Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 15 / April 2006 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
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Editorial

Die Welt zu Gast bei Freunden: Hauptstadtregion und Fußball-WM 2006

Berlin und Brandenburg gewinnen im weltweiten Wettbewerb der Metropolregionen immer mehr Platzvorteile. Und das ist gut so. Dadurch wird die Region wieder ein Stück erkennbarer. Schon Siegfried Kracauer wusste: „Die weltstädtischen Zentren, die auch Orte des Glanzes sind, gleichen sich mehr und mehr einander an. Ihre Unterschiede vergehen.“

Eine schleichende ‚Verähnlichung’ durch die so genannte Globalisierung, durch die Überalterung der Gesellschaft, durch neue Migrationsprozesse und nicht zuletzt durch die optische und akustische Austauschbarkeit von technischer Infrastruktur und von Waren macht die Standort-Entscheidungen für „Global Players“ zur Zeit nicht einfach. Das Weltmeister-Motto: „Zu Gast bei Freunden“ bekommt im sozial- und wirtschaftsräumlichen Einerlei somit unfreiwillig auch einen doppeldeutigen Hauch des überall Vertrauten ...

Freuen wir uns also über unseren regionalen Marketing-Volltreffer! In der kommunikativen Arena Berlin-Brandenburg werden Begeisterungsstürme unterschiedlichster Art ihren Widerhall finden. Der Hauptstadtregion kommt es nur gelegen, wenn sie sich in diesem Jahr als Austragungsort für die Fußball-Weltmeisterschaft nach innen und außen beweist und weiter entwickeln kann. Gewonnen haben wir also sowieso schon ... Kein Zweifel. Die Tourismus-Branche wird ebenso profitieren wie auch andere Sektoren der Dienstleistungswirtschaft. Das gibt unserer Region, die sich immer noch im Umbruch und manchmal leider auch noch im Abseits befindet, richtig gute Anstöße.

In der fünfzehnten Ausgabe der Streusandbuechse.de können Sie sich vor dem großen Anpfiff schon mal ein Bild davon machen, wie sich die Kolleginnen und Kollegen der hiesigen Kommunikationsbranche für das Mega-Event aufwärmen. Ansonsten sollten wir möglichst cool bleiben. Wie sagte Addi Preißler treffend: „Entscheidend ist auf dem Platz.“

Ihr Gerhard Mahnken

 

Grußwort

des Regierenden Bürgermeisters von Berlin


 

Thema

Es ist leicht, ein Fußballfan zu sein -

Wie sich die Deutsche Bahn für die Fußball-WM 2006 engagiert


In diesen bewegten Zeiten ist es nicht nur die reine Freude, als Fußballfan zu einem Spiel zu gehen. Obwohl die Eintrittskarte als Fahrschein im Nahverkehr gilt und wir außerdem Weltmeister-Tickets und -Pässe anbieten – aber Terrorfurcht, angebliche Baumängel in den Stadien und die Vogelgrippe machen nachdenklich. Die Sicherheit von Spiel und Zuschauern ist zum zentralen Thema geworden. Auch deshalb haben wir zur WM 2.200 Mitarbeiter bei DB Sicherheit am Start. Hinzu kommen die Kollegen aus der Konzernsicherheit, der zivilen Notfallvorsorge und den Security-Regionalteams. Im neuen „Sicherheitszentrum Bahn“ arbeiten 30 Mitarbeiter der Konzernsicherheit mit Beamten der Bundespolizei zusammen. Sie alle sorgen dafür, die Spiele sicher zu machen.


Die Bahn-Tochter Schenker ist der offizielle Logistikdienstleister. Und die Sicherheit hat auch beim Waren- und Gütertransport höchste Priorität. Wir kontrollieren genau, was wann als Lieferung und Nachschub in die Stadien gebracht wird. Das bedeutet, jeder Pappbecher, Fußball oder Fernsehbildschirm wird an einem „LogPoint“ genannten zentralen Kontrollposten überprüft. Außerdem hat Schenker in München ein internationales Medienzentrum eingerichtet – Kabel, Bildschirme, Mäuse – alles wird aufgestellt und wieder abgeholt.

