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  Ausgabe 18 / Oktober 2007 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  
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Editorial

Die Verlagslandschaft Berlin-Brandenburg

Ex oriente lux mal wieder. In Zeiten der andauernden Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Kulturkrise gibt es in der Weltgesellschaft der virtuellen Optionenvielfalt immer noch das Fassbare. Auch ‚im Osten’. Das Buch zum Beispiel.

Zu den wichtigen Arbeitgebern in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg gehören inzwischen (wieder) Verlage. Meint man gar nicht. Sie sind und bleiben offenbar die Verbindungsstellen zwischen den kreativen Berufs- und Handelsgruppen – vereint unter dem gemeinsamen Dach des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Verlage machen uns fit für die Arbeit in der so genannten Wissensgesellschaft. Mit dem Wissen eben, dass sie etwa über den Buch- und Zeitschriftenhandel unter die Leute bringen. 

Lesen Sie in dieser Ausgabe über die zur Zeit wohl interessanteste Verlagslandschaft Deutschlands: Berlin-Brandenburg. Immer mehr Autorinnen und Autoren zieht es hier her. Es gibt zahlreiche wissensbasierte Einrichtungen, wie wir sie in anderen europäischen Metropolräumen in dieser Dichte vergeblich suchen. Das zieht Texturen und Texte nach sich. Und Arbeitsplätze, die textuelle Güter und Dienstleistungen konzipieren, entdecken, herstellen, lektorieren, bearbeiten, übersetzen, gestalten, vertreiben und verwalten. Und nicht nur das: Verlage mischen sich in öffentliche Belange ein. Das ist ihr Grundmotiv und sie nehmen damit eine für die PR-Zunft zentrale Funktion in modernen Gesellschaften ein: nämlich als Intermediäre.

Interessant ist die Verlagslandschaft Berlin-Brandenburg vor allem, weil sie so heterogen ist. Hier gibt es die Großen und die Kleinen. Die Etablierten und die Außenseiter. Die ländlichen und die städtischen Verlagsorte. Friedrichstraße und Oderbruch. Zentrum neben Peripherie. Ost- und Westpfade. Verlage sind damit auch Bindeglieder im komplizierten Geflecht einer Metropolregion wie eben derjenigen, die unseren Landesverband beherbergt und beeinflusst.

Informieren Sie sich also über die Verlagslandschaft Berlin-Brandenburg. Sie nimmt Einfluss auf alle Lebenslagen. Zum Beispiel bei der Deutschen Bahn als Überbrückungsinstanz zwischen verwegenen Ansagen, wie wir diesmal aus Kühnes Glosse erfahren. Oder eben generell ab 50plus in Matthias Kochs Rezepten und Reflexionen.

Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen in diesem Sinne,

I h r  Gerhard Mahnken

 

Thema

Cornelsen Verlag

Zwischen Buch und Web 2.0 – Eine Berliner Erfolgsgeschichte


- Von Jasmine Ait-Djoudi -

Alles begann 1946 in einer Drei-Zimmer-Atelierwohnung in Berlin-Wilmersdorf. Hier gründete Franz Cornelsen direkt nach dem Krieg einen Schulbuchverlag mit dem festen Ziel, damit einen Beitrag zur friedlichen Völkerverständigung zu leisten. Früh sollten Kinder lernen, andere Länder und Kulturen zu verstehen und das geschieht am besten über die Sprache. So entstand 1948 mit Peter Pim and Billy Ball das erste Englisch-Lehrwerk für Volksschulen. Dieses Schulbuch gründete den Erfolg des Verlegers und der aufstrebende Schulbuchverlag vergrößerte sich stetig. Personell wie  räumlich. In der Wahl der Verlagshäuser blieb Franz Cornelsen stets Berlin oder genauer dem Bezirk Wilmersdorf treu. Stationen waren unter anderem eine Villa in der Binger Straße, in den 70er Jahren wurde wegen der stark gestiegenen Mitarbeiterzahl kurzzeitig ein Domizil in der Lützowstrasse gefunden bis dann in den 90er Jahren das ehemalige Institut der Theaterwissenschaften der FU in der Mecklenburgische Straße zum Verlagshaus wurde. Das erste eigene Haus entstand direkt daneben und ist bis heute der Verlagssitz. Noch einmal wurde im Jahr 2004 nach der Fusion mit dem Volk und Wissen Verlag vergrößert: Schräg gegenüber entstand für nun insgesamt 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Cornelsen Verlags ein modernes Bürohaus. Eine Berliner Erfolgsgeschichte mit Tradition.

