Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 13/Mai 2005 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
Inhalt
  Editorial
  Thema
Die Insel boomt - Erfolgreiche PR-Arbeit der Briten
  Interview
Prof. Dr. Günter Bentele im Gespräch
  Thema
Building Winning Reputations
  Portrait
Burkhard Tewinkel
  Schlüsselbegriffe
Inszenierung
 

Ortstermin
Neujahrsempfang der DPRG

  Termin
LV-Wahlen am 24.5.
  Modellversuch ÖA Informelles Netwerk
 

Kommentar
Aufbau Ost

 

Junioren:
Potential für die Zukunft

  Journalismus und PR: Vom Kalkül des Plauderns
 

Kommentar
Kochs Rezepte + Refelexionen

  Termine
  Impressum
Archiv
 


Streusandbüchse 12/05

Streusandbüchse 11/04 Streusandbüchse 10/04
Streusandbüchse 09/03
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Streusandbüchse 05/02
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Streusandbüchse 03/01
Streusandbüchse 02/01
Streusandbüchse 01/01

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Stichwort: Inszenierung
Schlüsselbegriffe näher beleuchtet

- Von Ulrike Propach-

In loser Folge wollen wir an dieser Stelle künftig Schlüsselbegriffe beleuchten, die für unseren Berufsstand täglich wichtig sind, die aber nicht immer allen klar sind, weil sie ja schon so gut klingen und weil das ja meistens auch reicht. Den Anfang „inszeniert“ für uns Ulrike Propach.

Inszenierung im geschichtlichen Blickwinkel
Zunächst: Der Ursprung des Begriffs Inszenierung stammt aus der Theaterwelt. „Mise en scène“ bedeutet die Gesamtheit der Vorbereitungen zur Aufführung eines Theaterstücks.
Inszenierung politischer Ereignisse hat eine lange Tradition, die weit in die Geschichte zurück reicht: Die Überlieferungen der Antike, aus alten Kulturen wie der griechischen Polis, dem Persischen Großreich oder den Dynastien in Ägypten, beschreiben das gesamte Instrumentarium der Repräsentation von Macht in Glanz und Gloria. In europäischen Breitengraden hat sich ein eigenständiger Begriff dafür entwickelt: Protokoll. Ausgehend von den Tätigkeiten „protocole (diplomatique)“ des „Bureau de Protocole“ bzw. dem „Céremonial de Chancellerie“ in der französischen Restaurationszeit steht der Begriff heute für ein ausgeklügeltes System von Vorschriften zur rang- und würdegerechten Repräsentation. Symbole und Marken spielen dabei eine große Rolle (so zum Beispiel Flaggen, Kleiderordnungen, Statussymbole wie die Wahl der Automobilmarke, Wagenfolgen, anhand derer man die Wichtigkeit der Gäste ablesen kann sowie repräsentative Bauten). Ob sich das tradierte Machwerk „Protokoll“ mit den Grundsätzen von Demokratie in Übereinstimmung befindet, ist eine hier nicht behandelte Frage.

Inszenierung als Ausdruck der Postmoderne

Aufgrund des technischen Medienfortschritts entwickelt sich neben den traditionellen Formen stetig eine breite Palette von neuen Eventformaten auf dem politischen Parkett. Dabei lässt sich eine neue Qualität der Inszenierung feststellen, die - mit der zunehmend aufgehenden Schere in der modernen bis post-modernen Welt einhergeht. Jene zunehmende Dichotomisierung erkennt man in vielen Schlagworten wie Individualisierung, Rationalisierung, McDonaldisierung, Erlebnisrationalität, Internationalisierung versus Regionalisierung, Hollywood-Märchenwelt versus Dogma-Filme.
In diesem Spannungsfeld befinden sich heute politische Inszenierungen. Einerseits geht der Trend hin zu Authentizität, Echtheit, Wahrhaftigkeit, Transparenz, Glaubwürdigkeit – alles Ausdrücke der so genannten neuen Kultur, die Bezug auf Ethik nimmt. Andererseits haben mediale Instrumente aus den großen Fernsehshows der Samstagabend-Generation sowie Charity-Galas Maßstäbe gesetzt, die in die generalstabsmäßige Planung und Durchführung von großen Politik-Events Eingang gefunden haben.