Aber nicht nur im Stadion, sondern schon auf dem Weg dorthin erwarten Hunderttausende Service und Komfort. Zum Beispiel werden die Fußballfans am Bahnhof an WelcomeDesks empfangen. Wer immer eine Frage hat, dort bekommt er Antwort. Vom Bahnhof zum Stadion gibt es ein für alle zwölf Städte gleiches Wegeleitsystem: So findet jeder den direkten Weg vom Zugabteil zu seinem Platz im Stadion. Außerdem zeigen besonders geschulte Mitarbeiter an den Bahnhöfen den Weg zum Stadion oder auch zu Sehenswürdigkeiten und Attraktionen der jeweiligen Stadt. Die Ausbildung der sogenannten Volonteers der FIFA übernahm DB Training.

Im Vorfeld gab und gibt es noch weitere Highlights bei der Bahn: Seit 2004 „rollt“ der Fußball-Globus durch die Welt und die WM-Städte hier in Deutschland. Der übergroße Ball hat überall das Interesse an unseren Aktivitäten geweckt. Im März starteten die BahnTage –Fußballfeste auf den Bahnhöfen der WM- Spielorte. Sonder-Tarifangebote wie das WeltmeisterTicket 54, 74 und 90 – das entfernungsabhängige Vergünstigungen gewährt – sind ebenso beliebt wie die BahnCard selbst. In den Speisewagen kann man sich mit speziellen WM-Menüs stärken. Jedes Teilnehmerland und jeder Austragungsort stellt sich mit einem typischen Gericht vor. Für Journalisten haben wir einen Extra-Service: Wer zur WM akkreditiert wird, bekommt von der FIFA die Berechtigung, in dieser Zeit kostenfrei mit uns zu fahren.

An den Spieltagen wird die Bahn insgesamt etwa 250 Sonderzüge einsetzen. Die WM-Städte sind alle über ICE-Verbindungen komfortabel zu erreichen. Die Fern- und Nahverkehrssysteme wurden entsprechend vertaktet und auch regionale Verkehrsunternehmen haben wir einbezogen. Es gibt Sonderbusse und beispielsweise in Berlin wird die S-Bahn 24 Stunden am Tag fahren. Das gab es noch nie.

Nicht zu vergessen ist unser Chauffeurdienst: Wir stellen Fußballfunktionären, Schiedsrichtern und zahlreichen VIPs während der WM einen Wagen mit Chauffeur zur Verfügung. Hierfür arbeiten wir mit Hyundai zusammen.

Und ein Service ist während der WM ganz selbstverständlich: In den Zügen werden die Tore und Spielstände durchgesagt.

Eigentlich ist es doch ganz einfach, Fußballfan zu sein.

Burkhard Tewinkel

 

Thema

Ein Fan kann lieben, aber auch hämen und hassen

von Hans Dieter Baroth


Hans Dieter Baroth

Der zehnfache Fußballmeister der DDR in Folge, BFC Dynamo Berlin, sollte Anfang der 90er Jahre erneut in die Relegation zur nun vereinten Zweiten Bundesliga ziehen. Dynamo-Fan Andreas Gläser schreibt: „Nach dem abermaligen Scheitern wollte ich mir das Leben nehmen, doch ich hatte Angst davor, als Union-Ratte wiedergeboren zu werden.“ Sie hassen sich weit über die Existenz der DDR hinaus, die Anhänger von Union Berlin und dem BFC Dynamo. Andreas Gläser ist Schriftsteller. Über seine Zeit als süchtiger Fan des Mielke-Clubs veröffentlichte er ironische und hintergründige Texte in dem Buch „Der BFC war schuld am Mauerbau.“ (Aufbau-Verlag) Der Titel des Buches ist nicht ernst gemeint. Aber der Band enthält ernste und sogar makabre Storys über Liebe, Hass und Häme von Fußballanhängern in Ostdeutschland. Denn die zeichnete auch hier den Fußballfan aus – fast blinde Verehrung für seinen Club mit Lobgesängen auf den eigenen Verein, und Volkslyrik voller Schmäh gegen gewisse Gegner. Bei dem Köpenicker Kiezclub Union Berlin ist in dem Stadion an der Alten Försterei vor dem Anpfiff eine Vereinshymne auf CD zu hören, die Sitzplatzbesucher erheben sich wie beim Abspielen der dritten Strophe des Deutschlandliedes.