Erfolgreich stellte sich der heute führende Verlag für Bildungsmedien auch der Herausforderung der neuen digitalen Welt. So entwickelte er bereits 1997 ein Portal für Lehrkräfte, auf der sie ihre Unterrichtsmaterialien austauschen konnten. Und mit dem 1999 gelaunchten Online-Dienst für Schüler Learnetix, war Cornelsen einer der allerersten Verlage, der Tools aus dem heutigen Web 2.0 integrierte. Blended-Learning-Lösungen für den Schuleinsatz ergänzen aktuell das Portfolio. Schon früh hat Cornelsen auf einen Medienmix gesetzt, denn früh war klar: Digitale Medien alleine machen keine bessere Schule und ersetzen schon gar nicht das Schulbuch: Das elektronische Lehren sollte vielfältige, aber immer fach- und unterrichtsspezifische Einsatzformen bieten, die den Lehrer in erster Linie entlasten sollen, sich an den Lehr- und Rahmenplänen orientieren und Bestandteil eines “Medienmix” aus Büchern, Texten und multimedial vermittelten Inhalten sind. Der Verlag wird auch weiterhin den sich schnell verändernden digitalen Markt beobachten und sich an den Bedürfnissen der Lehrkräfte orientierend neuen Anwendungsformen wie beispielsweise Pod-Casts etc. nicht verschließen. Soviel Tradition sollte bleiben.
 

Findling-Verlag

Geheimtipp

Der Findling-Verlag erschließt die Mark Brandenburg für Besucher und Gäste


- Von Margot Prust & Inge Bärisch -

1998 erschien mit dem Bild-Text-Band „Streifzüge – Neuenhagen gestern und heute“ die erste Publikation des Findling Verlages. Wir wählten den programmatischen Namen „Findling“ für unseren Verlag. Fest verbunden mit der märkischen Erde entstehen seither Text-Bild-Bände über Städte, Gemeinden, Landschaften und vor allem die Menschen Brandenburgs. Das inhaltliche Konzept bedient in seiner ganzen Breite und Vielfalt die Themen Regionalliteratur und -geschichte, Kunst, Kultur, Natur und Naturschutz. Insbesondere die Text-Bild-Bände über Orte, Landschaften und die Menschen Ostbrandenburgs, wie „Zwischen Oder und Spree“, „Historische Ansichten aus dem Kreis Lebus“ u. a., fanden und finden ein breites Lesepublikum. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich unsere kleinen kulturhistorischen, literarischen bzw. touristischen Reiseführer, wie z. B. „Die märkische Eiszeitstraße“, „Das Oderbruch – Liebe auf den zweiten Blick“ und „Gerhart Hauptmann und seine Häuser“. Diese Bücher leisten einen wichtigen Beitrag, die Mark Brandenburg für Besucher und Gäste zu erschließen und das Zusammenwachsen der Region Berlin-Brandenburg zu fördern.

Auf ins Oderbruch. Ein Besuch im „Kunersdorfer Musenhof“ lohnt sich

Vor einem Jahr verlegte der Findling Verlag seinen Sitz ins Oderbruch, nach Kunersdorf. Mit seinen denkmalgeschützten und geschichtsträchtigen Anlagen bietet der Ort vielfältige Möglichkeiten, Geschichte zu bewahren, Kunst und Kultur zu fördern und damit einen Beitrag zur historischen, kulturell-künstlerischen und kulturlandschaftlichen Entwicklung der Region zu leisten.

Unser Verlagssitz, in der Dependance des Schlosses, die etwa 1926 erbaut wurde, befindet sich inmitten wertvoller Kunstdenkmale – zwischen der von Schadow, Rauch und Thieck geschaffenen klassizistischen Säulenkolonnade, der Kuppelkirche, dem von Peter Josef Lennė geschaffenen Schlosspark, dem alten Dammkrug, dem Gedenkstein für Adelbert von Chamisso und dem Denkmal für die Frau von Friedland.

Ende des 18. Jahrhunderts etablierte die Frau von Friedland nach dem Vorbild der Berliner Salons in ihrem Schloss ein Zentrum für Landwirtschafts- und Geisteswissenschaften. So entstand der „Kunersdorfer Musenhof“, der sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden geistig-kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum entwickelte, das dem Schloss und dem Rittergut einen spürbaren Aufschwung brachte und die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des gesamten Landstriches förderte. Mit der Weiterbelebung des „Kunersdorfer Musenhofes“ schaffen wir eine Plattform für Literatur, Kunst, Kultur, die fest im kulturhistorischen Dorfensemble von Kunersdorf verankert ist. Kernstück des Kunersdorfer Musenhofes ist der Findling-Verlag.

