabei eine große Rolle (so zum
Beispiel Flaggen, Kleiderordnungen, Statussymbole wie die Wahl
der Automobilmarke, Wagenfolgen, anhand derer man die Wichtigkeit
der Gäste ablesen kann sowie repräsentative Bauten).
Ob sich das tradierte Machwerk „Protokoll“ mit den
Grundsätzen von Demokratie in Übereinstimmung befindet,
ist eine hier nicht behandelte Frage.
Inszenierung als Ausdruck der Postmoderne
Aufgrund des technischen Medienfortschritts entwickelt sich neben
den traditionellen Formen stetig eine breite Palette von neuen
Eventformaten auf dem politischen Parkett. Dabei lässt sich
eine neue Qualität der Inszenierung feststellen, die - mit
der zunehmend aufgehenden Schere in der modernen bis post-modernen
Welt einhergeht. Jene zunehmende Dichotomisierung erkennt man
in vielen Schlagworten wie Individualisierung, Rationalisierung,
McDonaldisierung, Erlebnisrationalität, Internationalisierung
versus Regionalisierung, Hollywood-Märchenwelt versus Dogma-Filme.
In diesem Spannungsfeld befinden sich heute politische Inszenierungen.
Einerseits geht der Trend hin zu Authentizität, Echtheit,
Wahrhaftigkeit, Transparenz, Glaubwürdigkeit – alles
Ausdrücke der so genannten neuen Kultur, die Bezug auf Ethik
nimmt. Andererseits haben mediale Instrumente aus den großen
Fernsehshows der Samstagabend-Generation sowie Charity-Galas Maßstäbe
gesetzt, die in die generalstabsmäßige Planung und
Durchführung von großen Politik-Events Eingang gefunden
haben.
Politische Inszenierung ist im eigentlichen Sinne eine spezielle
Form von Öffentlichkeitsarbeit. Inszenierungen sind in den
wenigsten Fällen dem Zufall überlassen, sondern basieren
auf einer sorgfältigen Analyse und detaillierten Planung
von internen Beratern und Campaignern oder externen Public Affairs-Spezialisten
bzw. Politikberatern. Im Zentrum der Kommunikation steht, Aufmerksamkeit
gewinnen zu wollen. Jedoch ist dies in der Politik weit schwieriger
als beispielsweise im Produktmarketing, bei dem Nutzen und Ziele
klar vermittelbar sind. Die Vermittlung simpler Botschaften aus
komplexen politischen Inhalten, deren Gesamtzusammenhänge
von Themen und beteiligten Gruppen oft nur für Experten durchschaubar
sind, zieht zwangsläufig vielfach einen Verlust an Information
für den Bürger und Interessenten nach sich. Darüber
hinaus werden zum Transport der Botschaft bzw. Herstellung der
Öffentlichkeit oftmals Elemente aufgesetzt, die mit dem genuinen
Kontext nichts mehr gemein haben. Narrative Elemente, geschaffene
Anlässe, gezielter Aufbau von Personenimages überlagern
die inhaltliche Ebene und schaffen eine zweite Wirklichkeitsebene.
Eine nicht von der Hand zu weisende Dramatisierung oder auch übersteigerte
Moralisierung von Themen gehören teilweise auch zur Übermittlung.
Dass dies wiederum ethische Diskussionen auslöst, ist offensichtlich.
Das Element der Inszenierung an sich ist wertneutral, da es zum
menschlichen Ausdrucksspektrum gehört. Aufgrund der notwendigen
Reduktion von Komplexität (Niklas Luhmann) in einer dynamischen
und brüchigen Moderne sowie der Kenntnis der Auswahlkriterien
der Medien wird heute meist der Weg von inszenierter Kommunikation
gewählt. Ein Weg dabei ist die Personalisierung, bei der
eine bekannte Persönlichkeit sich eines Themas oder Zieles
kommunikativ annimmt und dafür einsteht. Somit entstehen
Identifikationsmöglichkeiten (mit einer Art von Idol) und
auch Erwartungsgewissheit. Dieser Zusammenhang wirkt sich in Zeiten
der Politikverdrossenheit problematisch auf die Parteibindung
aus, da die Rückkoppelung auf eine dahinter stehende Organisation
vom Konsumenten durchaus differenziert betrachtet wird. Gleichzeitig
fällt die Nachricht auf Platz zwei hinter die Person, wobei
der eigentliche Kommunikationsgrund in den Hintergrund geschoben
wird. Der Allgemeinspruch „ein Bild sagt mehr als tausend
Worte“ gewinnt dadurch neue Qualitäten.
Die in Deutschland erst im Wachsen begriffene Politainment-Szene
von Polittalk, die vielfach kritisch beobachtet wird, sowie die
Debatte um einen Medienkanzler oder die Medien als die „vierte
Macht im Staate“ zeigen, dass die Bewertung dieser nicht
aufzuhaltenden Entwicklung höchst umstritten ist. Die Verknüpfung
von Unterhaltung mit Information, die Vermischung von öffentlicher
Aufgabe und privatem Leben, die Frage nach der Gewinnung von Vertrauen
und nach dem Ringen um Wahrheit sind Kennzeichen dieser neuen
Kultur der Inszenierung.
Hier noch eine Auswahl weiterführender Literatur zum Thema:
HARTMANN, Jürgen: Staatszeremoniell. Carl Heymanns Verlag,
Köln, 2000
HUBER, Wolfgang: Wie viel Ethik brauchen Public Relations? Vortrag
von Bischof Wolfgang Huber am 19.11.04 beim Kommunikationskongress,
Berlin.
Quelle: http://www.ekd.de/vortraege/154_041119_huber_ethik_pr.html
SCHICHA, Christian: Die Theatralität der Politikvermittlung.
S. 113-127. In: KREYER, Volker H. (Hrsg): Handbuch Politisches
Marketing – Impulse und Strategien für Politik, Wirtschaft
und Gesellschaft. Nomos, Baden-Baden, 2004.
Die Autorin ist freie Kommunikationsberaterin und kandidiert für
den Landesvorstand der DPRG Berlin/Brandenburg
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