In dem Eifer von Fußballanhängern, den Gegner zu verhöhnen, war Deutschland nie gespalten. Der Unterschied lag nur in den Vereinsnamen. Die Zuschauer von Wismut Aue sangen in der DDR: „Zwei gekreuzte Hämmer und ein großes W., das ist Wismut Aue, unsere BSG.“ Auf des Gegners Platz mussten sie hören: „Sie kommen aus der Tiefe, sie kommen aus dem Schacht. Wismut Aue – keine Fußballmacht.“ Als Union Berlin in der Zweiten Liga gegen Erzgebirge Aue – früher Wismut – antrat, höhnten die Berliner Mitgereisten wegen des Hochwassers von einst: „Es kommt die Zeit, hoho, in der das Wasser wieder steigt.“ Fans sind kreativer als manche Literaten glauben. Ob deshalb vor Jahren von dem Autor Peter Rühmkorf ein Buch mit von ihm gesammelten Reimen auf den Wänden von öffentlichen Bedürfnisanstalten erschien – als Volkslyrik?

Ähnlich wie die Feindschaft zwischen Anhängern von Borussia Dortmund  und Schalke 04 im Revier ist, gab es eine Gegnerschaft im Osten zwischen Union Berlin und dem BFC Dynamo. Eine so tiefe Antipathie beginnt meist in der Kinder- und Jugendzeit. Wenn der Vater Sohn oder Tochter einschwört auf Zustimmung für den einen Club und Ablehnung auf den verhassten Gegner. Der Autor Andreas Gläser hatte mit den Fans von Union Berlin eine recht schmerzhafte erste Begegnung. „Am S-Bahnhof Leninallee warteten wir auf den Bus oder die Straßenbahn. Maik und Frank schlenderten zum Fahrplan. Jemand tippte mir auf die Schulter. Ich drehte mich um und machte eine Blitzbekanntschaft mit einer fremden Faust. Für eine Sekunde war es dunkel. Danach sah ich mich jemanden gegenüber, der mir körperlich überlegen war. Er zeigte sich gesprächsbereit und wollte nur meinen Schal. ‚Nee!‘ Drei oder vier Unioner zerrten mich auf die schlechtbeleuchtete Straßenseite. Ich gab meinen selbstgestrickten Skalp preis.“ Die Begegnungen zwischen Union und dem BFC im „Stadion der Weltjugend“ führten in der Fanszene meist zu handfesten Auseinandersetzungen. Freude herrschte bei den Köpenickern, als der BFC-Spieler Lutz Eigendorf einen Einsatz im Westen genutzt hatte, sich dort abzusetzen. Sie sangen im Berliner Deutsch von den Rängen: „Der Eigendorf ist abgehaun, wie kann man da die Bullen trauen.“ Nach ihm setzten sich die Spieler Falko Götz und Dirk Schlegel in die Bundesrepublik ab. Die Häme war dem BFC Dynamo garantiert: „Götz und Schlegel sind o.k, sind nicht mehr beim BFC.“ Die Volkspolizei vergriff sich wiederholt am Volk. So mancher Anhänger der Union kann von Knastzeiten berichten. Eher trotzig hieß es in Köpenick: „Auf einem Bahnhof nah bei Dessau, in einem Haus aus roten Stein, dort verbrachte ich meine Jugend ohne Licht und Sonnenschein. Eines Tages kam ein Schließer, und er sagte: du bist frei. Tausend Tränen in den Augen, meine Knastzeit war vorbei. Immer wieder, immer wieder, immer wieder – FCU. Von der Elbe bis zur Isar, immer wieder FCU.“ Bis zu zwei Jahre in Bautzen verschwinden konnte ein Fußballanhänger, der in Köpenick zu laut sang: „Dreißig Meilen im Quadrat/ Minenfelder, Stacheldraht. /Nun wisst ihr wo ich wohne,/ ich wohne in der Zone. Doch einmal wird es anders sein,/ dann sperren wir die Bullen ein./ Und plötzlich in der Nacht,/ sind die Unionsfans an der Macht.“