Gemeinsam mit dem Neuenhagener Kulturverein VorOrt werden musikalisch-literarische Veranstaltungen durchgeführt. Nach dem Muster der Berliner Salons wird ein Podium für Autoren geschaffen, es werden Gesprächsrunden zu aktuellen kulturpolitischen, sozialkritischen, kulturhistorischen und geisteswissenschaftlichen Themen angeboten. Das Haus ist offen für ein breites Publikum. Wer sich von der Historie, von Kunst, Kultur und vor allem Literatur inspirieren lassen will, ist willkommen. Auch wer nur Muse, Ruhe und Beschaulichkeit sucht. Auch für Leseratten, Radwanderer, Spaziergänger, Künstler, Literaten gibt es Interessantes zu entdecken.

Wir träumen von einem kleinen Literaturzentrum im Kunersdorfer Musenhof.

Weitere Informationen finden Sie unter www.findling-verlag.de
 

be.bra

be.bra wie Berlin und Brandenburg


- Von Andreas Holleczek -

Nichts bleibt wie es ist, in Berlin schon gar nicht. Nehmen wir das Jahr 1989. Ulrich Hopp erinnert sich: „Wir hatten ein groß angelegtes Projekt am Laufen. Ein Buch über Berlin, mit austauschbarem Text, um es mehrsprachig zu halten. Bei der großen Auflage lohnte sich schon damals der Druck in China. Da fiel die Mauer. Und wir hatten plötzlich einen Dampfer auf hoher See, voller Bücher über eine Mauer, die es so nicht mehr gab…“ Damit hatte Hopp seine Lektion fürs Leben schon gelernt, als er fünf Jahre später ein eigenes Haus gründete, den be.bra verlag: „Es war klar, dass nichts bleiben würde, wie es war.“ Der Verlagsname war Programm. Kein zweiter Ort der Welt hätte es in diesem Moment an Geschichtsträchtigkeit mit Berlin und Brandenburg aufnehmen können. Der be.bra verlag sollte von diesem Standortvorteil profitieren. Das Programm umfasste die Themenfelder Berliner Geschichte, Kultur, Architektur und – natürlich – Zeitgeschichte. Hier hatte auch Regionalliteratur, das Buch mit Kiezbezug, noch zentrale Bedeutung. Doch wie gesagt, nichts bleibt...

Der Berliner Buchmarkt auch nicht – und der war und ist für den be.bra verlag mit seinem Regionalbezug entscheidend. Die zur Jahrtausendwende hin zunehmende Präsenz der großen Buchhandelsketten veränderte das Geschäft gerade in Berlin, wo vorher die kleine Buchhandlung um die Ecke immer auch ein Regal für Berliner Regionalliteratur zu bieten hatte. Berlin selbst veränderte sich auch. Aus der Stadt der Vergangenheit wurde eine der Gegenwart, in die es viele „Zugereiste“ zog. Und für sie wurde Berlin mehr und mehr zum Synonym für das Land, als dessen Hauptstadt es nun mehr und mehr fungierte. In das Programm des be.bra verlags passten jetzt auch Titel wie „Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern 1954“ von Peter Kasza.

Das Programm wurde dementsprechend vielseitiger, man könnte auch sagen: beliebiger. Nach dem roten Faden im Programm gefragt, wird der flüssige Erzähler Hopp langsamer und meint: „schwierig“. Zum Haus gehört inzwischen eine ganze Reihe mehr oder weniger separater Verlage. Neben dem be.bra verlag selbst gibt es als Imprint, also rechtlich nicht selbstständig, den berlin.krimi.verlag, der Belletristik bietet, eine Sparte, die später noch um die Japan Edition – diesmal ohne regionalen Bezug – erweitert wurde. Ferner gibt es hier die edition q und die berlin edition, die beide vom Quintessenzverlag übernommen wurden, sowie – rechtlich eigenständig – den Verlag be.bra wissenschaft, eine Konstruktion, die es ermöglicht, von der öffentlichen Förderung der publizierenden Institute und Autoren zu profitieren. Zugleich setzt man mit Nachdruck auf die Nebenrechtsvermarktung.