Politische Inszenierung ist im eigentlichen Sinne eine spezielle Form von Öffentlichkeitsarbeit. Inszenierungen sind in den wenigsten Fällen dem Zufall überlassen, sondern basieren auf einer sorgfältigen Analyse und detaillierten Planung von internen Beratern und Campaignern oder externen Public Affairs-Spezialisten bzw. Politikberatern. Im Zentrum der Kommunikation steht, Aufmerksamkeit gewinnen zu wollen. Jedoch ist dies in der Politik weit schwieriger als beispielsweise im Produktmarketing, bei dem Nutzen und Ziele klar vermittelbar sind. Die Vermittlung simpler Botschaften aus komplexen politischen Inhalten, deren Gesamtzusammenhänge von Themen und beteiligten Gruppen oft nur für Experten durchschaubar sind, zieht zwangsläufig vielfach einen Verlust an Information für den Bürger und Interessenten nach sich. Darüber hinaus werden zum Transport der Botschaft bzw. Herstellung der Öffentlichkeit oftmals Elemente aufgesetzt, die mit dem genuinen Kontext nichts mehr gemein haben. Narrative Elemente, geschaffene Anlässe, gezielter Aufbau von Personenimages überlagern die inhaltliche Ebene und schaffen eine zweite Wirklichkeitsebene. Eine nicht von der Hand zu weisende Dramatisierung oder auch übersteigerte Moralisierung von Themen gehören teilweise auch zur Übermittlung. Dass dies wiederum ethische Diskussionen auslöst, ist offensichtlich.
Das Element der Inszenierung an sich ist wertneutral, da es zum menschlichen Ausdrucksspektrum gehört. Aufgrund der notwendigen Reduktion von Komplexität (Niklas Luhmann) in einer dynamischen und brüchigen Moderne sowie der Kenntnis der Auswahlkriterien der Medien wird heute meist der Weg von inszenierter Kommunikation gewählt. Ein Weg dabei ist die Personalisierung, bei der eine bekannte Persönlichkeit sich eines Themas oder Zieles kommunikativ annimmt und dafür einsteht. Somit entstehen Identifikationsmöglichkeiten (mit einer Art von Idol) und auch Erwartungsgewissheit. Dieser Zusammenhang wirkt sich in Zeiten der Politikverdrossenheit problematisch auf die Parteibindung aus, da die Rückkoppelung auf eine dahinter stehende Organisation vom Konsumenten durchaus differenziert betrachtet wird. Gleichzeitig fällt die Nachricht auf Platz zwei hinter die Person, wobei der eigentliche Kommunikationsgrund in den Hintergrund geschoben wird. Der Allgemeinspruch „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ gewinnt dadurch neue Qualitäten.
Die in Deutschland erst im Wachsen begriffene Politainment-Szene von Polittalk, die vielfach kritisch beobachtet wird, sowie die Debatte um einen Medienkanzler oder die Medien als die „vierte Macht im Staate“ zeigen, dass die Bewertung dieser nicht aufzuhaltenden Entwicklung höchst umstritten ist. Die Verknüpfung von Unterhaltung mit Information, die Vermischung von öffentlicher Aufgabe und privatem Leben, die Frage nach der Gewinnung von Vertrauen und nach dem Ringen um Wahrheit sind Kennzeichen dieser neuen Kultur der Inszenierung.

Hier noch eine Auswahl weiterführender Literatur zum Thema:

HARTMANN, Jürgen: Staatszeremoniell. Carl Heymanns Verlag, Köln, 2000

HUBER, Wolfgang: Wie viel Ethik brauchen Public Relations? Vortrag von Bischof Wolfgang Huber am 19.11.04 beim Kommunikationskongress, Berlin.
Quelle: http://www.ekd.de/vortraege/154_041119_huber_ethik_pr.html

SCHICHA, Christian: Die Theatralität der Politikvermittlung. S. 113-127. In: KREYER, Volker H. (Hrsg): Handbuch Politisches Marketing – Impulse und Strategien für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Nomos, Baden-Baden, 2004.

Die Autorin ist freie Kommunikationsberaterin und kandidiert für den Landesvorstand der DPRG Berlin/Brandenburg


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