Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 15 / April 2006 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  

Schlüsselbegriffe

Weblogs – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen

von Ulrike Propach


Eine neue Variante der World-Wide-Web-Kommunikation ist dabei, die Wohnzimmer und Konzerne zu erobern. Weblogs, ein Begriff, den Jørn Barger im Jahr 1997 als Kombination von „World Wide Web“ und „Logbuch“ prägte. Allgemein betrachtet zeichnet ein Weblog folgende Kriterien aus:

  • Chronologisch rückwärts gehende Beiträge, d.h. der neueste Eintrag ist obenan
  • Die Kommentierfunktion bei jedem Beitrag
  • Trackback-Funktion als Verweisungsfunktion auf andere Beiträge (RSS-Benachrichtigung möglich)

Kommunikation ohne Grenzen

Weblogs gelten als Ort der freien Meinungsäußerung, die nicht dem Agendasetting von Massenmedien unterworfen sind, aber den Regeln der Netiquette folgen. Verstöße gegen – zum Teil ungeschriebene  – Regeln im Verhalten im www werden thematisiert. Die heutige Variante von freiem Diskurs hat aufgrund der technischen Entwicklungen ein ganz anderes Gesicht als zu Hochzeiten von Jürgen Habermas. Bei Blogs kann der Nutzer sich passiv informieren oder aktiv diskutieren. Es überlagert sich öffentliche und interpersonale Kommunikation.

In einer Stunde online

Es ist mit den vorhandenen Bausteinen (Templates) von Anbietern möglich, innerhalb einer halben bis ganzen Stunde sich ein eigenes Weblog zu schaffen, das grafisch gut aussieht und voll funktionsfähig ist. Dadurch ist es in Konkurrenz oder Ergänzungsfunktion zu persönlichen webpages getreten, die zumeist aufwendiger in der Erstellung sind.

“Den“ Blogger gibt es nicht

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass circa 80 Prozent der Nutzer Privatpersonen sind, die ein weblog vor allem als öffentlich zugängliches Tagebuch nutzen. Die eigene Lebenswelt wird damit abgebildet und mitgeteilt. Dadurch, dass die „diary blogs“-Adressierungen aber nur im Freundeskreis bekannt sind, ist diese Nutzung im klassischen kommunikationstheoretischen Ansatz als nicht-öffentlich anzusehen.

Die restlichen 20 Prozent der Weblogs werden von einer Teilöffentlichkeit wahrgenommen. Darunter fallen sogenannte A-Blogger (TOP 100: Alpha- oder A-List-Blogger) und öffentliche Weblogs wie Bildblog (das jedoch ohne Kommentierungsfunktion eigentlich kein „richtiger“ Blog ist), politische Blogs von Parteien sowie NGOs oder Firmenblogs.

Anhand dieser Auflistung wird deutlich, dass es verschiedenste Praktiken der Selbstpräsentation und des Networkings beim Bloggen gibt.

Letzten Endes charakaterisiert der Inhalt das Weblog (v.a. Texte und Fotos, geringfügig Podcasts oder Vodcasts). Der Anbieter in seiner Persönlichkeit wird widergespiegelt, wobei circa 70 Prozent der Blogger authentisch, 30 Prozent mit einem Pseudonym oder anonym agieren. Eine Studie von Dr. Jan Schmidt zeigt ein recht ausgewogenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Usern. Die Mehrheit befindet sich in der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren.

Ähnlich wie bei den großen Mediennutzungsumbrüchen bei der Einführung von Radio, Fernsehen oder Gaming (Playstation, Online-Gaming) ist derzeit noch eine relativ kleine Community von Nutzern festzustellen. Die deutsche Blogosphäre umfasst derzeit circa 200.000 bis 250.000 weblogs, die Zahlen steigen exponentiell an. Nach der Einführung von Weblogs gibt es Dauernutzer und auch bereits Aussteiger. Es wird auch unterschieden zwischen aktiven Bloggern (die selbst ein Weblog führen), Kommentatoren (Hinterlassen von Kommentaren bei Weblogs ohne ein eigenes zu haben) und reinen Lesern.

Die Nebenwirkungen

Durch die extrem schnelle Reaktionszeit bei Bloggern gehen Tipps & Warnungen zu Produkten oder negative Themenäußerungen von prominenten Persönlichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes schnell um die Welt. Dies kann zu Umsatzeinbrüchen oder weitreichenden Rufschädigungen führen. Mittlerweile beobachten nicht nur die klassischen Medien (Print, TV, Radio), sondern auch große Firmen die Bloggerszene. Monitoring wird bei Unternehmen im Issue Management zur Vermeidung von Krisensituationen eingesetzt.

Einmal verbreitete Themenbeiträge sind in den seltensten Fällen wieder aus dem www zu löschen, da sie im Cache von Suchmaschinen aufbewahrt werden und durch die Blogs wandern. Daher sollte bei den Nutzern eine Medienkompetenz vorhanden sein, welche Themen man setzt und wie man sich zu Personen äußert.

Weiterführende Literatur und Links:

Kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen:

Grundlegende Literatur

  • Picot, Arnold / Tim Fischer (Hg:): Weblogs professionell. Grundlagen, Konzepte und Praxis im unternehmerischen Umfeld. Hannover 2005.
  • Schmidt, Jan: Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. Konstanz. Erscheint April 2006.
  • Zerfaß, Ansgar/Dietrich Boelter: Die neuen Meinungsmacher. Weblogs als für Kampagne, Marketing, PR und Medien. Graz 2005.