Ein Verlag funktioniert eben auch in Berlin nur als gewinnorientiertes Unternehmen und Hopp tut es heute nicht weh, wenn mancher bei be.bra eher an die hessische Kleinstadt denkt. Für ihn ist wichtiger, dass be.bra bei Buchhändlern als Marke für verkäufliche Titel besetzt ist. Um auch außerhalb Berlins einen Fuß in deren Tür zu kriegen, nutzt der Verlag konsequent jene Strategie, die schon in Berlin funktioniert hat: Ein Händler, der im Verlagsprogramm etwas zu seiner Region finde, öffne sich auch dem übrigen Angebot. So gibt es im Programm neben den „Berliner populären Irrtümern“ von Volker Wieprecht und Robert Skuppin inzwischen auch eine sächsische und schwäbische Variante, jeweils von dortigen Lokalgrößen verantwortet. Mit noch mehr und noch mehr Berlin lasse sich eben ein „Kleinverlag“ (Hopp) mit fünf Mitarbeitern und rund 35 Neuveröffentlichungen im Jahr nicht führen.

Kommt es dann überhaupt noch auf den Verlagsort an? Hopp: Ja! Berlin-Brandenburg bleibe einfach ein guter Standtort, egal ob andernorts größere Umsätze gemacht werden oder (vielleicht) mehr Neuerscheinungen auf den Markt kommen: „Berlin ist die Autorenstadt Nummer 1.“ Natürlich verdanke sich das auch den vielen Wissenschaftseinrichtungen in Berlin, Potsdam und Frankfurt an der Oder. Gut, dass be.bra nicht Bebra heißt.

 

Gastbeitrag

Vom Rand sieht man mehr

DAS Magazin kommt schon lange an als Außenseiter


DAS MAGAZIN ist eine amüsante Monatszeitschrift, die Kultur, Alltag und Gesellschaft staunend durchstreift, Ränder entdeckt, Sinn  für Novitäten und Skurriles aller Art hat  und dabei auf Qualitätsjournalismus setzt. Markenzeichen sind die illustrierten Cover. Das Blatt erscheint überregional, die Auflage liegt bei 60 000 Exemplaren, die Hälfte davon sind Abos; ein Einzelheft kostet 3,00 Euro.

DAS MAGAZIN, 1924 erstmals erschienen, nach dem Krieg 1954 in der DDR wieder aufgelegt, hat sich als eine der wenigen ostdeutschen Zeitschriften im vereinten Deutschland behauptet. Die FAZ erklärte das Blatt charmanterweise gar zum »New Yorker des Ostens«. Eine Nummer kleiner tut es auch: Das »SZ-Magazin« ist hierzulande auf einer ähnlichen geistigen Umlaufbahn.

Der ungewöhnliche Mix aus Leben, Liebe, Literatur und Leichtigkeit kommt auch bei Westdeutschen an, die mehr sein wollen als Zielgruppenbeute für Anzeigenstrategien von Hochglanzblättern. Am MAGAZIN mögen sie den ironischen Grundton und die Tatsache, dass ihnen hier nicht eingeredet wird, was sie zu denken, zu kaufen und zu bewundern haben. Das Ost-West-Verhältnis der Neuabonnenten ist seit drei Jahren ausgeglichen, hätte der Verlag mehr Geld für Marketing, wäre die Zeitschrift zwischen Kiel und Augsburg wohl längst bekannter.

Ein Goldesel ist sie nicht, die Herstellung ist aufwändig, die Anzeigeneinnahmen sind übersichtlich. Herausgegeben wird DAS MAGAZIN im Eigenverlag, es rangiert, was Gehälter und Honorare angeht in etwa auf Taz-Niveau und genießt ansonsten die Unabhängigkeit. Die jetzige Redaktion ist seit sechs Jahren im Amt. Damals war Berlin noch eine Zeitschriftenwüste. Tageszeitungen gab es hier immer viele, aber Illustrierte kamen dann doch aus Städten, wo das Leben mehr Glanz und Leichtsinn bot, Hamburg, München, Düsseldorf. Das ist nun anders geworden. Die Hauptstadt-Gesellschaft hat sich formiert und steht für Nahaufnahmen bereit. «Vanity Fair« bezog hier mit viel Brimborium Stellung, die gerade wiederaufgelegte, bunte Zeit-Beilage entsteht keine 300 Meter entfernt. Zuvor hatten sich schon »Monopol«, »Cicero«, »Dummy« und »Literaturen« von hier aus auf die Suche nach dem  Zeitgeist der neuen Republik gemacht. DAS MAGAZIN, Anfang der 90er Jahre noch als einer der wenigen Berliner Solisten belächelt, ist inzwischen also in bester Gesellschaft. Als Außenseiter zwar, aber vom Rand sieht man bekanntlich mehr als im Getümmel.