Als BFC abgestürzt ist in die Anonymität der fünftklassigen Berliner Verbandsliga zeigten sich die Anhänger von Union gegenüber dem Hassobjekt von einst gelassen. Nun sind sie wieder vereint, in der viertklassigen Oberliga. Falko Götz kehrte nach Berlin zurück und wurde sogar Trainer – bei Hertha BSC. Großzügig heißt es in der Unionkneipe  „Abseitsfalle“ an der Alten Försterei: „Es gibt nur zwei Deutsche Meister an der Spree: Union und Hertha BSC. Wir wollen uns nicht streiten, Hertha sind die Zweiten.“ Gegenüber der Hertha zeigen sie oft demonstratives Desinteresse. Die Anhängerschaft der vielen rivalisierenden Vereine in der Hauptstadt eint aber ein Spruch: „Hertha BSC in die Spree!“

Zu einem Ost-West-Duell zwischen Fanlyrikern kam es bei dem Endspiel um den Pokal des DFB zwischen Union Berlin und Schalke 04. „Eisern Union, Eisern Union“, riefen die Berliner. „Ihr seid eisern, doch wir sind aus Kohle und Stahl“, skandierten die Gelsenkirchener zurück.

Die Philosophie der Fußballfans brachte ein Spanier auf den gültigen Satz: „Vieles wechselt man heutzutage, den Beruf, die Frau oder den Mann, die Automarke – aber nicht den Fußballverein.“ So Javier Marias, nach Verlagsangaben einer der interessantesten Schriftsteller Spaniens. Er ist Anhänger von Real Madrid.

Biografie

„Hans Dieter Baroth gilt schon lange als einer der besten Chronisten des Kohlenpotts“, schreiben die Ruhr Nachrichten (Nr. 267/2005). Der in Berlin lebende Schriftsteller wurde im Ruhrgebiet geboren. Nach seiner Ausbildung als Bergmann und fünf Jahren Arbeit unter Tage wechselte er ins Medienfach. Baroth arbeitete für Zeitungen, den Rundfunk und das Fernsehen. Er wurde ausgezeichnet von den Sportfilmtagen Oberhausen und der Dokumentarfilmwoche Mannheim, in den siebziger Jahren erhielt er den Deutschen Journalistenpreis. Als Romancier startete Hans Dieter Baroth mit Aber es waren schöne Zeiten. Die Zeitschrift neues rheinland verglich seinen Roman Mann ohne Namen mit Germinal von Emile Zola. Für sein bisheriges Gesamtwerk wurde er 1992 mit dem Literaturpreis Ruhrgebiet ausgezeichnet. Zurzeit sind die Text/Bildbände Streuselkuchen und Muckefuck und Das werde ich nie vergessen sowie das Hörbuch Aber es waren schöne Zeiten im Handel. 

www.hansdieterbaroth.de

 

Glosse

Buchungscode W.M. 2006

Aktuelle Wegreisetipps von Achim Kühne-Henrichs


Es gibt doch noch Karten! Gleich am Freitag, den 9. Juni 2006 zum Beispiel. Für das Auftaktspiel mit Figaro. Cinque, dieci, quarantatre. Alles noch da, zur Hochzeitsfeier in Salzburg. Einlass 19.45 Uhr. Spielbeginn 20.15 h. Ach so. Fußballkarten. Deutschland – Costa Rica. Auftaktspiel in München. Allianz-Arena. Anpfiff 18.00 Uhr. Karten? Hat irgend jemand noch Karten?

Seien Sie froh, wenn Sie nicht reinkommen. In den Stadien ist es laut Stiftung Warentest viel zu gefährlich. Fußball kann Sie Ihr Leben kosten. Kaum ist die Panik da, laufen alle in die falsche Richtung. Sie müssen sich gegen den Strom bewegen. Dann kommen Sie spielend überall hin. Am 9. Juni zum Beispiel mit hlx.com von Berlin Tegel nach Salzburg zu Figaros Hochzeit für schnelle 14,49 Euro.

Oder wenn am Samstag, den 10. Juni im Frankfurter Waldstadion um 15.00 Uhr die Engländer auf die Paraguayaner zustürmen, dann können Sie – anstatt zwischen Hooligans um Ihr Leben zu fürchten – noch am gleichen Abend für eben mal 15,99 Euro mit ryanair von Frankfurt-Hahn nach Bratislava fliegen. Dort haben Sie die Karten für das mozartsche Weltmeisterschaftsjahr 2006 gleich drei mal in Reichweite: Budapest, Bratislava, Wien.

