
| Ausgabe 14 / Oktober 2005 | |||
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GlosseDoppelt dabei seinEs war an einem lauen Maienabend an der berühmten Oderbrücke. Europa hautnah. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer gemeinsam mit seinem polnischen Amtskollegen ... ganz nah vor uns. Life in Frankfurt (Oder) - auf dem Riesenmonitor vom RBB. Jedes Wort glasklar zu hören. Sogar diese kleine Träne der europäischen Ergriffenheit auf der Wange des grünen Polit-Stars - brilliant im Bild. Wir haben alles gesehen. Hautnah. Und es war wirklich so. Denn zwischen der RBB Bühne und den Bäumen am Oderufer konnten wir hinüber schauen zur Oderbrücke. Und dort hinten, klein wie Stecknadelköpfe, waren an diesem historischen 1 Mai 2004 tatsächlich die beiden Außenminister auszumachen. Leinwand vorne, Realität hinten. Ein mediales Weltereignis mit exklusiver Reality-Atmosphäre vor Ort. Das isses! Das ist wahres Dabei sein. Früher dachte man: Nur wo ich Augen- und Ohrenzeuge bin, da habe ich den authentischen Eindruck. Also raus auf die Straße, rein ins Leben. Dann wurde dieser puristische Authentizitäts-Anspruch medienwissenschaftlich verwässert: Augen- und Ohrenzeuge bin ich schließlich auch beim Fernsehen. Nun haben wir neuerdings diese faszinierende Mischung als höchste Steigerung erlebten Lebens: In der VIP-Lounge des Neuen Olympia-Stadions auf dem Bildschirm das grandiose Entscheidungs-Tor hautnah sehen können. Und von draußen schwillt die Fan-Erregung mit ihrem atmosphärischem Überdruck gänsehautgerecht hinzu. Geil! Nicht zu vergessen der Klassiker dieser neuen Wahrnehmung: „Autobahn A 4, zwischen Jena und Erfurt zähfließender Verkehr wegen einer Baustelle.“ Wie dicht und schlüssig hört sich diese Radiomeldung an, wenn wir uns authentisch mitten drin befinden in diesem Stau. Kurzum: Wir erleben nicht immer, aber offensichtlich immer öfter eine neue Melange aus medialer und gleichzeitig realer Wahrnehmung. Mediale Highlights rund um die Uhr. Dazu Großbildschirme, wo immer wir hinschauen. Alle Details hautnah. Und wir - zumal in Berlin - ganz real mittendrin in der Atmo. Sozusagen doppelt dabei. Von wegen „dabei sein ist alles“. Doppelt dabei sein, das isses! Deshalb brauch ich auch schnellstens ein Handy mit TV Empfang. Wenn mal einer vor mir steht und die Sicht auf den Großbildschirm neben der Realität versperrt. Achim Kühne-Henrichs |