- Von Manuela Thieme, Chefredakteurin -

Weitere Informationen unter www.dasmagazin.de
 

Portrait

Bücher sind sein Leben – Detlef Bluhm


- Von Maria Borgmann -

Dass er einmal ein erfolgreicher Schriftsteller, Geschäftsführer des Landesverbandes Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und ehrenamtlich in verschiedenen literaturbezogenen Institutionen tätig sein würde, wurde ihm nicht an der Wiege gesungen. Aber schon als 13jähriger hatte Detlef Bluhm die gesamte Kinder- und Jugendliteratur der nächstgelegenen Stadtbibliothek gelesen und durfte – nach vorheriger Genehmigung durch den Bibliothekar – die Bücher der Erwachsenenbibliothek ausleihen. Bücher sind integraler Bestandteil seines Lebens, seit er lesen kann, und auch beruflich wollte er immer mit Büchern zu tun haben. Er jobbte in Buchhandlungen während Schulzeit und Studium, absolvierte seine buchhändlerische Ausbildung bei Kiepert, arbeitete als Buchhändler und war als Herausgeber tätig, zum Beispiel bei Fannei & Walz für die Reihe „Berliner Texte“, in der das immer noch aktuelle Werk von Karl Scheffler „Berlin – ein Stadtschicksal“ wiederaufgelegt wurde.

Der Drang, selbst schriftstellerisch tätig zu sein, brach sich allmählich Bahn. 1997 veröffentlichte der begeisterte Raucher „Auf leichten Flügeln ins Land der Fantasie – Tabak und Kultur von Columbus bis Davidoff“. Es folgten seine Katzenbücher, von denen „Katzenspuren – Vom Weg der Katze durch die Welt“ sogar ins Chinesische übersetzt wurde. Doch nicht nur kulturhistorische Sachbücher sind sein Metier, auch die Belletristik fasziniert ihn. 1999 erschien sein Roman „Das Geheimnis des Hofnarren“, dem historische Elemente zugrunde liegen. In dem 2001 erschienenen Roman „Zug nach Wien“ , der sich mit der NS-Schreckensherrschaft in Ungarn befasst, verarbeitete Bluhm Geschehnisse der Familiengeschichte, deren „Ver-dichtung“ ihn reizte. Projekte hat er genug, so arbeitet er bereits an einer Kulturgeschichte des Reisens mit der Eisenbahn, sein kunst- und kulturhistorisch ausgerichtetes „Katzenlexikon“ erscheint in wenigen Tagen im Buchhandel.
Ein so vielseitig engagierter Geist wie Detlef Bluhm sucht sich aber noch weitere Betätigungsfelder für seine Kreativität. Als in der Buchwirtschaft Erfahrener, der Handel, Vertrieb (als ehemals selbständiger Vertreter) und das Verlagsgeschäft aus der Perspektive des Verlegers und des Autors aus dem ff. kennt, reizt ihn die Tätigkeit der Geschäftsführung für den Berlin-Brandenburgischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels auch, um den Blick „über den eigenen Unternehmenstellerrand hinaus“ zu haben. „Das Wohl und Wehe der ganzen Branche im Auge zu haben“ sah er als Herausforderung, als die Aufgabe an ihn herangetragen wurde. In den 16 Jahren, die er jetzt in der Funktion tätig ist, hat sich vieles entwickelt: Die Berlin-brandenburgischen Buchwochen, das Berliner Bücherfest, das Berliner Zimmer auf der Leipziger Buchmesse sind einige der Projekte, die Bluhm mit auf den Weg gebracht hat. Die Sorgen und Nöte, aber auch die Chancen und Entwicklungspotenziale in der Berliner und brandenburgischen Buch- und Verlagslandschaft, die Vielfalt der Medien, von denen das gedruckte Buch nur eines, aber nach wie vor sich behauptendes ist, sind Themen seiner Verbandstätigkeit. Er glaubt daran, dass Berlin, einst die Verlagsstadt Deutschlands, wieder auf einem guten Wege dorthin ist. Schon jetzt ist die Stadt die Nr.1 der erstproduzierten Werke und der Autorinnen und Autoren sowie die Nr. 2 der Publikumsverlage (nach München). Berlin ist auch die Hauptstadt der Wissenschaftsverlage und bedeutendster Standort der Schulbuchproduktion. Immer mehr Medienunternehmen mit einer Sogwirkung auf den publizistischen Bereich siedeln sich hier an, aber auch kleine, innovative Verlage.