Und während Deutschland am Abend des 25. Juni 2006 im Achtelfinale in Stuttgart ausscheidet, könnten Sie kurzentschlossen für 39 Euro um 16.40 Uhr in den germanwings-Flieger direkt nach Wien steigen und dort ganz ungestört im Theater an der Wien Mozarts dramma per Musica Ideomeno lauschen, jener tragischen Geschichte vom König von Kreta, der seinen Sohn opfert. Trotzdem happy End. Karten gibt’s noch.

Viertelfinale. Egal, ob Sie in Berlin, Hamburg, Gelsenkirchen oder Frankfurt keine WM-Karten bekommen: Nehmen Sie den Zug nach Hannover. Von da fliegt hlx.com für 0,00 Euro (Buchungsstand 7.3.2006) nach Salzburg. Abends um 19.00 Uhr: W.M. Krönungsmesse KV 317 im Salzburger Dom.

Endspiel. Da können Sie machen was Sie wollen. Aber sehen Sie zu, dass Sie am 9. Juli nicht in Berlin sind. Zurück kommen Sie allemal. Am Mittwoch, den 12. Juli 2006 zum Beispiel mit easyjet von Budapest nach Berlin für 15,57 Euro. Oder bereits am Dienstag, 11. Juli 2006 mit hlx.com von Klagenfurt nach Berlin für 4,49 Euro. Oder gleich am Montag früh, 10. Juli 2006, nach einem vergnüglichen Mozart-Abend in der Wiener Staatsoper (Es gibt noch Karten!), zurück von der Donau an die Spree mit Air Berlin für sage und buche 1,- €.

Achim Kühne-Henrichs

 

Interview

Kult ist nicht planbar

Im Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba


Fußball, Fußball, Fußball – kaum eine Botschaft kommt derzeit ohne einen Verweis auf die WM 2006 aus. Gerade PR-Leute stellen sich zunehmend die Frage, ob es nicht vielleicht doch irgendwann zu viel des Guten sein könnte. Wieviel Mega-Event verträgt eine Stadt eigentlich? Genau die richtigen Fragen für Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Europäische Ethnolgie an der Humboldt-Universität zu Berlin und bekennender Fußball-Fan.


Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba (Foto: HU)

Dass eine Fußball-WM Sportfans in besonderem Maße begeistert, versteht sich von selbst. Weshalb aber greift diese Begeisterung in so starkem Maße auch auf weniger große Sportfans über?

 Events erzielen kurzfristig immer eine enorme Aufmerksamkeit. Und die Fußball-WM ist zweifellos ein Mega-Event. Allein ihre Präsenz in den Medien beweist uns, wie wichtig sie ist. Berlin ist ja große Events durchaus gewohnt, erlebt sie freilich auch ambivalent. Zum einen gibt es eine hohe Identifikation mit solchen Ereignissen, zum andern aber auch immer ein wenig Stress. Und wenn es nur die Staus sind wie zur Berlinale oder bei Staatsbesuchen.

Nun bezieht sich dieses Event auf das Thema Fußball. Und Fußball ist nun einmal ein wesentliches kulturelles Bindeglied in unserer Gesellschaft. Er hat Anhänger in allen Bevölkerungsschichten, von den Eliten bis zu den Unterschichten, quer durch die Generationen und zunehmend auch unabhängig vom Geschlecht. Regional funktionieren solche Querschnitt-Events auch bei anderen Ereignissen, z. B. beim Karneval. Doch Sport und im besonderen Fußball funktionieren eben überregional und auch deshalb besonders gut, da sich seine Vermarktung entscheidend verändert hat. Fußball ist nämlich „veredelt“ worden! Er verkörpert eine hochwertige Marke und es gibt neue Fußballer-Typen, die man auch als Dressmen sieht oder wie ein Popidol anhimmeln kann. Entsprechend hat sich auch die Fankultur verändert. Mit dem Internet ist der Fan immer „dabei“ – und zum Fußball zu gehen, ist schon fast auf einer Ebene mit dem Theaterbesuch.

Was bedeutet das für PR und Werbung? Kann man wirklich alles vor den Fußball-Karren spannen oder tritt nicht doch irgendwann eine Übersättigung ein?

