
| Ausgabe 15 / April 2006 | |||
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ThemaEin Fan kann lieben, aber auch hämen und hassenvon Hans Dieter Baroth
Hans Dieter Baroth Der zehnfache Fußballmeister der DDR in Folge, BFC Dynamo Berlin, sollte Anfang der 90er Jahre erneut in die Relegation zur nun vereinten Zweiten Bundesliga ziehen. Dynamo-Fan Andreas Gläser schreibt: „Nach dem abermaligen Scheitern wollte ich mir das Leben nehmen, doch ich hatte Angst davor, als Union-Ratte wiedergeboren zu werden.“ Sie hassen sich weit über die Existenz der DDR hinaus, die Anhänger von Union Berlin und dem BFC Dynamo. Andreas Gläser ist Schriftsteller. Über seine Zeit als süchtiger Fan des Mielke-Clubs veröffentlichte er ironische und hintergründige Texte in dem Buch „Der BFC war schuld am Mauerbau.“ (Aufbau-Verlag) Der Titel des Buches ist nicht ernst gemeint. Aber der Band enthält ernste und sogar makabre Storys über Liebe, Hass und Häme von Fußballanhängern in Ostdeutschland. Denn die zeichnete auch hier den Fußballfan aus – fast blinde Verehrung für seinen Club mit Lobgesängen auf den eigenen Verein, und Volkslyrik voller Schmäh gegen gewisse Gegner. Bei dem Köpenicker Kiezclub Union Berlin ist in dem Stadion an der Alten Försterei vor dem Anpfiff eine Vereinshymne auf CD zu hören, die Sitzplatzbesucher erheben sich wie beim Abspielen der dritten Strophe des Deutschlandliedes. In dem Eifer von Fußballanhängern, den Gegner zu verhöhnen, war Deutschland nie gespalten. Der Unterschied lag nur in den Vereinsnamen. Die Zuschauer von Wismut Aue sangen in der DDR: „Zwei gekreuzte Hämmer und ein großes W., das ist Wismut Aue, unsere BSG.“ Auf des Gegners Platz mussten sie hören: „Sie kommen aus der Tiefe, sie kommen aus dem Schacht. Wismut Aue – keine Fußballmacht.“ Als Union Berlin in der Zweiten Liga gegen Erzgebirge Aue – früher Wismut – antrat, höhnten die Berliner Mitgereisten wegen des Hochwassers von einst: „Es kommt die Zeit, hoho, in der das Wasser wieder steigt.“ Fans sind kreativer als manche Literaten glauben. Ob deshalb vor Jahren von dem Autor Peter Rühmkorf ein Buch mit von ihm gesammelten Reimen auf den Wänden von öffentlichen Bedürfnisanstalten erschien – als Volkslyrik? Ähnlich wie die Feindschaft zwischen Anhängern von Borussia Dortmund und Schalke 04 im Revier ist, gab es eine Gegnerschaft im Osten zwischen Union Berlin und dem BFC Dynamo. Eine so tiefe Antipathie beginnt meist in der Kinder- und Jugendzeit. Wenn der Vater Sohn oder Tochter einschwört auf Zustimmung für den einen Club und Ablehnung auf den verhassten Gegner. Der Autor Andreas Gläser hatte mit den Fans von Union Berlin eine recht schmerzhafte erste Begegnung. „Am S-Bahnhof Leninallee warteten wir auf den Bus oder die Straßenbahn. Maik und Frank schlenderten zum Fahrplan. Jemand tippte mir auf die Schulter. Ich drehte mich um und machte eine Blitzbekanntschaft mit einer fremden Faust. Für eine Sekunde war es dunkel. Danach sah ich mich jemanden gegenüber, der mir körperlich überlegen war. Er zeigte sich gesprächsbereit und wollte nur meinen Schal. ‚Nee!‘ Drei oder vier Unioner zerrten mich auf die schlechtbeleuchtete Straßenseite. Ich gab meinen selbstgestrickten Skalp preis.“ Die Begegnungen zwischen Union und dem BFC im „Stadion der Weltjugend“ führten in der Fanszene meist zu handfesten Auseinandersetzungen. Freude herrschte bei den Köpenickern, als der BFC-Spieler Lutz Eigendorf einen Einsatz im Westen genutzt hatte, sich dort abzusetzen. Sie sangen im Berliner Deutsch von den Rängen: „Der Eigendorf ist abgehaun, wie kann man da die Bullen trauen.