Das Buch ist für Detlef Bluhm immer wieder eine „Stimulation der Fantasie und Inspiration“, er glaubt an die Kraft des Buches und sieht zum Beispiel den Erfolg von Harry Potter auch als Treiber für die Lesebegeisterung von Jugendlichen.

Seine Ehrenämter, so als Vorsitzender des Förderkreises des Literaturhauses, sind alle eng mit dem Medium Buch verbunden. In der Freizeit besucht er gern Kunstmuseen und ist begeisterter Wanderer – nicht als sportiver Extremwanderer, sondern eher als Landschaftsgenießer in heimischen Gefilden. Und auch träumen darf man als Vielbeschäftigter – eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn mag Detlef Bluhms Projekt zur Kulturgeschichte des Reisens mit der Eisenbahn eine Strecke weiter zur Realisierung verhelfen.
 

Buchhandel

Gemeinsam unter einem großen Dach

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vereint alle Handelsstufen der Branche


- Von Claudia Paul -

Im Mittelpunkt der Arbeit des Börsenvereins steht das Buch als Leitmedium unserer Gesellschaft. Es ist Wirtschafts- und Kulturgut in einem. Geist und Kultur finden ihren Niederschlag vor allem in Büchern, und deren Entstehung, Vervielfältigung und Verbreitung fördert der Börsenverein mit all seinen Möglichkeiten. Als bedeutende Kulturinstitution hat der Verband der Buchhandlungen und Verlage den Anspruch, das geistige und kulturelle Leben Deutschlands mitzugestalten. Er veranstaltet die Frankfurter Buchmesse und verleiht jährlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie den Deutschen Buchpreis. Er organisiert Leseförderungswettbewerbe und engagiert sich für den UNESCO-Welttag des Buches. Gegründet wurde der Verband bereits 1825 als „Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig“. Seit dieser Zeit setzt sich der Börsenverein als Berufsverband für wirtschaftlich und politisch optimale Rahmenbedingungen ein. Dazu gehören heute insbesondere die Mittelstandsförderung, der Erhalt der Buchpreisbindung und ein faires Urheberrecht.

Das geht nur geschlossen, und deshalb vereint der Börsenverein alle Handelsstufen der Branche unter einem Dach – Verlage, Buchhandlungen, den Zwischenbuchhandel, Antiquare und Verlagsvertreter. Er vermittelt zwischen seinen 6.300 Mitgliedern, berät und bietet Foren zum Erfahrungsaustausch. Verleger und Buchhändler sehen als ihre gemeinsame Aufgabe an, das breit gefächerte und gestreute Literaturangebot in Deutschland zu erhalten. Sie haben sich deshalb über ihren Verband mit einem Spartenpapier Regeln gegeben, die dem Leitgedanken folgen: so viel Wettbewerb wie möglich und so viel Gleichgewicht wie nötig.

Kontakt:

Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.
Claudia Paul
Abteilung Kommunikation, PR und Marketing
Leiterin Presse und Information
Großer Hirschgraben 17-21
60311 Frankfurt am Main
Telefon: +49 69 13 06-293
Telefax: +49 69 13 06-294
E-Mail: paul@boev.de
www.boersenverein.de
 

Glosse

Schantelmanns Tschörni

Achim Kühne-Henrichs über das alltägliche Englischlernen während des Bahnreisens


Die Deutsche Bahn hat sich zum Ziel gesetzt, ein moderner serviceorientierter Mobilitätsdienstleister zu sein. Da gehört es zum guten Ton, dass die Fahrgäste auch auf englisch begrüßt werden.

„On behalf of Deutsche Bahn I welcome all new passengers”, hören wir den Zugchef über Bordmikrophon. Und er umfängt uns mit einer souveränen Weltläufigkeit: „We wish you a pleasant journey.”

Soweit das Konzept. Der Zugchef persönlich am Mikro. Auf deutsch und englisch. International, global, personal.

Warum werden nicht automatische Ansagen eingespielt? Weil die Deutsche Bahn ins 21. Jahrhundert gestartet ist. Und da sollen die Mitarbeiter nun mal mitkommen. Persönlich. Kommunikativ. Fremdsprachlich. Zum Nutzen der Gäste Deutschlands. Und zur Förderung unseres Images in der Welt.

Also alle zum Training. Rollenspiele, Sprechspiele, Sprachspiele. Der Gedanke ist ja an sich richtig. Englisch ist die gültige Weltsprache eben auch in Deutschland. Und so schwer werden die wenigen Satzbausteine ja nicht sein, die man zur Begrüßung der Fahrgäste benötigt.