Werbung ist da ein schwieriger Balanceakt, denn natürlich gibt es sporadisch immer wieder Übersättigungserscheinungen. Wenn alles „Fußball“ sein will oder wenn das WM-Logo zu flach daherkommt. Aber insgesamt dominiert die Bereitschaft, sich doch immer wieder neu mit dem Thema Fußball auseinanderzusetzen. Das ist ein bißchen wie Weihnachten. Da dauert es auch ziemlich lange, bis man „Stille Nacht“ nicht mehr hören kann.

Bei der Entscheidung, ob man auf ein Mega-Thema aufsatteln sollte, muss man sich also vom Alltagsempfinden leiten lassen. Es funktioniert dann, wenn das Produkt eine plausible Verbindung zu dem hat, wofür Fußball heute steht. Und das ist eben nicht mehr nur Kraft und Schweiß, sondern vor allem Emotion, Leichtigkeit, Schnelligkeit und auch Eleganz.

Deshalb gibt es eine Grenze zur Peinlichkeit, die nicht überschritten werden sollte. Natürlich kommt das Peinliche trotzdem – und einiges davon wird später sogar selbst zum Kult. Der Nachttopf in Fußballform ist also unausweichlich - aber als Trash-Kult planbar ist er eben nicht!

Ist Berlin, funktionieren Großstädte in dieser Beziehung völlig anders als ländliche Gegenden?

Unbedingt. Großstädter und speziell Berliner sind derartige Events nicht nur gewohnt, sie haben sogar einen großen Bedarf an solchen Inszenierungen. Denn die bringen Neues und Abwechslung. Es ist nicht nur die Großveranstaltung irgendwo weit weg. Sondern man sieht sich dabei selbst mit der WM durch die Stadt flanieren. Man will zugucken, wie andere zugucken, miterleben, wie andere miterleben. Natürlich sieht man sich auch in ländlichen Vereinsheimen zusammen Fußball an. Aber das Dorf selbst verändert dadurch nicht sein Gesicht, es wird keine Bühne für zusätzliche Veranstaltungen und große Fangemeinden. Hier entsteht mit der Fußball-WM keine neue Welt. Diese neue Welt kommt nur in die großen Städte und natürlich vor allem dorthin, wo die Spiele stattfinden. Irgendwie ist das dann schon so, wie Beckenbauers Franz sagt: “Die Welt bei uns zu Gast“ – und wir mittendrin.

Vielen Dank!

(Das Interview führte Susann Morgner, Geschäftsführerin der
con gressa Veranstaltungsdienste GmbH.)

 

Schlüsselbegriffe

Weblogs – Chancen, Risiken und Nebenwirkungen

von Ulrike Propach


Eine neue Variante der World-Wide-Web-Kommunikation ist dabei, die Wohnzimmer und Konzerne zu erobern. Weblogs, ein Begriff, den Jørn Barger im Jahr 1997 als Kombination von „World Wide Web“ und „Logbuch“ prägte. Allgemein betrachtet zeichnet ein Weblog folgende Kriterien aus:

  • Chronologisch rückwärts gehende Beiträge, d.h. der neueste Eintrag ist obenan
  • Die Kommentierfunktion bei jedem Beitrag
  • Trackback-Funktion als Verweisungsfunktion auf andere Beiträge (RSS-Benachrichtigung möglich)

Kommunikation ohne Grenzen

Weblogs gelten als Ort der freien Meinungsäußerung, die nicht dem Agendasetting von Massenmedien unterworfen sind, aber den Regeln der Netiquette folgen. Verstöße gegen – zum Teil ungeschriebene  – Regeln im Verhalten im www werden thematisiert. Die heutige Variante von freiem Diskurs hat aufgrund der technischen Entwicklungen ein ganz anderes Gesicht als zu Hochzeiten von Jürgen Habermas. Bei Blogs kann der Nutzer sich passiv informieren oder aktiv diskutieren. Es überlagert sich öffentliche und interpersonale Kommunikation.