“ Nach ihm setzten sich die Spieler Falko Götz und Dirk Schlegel in die Bundesrepublik ab. Die Häme war dem BFC Dynamo garantiert: „Götz und Schlegel sind o.k, sind nicht mehr beim BFC.“ Die Volkspolizei vergriff sich wiederholt am Volk. So mancher Anhänger der Union kann von Knastzeiten berichten. Eher trotzig hieß es in Köpenick: „Auf einem Bahnhof nah bei Dessau, in einem Haus aus roten Stein, dort verbrachte ich meine Jugend ohne Licht und Sonnenschein. Eines Tages kam ein Schließer, und er sagte: du bist frei. Tausend Tränen in den Augen, meine Knastzeit war vorbei. Immer wieder, immer wieder, immer wieder – FCU. Von der Elbe bis zur Isar, immer wieder FCU.“ Bis zu zwei Jahre in Bautzen verschwinden konnte ein Fußballanhänger, der in Köpenick zu laut sang: „Dreißig Meilen im Quadrat/ Minenfelder, Stacheldraht. /Nun wisst ihr wo ich wohne,/ ich wohne in der Zone. Doch einmal wird es anders sein,/ dann sperren wir die Bullen ein./ Und plötzlich in der Nacht,/ sind die Unionsfans an der Macht.“ Als BFC abgestürzt ist in die Anonymität der fünftklassigen Berliner Verbandsliga zeigten sich die Anhänger von Union gegenüber dem Hassobjekt von einst gelassen. Nun sind sie wieder vereint, in der viertklassigen Oberliga. Falko Götz kehrte nach Berlin zurück und wurde sogar Trainer – bei Hertha BSC. Großzügig heißt es in der Unionkneipe „Abseitsfalle“ an der Alten Försterei: „Es gibt nur zwei Deutsche Meister an der Spree: Union und Hertha BSC. Wir wollen uns nicht streiten, Hertha sind die Zweiten.“ Gegenüber der Hertha zeigen sie oft demonstratives Desinteresse. Die Anhängerschaft der vielen rivalisierenden Vereine in der Hauptstadt eint aber ein Spruch: „Hertha BSC in die Spree!“ Zu einem Ost-West-Duell zwischen Fanlyrikern kam es bei dem Endspiel um den Pokal des DFB zwischen Union Berlin und Schalke 04. „Eisern Union, Eisern Union“, riefen die Berliner. „Ihr seid eisern, doch wir sind aus Kohle und Stahl“, skandierten die Gelsenkirchener zurück. Die Philosophie der Fußballfans brachte ein Spanier auf den gültigen Satz: „Vieles wechselt man heutzutage, den Beruf, die Frau oder den Mann, die Automarke – aber nicht den Fußballverein.“ So Javier Marias, nach Verlagsangaben einer der interessantesten Schriftsteller Spaniens. Er ist Anhänger von Real Madrid. Biografie „Hans Dieter Baroth gilt schon lange als einer der besten Chronisten des Kohlenpotts“, schreiben die Ruhr Nachrichten (Nr. 267/2005). Der in Berlin lebende Schriftsteller wurde im Ruhrgebiet geboren. Nach seiner Ausbildung als Bergmann und fünf Jahren Arbeit unter Tage wechselte er ins Medienfach. Baroth arbeitete für Zeitungen, den Rundfunk und das Fernsehen. Er wurde ausgezeichnet von den Sportfilmtagen Oberhausen und der Dokumentarfilmwoche Mannheim, in den siebziger Jahren erhielt er den Deutschen Journalistenpreis. Als Romancier startete Hans Dieter Baroth mit Aber es waren schöne Zeiten. Die Zeitschrift neues rheinland verglich seinen Roman Mann ohne Namen mit Germinal von Emile Zola. Für sein bisheriges Gesamtwerk wurde er 1992 mit dem Literaturpreis Ruhrgebiet ausgezeichnet. Zurzeit sind die Text/Bildbände Streuselkuchen und Muckefuck und Das werde ich nie vergessen sowie das Hörbuch Aber es waren schöne Zeiten im Handel. www.hansdieterbaroth.de |