Eher die Aussprache. „Wellkam on Bord of se Aissi-i from Berlin to Fränkfurt waia Wolfsburg änt Göttingen.” Immerhin. Verstanden haben wir’s. Und wir werden ja auch direkt und persönlich angesprochen, Station für Station: Mal heißen wir Schantelmann, dann Tschentelmenn oder Dschäntelmän. Und stets wird uns im mobilen ICE-Sprachlabor eine gute Reise gewünscht, mal als pläsent Schornä, dann als Tschörni, Schurni, Jörney oder Jorneh.

Seien wir nicht kleinlich oder gar arrogant. Es ist eine enorme Aufgabe und ein authentisches Aufbruchsignal ins 21. Jahrhundert des Wissens und der Bildung, wenn Leute heute freundliches Begrüßungs-Englisch sprechen lernen, deren Job noch bis vor wenigen Jahren darin bestand, auf mürrisch-deutsch Fahrkarten zu kontrollieren.

Und Englisch lernen ist zum Glück nicht so schwer. Allerdings haben die Original-Engländer so ein feines Sprachgefühl für Zeiten.

In Kürze kommt unser Zug am nächsten Bahnhof an. Wie könnte man das am besten ausdrücken? „Ladies and Gentlemen“, hören wir den Zugchef formvollendet zu uns sprechen, „in a few minutes we will be arriving at Berlin Central Station.“ Wahnsinn, oder?

“We will be arriving at.” Das ist grammatikalisches future progressive. Und das heißt: Wenn alles so weiter geht wie geplant, dann werden wir gleich ankommend sein. Also: nicht etwa angekommen sein. Das hieße „we are now arriving“. Und das gelte nur im unmittelbaren Augenblick des Einfahrens in den Bahnhof, sagt der Englisch-Lektor eines namhaften deutschen Schulbuchverlages, dem wir in solchen zeitgeschichtlichen Fragen vertrauen dürfen.

Wir lernen: Man kann nicht einfach sagen We arrive. So im Sinne von: Wir kommen jetzt an. We arrive, sagt der Schulbuchlektor, bedeutet: so steht es im Fahrplan. At 12 o clock the trains arrives at Berlin Central Station. Normalerweise. Laut Kursbuch.

Eine solche planmäßige Ansage könnte natürlich problemlos von einem Sprachautomaten übernommen werden. Aber so festgelegt und berechenbar ist das Bahnreisen nicht. Denn wer weiß, was in den nächsten Minuten noch alles passieren kann. Deshalb gilt: We will be arriving at. Future progressive.

Mit diesen echt schweren Englisch-Brocken müssen sie sich nun Tag für Tag abkämpfen, unsere Zugchefs. Stunde um Stunde. Station für Station. Da behilft sich der eine oder andere schon mal und verschluckt das „be“. „We will arriving at.” Und mancher kürzt vorsichtshalber auch das „will“ weg. „We arriving.“

Aufgrund einer Störung im Betriebsablauf wird auf einmal die Zeit knapp. Also schnell noch angesagt: „In a few minutes we arrived Berlin.“ Ein Zugchef-Kollege schiebt in ähnlich verfahrener Lage pflichtgemäß nach: „Thank you for travelling to Deutsche Bahn.“

Wer heute mit Tempo 250 in Deutschland unterwegs ist, wird Zeitzeuge einer großen Herausforderung. Wir alle sind auf dem Weg zum lebenslangen Lernen in einer immer schneller sich drehenden Welt. Aber zum Lernen braucht Deutschland Zeit. Und wir müssen beim Lernen Fehler machen dürfen. Denn nicht alle sind mit progressivem Futur auf die Welt gekommen. Aber alle sollen einsteigen dürfen, bevor sich die Türen schließen. Niemand soll zurückbleiben, bitte.

Also erkennen wir, worauf es wirklich ankommt beim Ankommen in der Zukunft. Letztens war es spät abends. Und irgendwie konnten wir Fahrgäste es wunderbar verstehen. Da sagt der Zugchef nach einem langen Tag im überfüllten Hochgeschwindigkeitszug mit letzter Kraft, aber höflich und zugewandt: „Ladies and Gentlemen: in a few minutes – Berlin.“

Wir haben ihn verstanden. Wir hatten unser Tagesziel erreicht. Es wäre durchaus in Ordnung, wenn wir gleich angekommen sein würden und es würde genau so in Ordnung sein, wenn wir gleich ankämen.