In einer Stunde online

Es ist mit den vorhandenen Bausteinen (Templates) von Anbietern möglich, innerhalb einer halben bis ganzen Stunde sich ein eigenes Weblog zu schaffen, das grafisch gut aussieht und voll funktionsfähig ist. Dadurch ist es in Konkurrenz oder Ergänzungsfunktion zu persönlichen webpages getreten, die zumeist aufwendiger in der Erstellung sind.

“Den“ Blogger gibt es nicht

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass circa 80 Prozent der Nutzer Privatpersonen sind, die ein weblog vor allem als öffentlich zugängliches Tagebuch nutzen. Die eigene Lebenswelt wird damit abgebildet und mitgeteilt. Dadurch, dass die „diary blogs“-Adressierungen aber nur im Freundeskreis bekannt sind, ist diese Nutzung im klassischen kommunikationstheoretischen Ansatz als nicht-öffentlich anzusehen.

Die restlichen 20 Prozent der Weblogs werden von einer Teilöffentlichkeit wahrgenommen. Darunter fallen sogenannte A-Blogger (TOP 100: Alpha- oder A-List-Blogger) und öffentliche Weblogs wie Bildblog (das jedoch ohne Kommentierungsfunktion eigentlich kein „richtiger“ Blog ist), politische Blogs von Parteien sowie NGOs oder Firmenblogs.

Anhand dieser Auflistung wird deutlich, dass es verschiedenste Praktiken der Selbstpräsentation und des Networkings beim Bloggen gibt.

Letzten Endes charakaterisiert der Inhalt das Weblog (v.a. Texte und Fotos, geringfügig Podcasts oder Vodcasts). Der Anbieter in seiner Persönlichkeit wird widergespiegelt, wobei circa 70 Prozent der Blogger authentisch, 30 Prozent mit einem Pseudonym oder anonym agieren. Eine Studie von Dr. Jan Schmidt zeigt ein recht ausgewogenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Usern. Die Mehrheit befindet sich in der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren.

Ähnlich wie bei den großen Mediennutzungsumbrüchen bei der Einführung von Radio, Fernsehen oder Gaming (Playstation, Online-Gaming) ist derzeit noch eine relativ kleine Community von Nutzern festzustellen. Die deutsche Blogosphäre umfasst derzeit circa 200.000 bis 250.000 weblogs, die Zahlen steigen exponentiell an. Nach der Einführung von Weblogs gibt es Dauernutzer und auch bereits Aussteiger. Es wird auch unterschieden zwischen aktiven Bloggern (die selbst ein Weblog führen), Kommentatoren (Hinterlassen von Kommentaren bei Weblogs ohne ein eigenes zu haben) und reinen Lesern.

Die Nebenwirkungen

Durch die extrem schnelle Reaktionszeit bei Bloggern gehen Tipps & Warnungen zu Produkten oder negative Themenäußerungen von prominenten Persönlichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes schnell um die Welt. Dies kann zu Umsatzeinbrüchen oder weitreichenden Rufschädigungen führen. Mittlerweile beobachten nicht nur die klassischen Medien (Print, TV, Radio), sondern auch große Firmen die Bloggerszene. Monitoring wird bei Unternehmen im Issue Management zur Vermeidung von Krisensituationen eingesetzt.

Einmal verbreitete Themenbeiträge sind in den seltensten Fällen wieder aus dem www zu löschen, da sie im Cache von Suchmaschinen aufbewahrt werden und durch die Blogs wandern. Daher sollte bei den Nutzern eine Medienkompetenz vorhanden sein, welche Themen man setzt und wie man sich zu Personen äußert.

Weiterführende Literatur und Links:

Kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen:

Grundlegende Literatur

  • Picot, Arnold / Tim Fischer (Hg:): Weblogs professionell. Grundlagen, Konzepte und Praxis im unternehmerischen Umfeld. Hannover 2005.
  • Schmidt, Jan: Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. Konstanz. Erscheint April 2006.
  • Zerfaß, Ansgar/Dietrich Boelter: Die neuen Meinungsmacher. Weblogs als für Kampagne, Marketing, PR und Medien. Graz 2005.
 

Die Stadt im Abschlusstraining

Im Sommer 2006 blickt die Welt auf Berlin

Berlins Tourismuswirtschaft setzt voll auf Freundlichkeit und Service


 

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Blick in die Karten:

„Best-Practice“ - Workshop zum Deutschen PR-Preis bei Meta-Design


 

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