
| Ausgabe 18 / Oktober 2007 | |||
|
Stichwort"Integration"SOS. Save our souls. In regelmäßigen Wellen taucht das Thema ‚Integration’ an der politischen und medialen Oberfläche auf. Unterschwellig ist ‚Integration’ indes ein Dauerthema vor allem in Agglomerationsräumen. Dennoch: Das Orientierungswissen darüber bleibt in unseren Städten und Regionen auch nach jahrzehntelangen Suchmanövern im gesellschaftspolitischen Bermudadreieck spurlos verschwunden. Was heißt das schon, Integration’? Viel zu komplex sind die Prozessbedingungen, die dabei ins Spiel kommen, als dass wir sie über Stammtischparolen aushandeln lassen dürfen, die bei Bedarf ihren mühelosen Tauchgang immer wieder bis in die gesellschaftspolitische Mitte schaffen. Zu diesem Ergebnis kamen auch die Teilnehmer einer Tagung zum Thema „Familienwissen. Wissen für Familien“ zu der das SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit am 26. September 2007 eingeladen hatte. Neben Fachstatements zu dem aus Großbritannien stammenden Konzept Early Excellence von Jutta Burdorf-Schulz (Zentrum für Nachbarschaft und Familien, Berlin-Schöneberg) und Müslüm Bostanci (Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie) zu Sprache und Integrationsprozess und zum „Rucksackprojekt“ meldeten sich in Arbeitsgruppen Eltern aus Migrantenfamilien, Bezirksvertreter und Pädagogen aus dem Kiez Moabit und aus der weiteren Umgebung zu Wort. Dabei kamen Erkenntnisse und Kritikpunkte zum Vorschein, die Gerhard Mahnken, Mitglied im Vorstand der DPRG- Landesgruppe Berlin-Brandenburg, in seiner Funktion als Tagungsleiter zusammenfasste. Zu den wichtigsten Ergebnissen gehörte nach einhelliger Meinung der 70 TeilnehmerInnen, dass „Integration nicht allein als sprachlicher Vorgang“ zu sehen sei, wie dies in jüngster Zeit über die Medien immer wieder transportiert werde, nach dem Motto: Lernt erstmal Deutsch und dann sehen wir weiter. Im Integrationsprozess, so die Erfahrung der meisten Anwesenden, seien alle Beteiligten Lernende. Die Wissensaneignung müsse dabei als wechselseitiger Prozess betrachtet werden, meinte Müslim Bostanci. Er bemängelte, dass viele „Integrationsprofis“ zu wenig Einfühlungsvermögen besäßen und überdies auch noch schlecht geschult seien. Hier müsse die Politik ansetzen, damit weitere Kulturalisierungen vermieden werden könnten. Es sei für das Gemeinwesen auf Dauer untragbar, wenn auf Grund unterschiedlicher Migrationshintergründe dauernd Wertungen und Vorurteile ins Spiel kämen, da sie massive Hemmnisse im Integrationsprozess und im Alltag etwa von pädagogischen Einrichtungen oder Stadtteilprojekten darstellten. Hier müsse die Kultur- und Bildungspolitik künftig viel stärker ansetzen. Vor allem aber machte die Tagung klar: Der pädagogische Fokus auf sprachliche Anpassung ist verfehlt. Vielmehr müssen die frühkindliche Förderung und das Wissen um Entwicklungsstufen, kulturelle Einbettungen und um Entwicklungspfade im Vordergrund stehen. Die wichtigste Erkenntnis bleibe, so Müslim Bostanci, nach dem wissenschaftlich fundierten „Rucksackkonzept“ diese: Für Kinder aus Migrantenfamilien kommt es unbedingt darauf an, dass sie zunächst diejenige Sprache lernen, die ‚Zuhause’ gesprochen wird. Erst dann sei es möglich, auch im Außenraum den „Sprach-Rucksack“ für ein Leben zu packen, das für ‚Integration’ offen ist. Fazit: Es geht nicht bloß um deutsche Sprachförderung, sondern um die Anerkennung und Pflege von heterogenen Kulturen in unseren pluralistischen Stadtgesellschaften. Sie dürften in Zukunft noch wesentlich bunter werden. Gerhard Mahnken |