Genug für heute. Wir sind angekommen. Thank you and good buye.

Achim Kühne-Henrichs
 

Kommentar

Kochs Rezepte und Reflexionen

50 Jahre DPRG – Zeit für eine „Initiative 50plus“ auf Verbandsebene?


 

Junioren

Persönlicher Austausch zwischen den Landesgruppen zählt

Sprecherklausur in der Hauptstadt war ein voller Erfolg


 

Stichwort

"Integration"


SOS. Save our souls. In regelmäßigen Wellen taucht das Thema ‚Integration’ an der politischen und medialen Oberfläche auf. Unterschwellig ist ‚Integration’ indes ein Dauerthema vor allem in Agglomerationsräumen. Dennoch: Das Orientierungswissen darüber bleibt in unseren Städten und Regionen auch nach jahrzehntelangen Suchmanövern im gesellschaftspolitischen Bermudadreieck spurlos verschwunden. Was heißt das schon, Integration’? Viel zu komplex sind die Prozessbedingungen, die dabei ins Spiel kommen, als dass wir sie über Stammtischparolen aushandeln lassen dürfen, die bei Bedarf ihren mühelosen Tauchgang immer wieder bis in die gesellschaftspolitische Mitte schaffen. Zu diesem Ergebnis kamen auch die Teilnehmer einer Tagung zum Thema „Familienwissen. Wissen für Familien“ zu der das SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit am 26. September 2007 eingeladen hatte. Neben Fachstatements zu dem aus Großbritannien stammenden Konzept Early Excellence von Jutta Burdorf-Schulz (Zentrum für Nachbarschaft und Familien, Berlin-Schöneberg) und Müslüm Bostanci (Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie) zu Sprache und Integrationsprozess und zum „Rucksackprojekt“ meldeten sich in Arbeitsgruppen Eltern aus Migrantenfamilien, Bezirksvertreter und Pädagogen aus dem Kiez Moabit und aus der weiteren Umgebung zu Wort. Dabei kamen Erkenntnisse und Kritikpunkte zum Vorschein, die Gerhard Mahnken, Mitglied im Vorstand der DPRG- Landesgruppe Berlin-Brandenburg, in seiner Funktion als Tagungsleiter zusammenfasste. Zu den wichtigsten Ergebnissen gehörte nach einhelliger Meinung der 70 TeilnehmerInnen, dass „Integration nicht allein als sprachlicher Vorgang“ zu sehen sei, wie dies in jüngster Zeit über die Medien immer wieder transportiert werde, nach dem Motto: Lernt erstmal Deutsch und dann sehen wir weiter. Im Integrationsprozess, so die Erfahrung der meisten Anwesenden, seien alle Beteiligten Lernende. Die Wissensaneignung müsse dabei als wechselseitiger Prozess betrachtet werden, meinte Müslim Bostanci. Er bemängelte, dass viele „Integrationsprofis“ zu wenig Einfühlungsvermögen besäßen und überdies auch noch schlecht geschult seien. Hier müsse die Politik ansetzen, damit weitere Kulturalisierungen vermieden werden könnten. Es sei für das Gemeinwesen auf Dauer untragbar, wenn auf Grund unterschiedlicher Migrationshintergründe dauernd Wertungen und Vorurteile ins Spiel kämen, da sie massive Hemmnisse im Integrationsprozess und im Alltag etwa von pädagogischen Einrichtungen oder Stadtteilprojekten darstellten. Hier müsse die Kultur- und Bildungspolitik künftig viel stärker ansetzen. Vor allem aber machte die Tagung klar: Der pädagogische Fokus auf sprachliche Anpassung ist verfehlt. Vielmehr müssen die frühkindliche Förderung und das Wissen um Entwicklungsstufen, kulturelle Einbettungen und um Entwicklungspfade im Vordergrund stehen. Die wichtigste Erkenntnis bleibe, so Müslim Bostanci, nach dem wissenschaftlich fundierten „Rucksackkonzept“ diese: Für Kinder aus Migrantenfamilien kommt es unbedingt darauf an, dass sie zunächst diejenige Sprache lernen, die ‚Zuhause’ gesprochen wird. Erst dann sei es möglich, auch im Außenraum den „Sprach-Rucksack“  für ein Leben zu packen, das für ‚Integration’ offen ist. Fazit: Es geht nicht bloß um deutsche Sprachförderung, sondern um die Anerkennung und Pflege von heterogenen Kulturen in unseren pluralistischen Stadtgesellschaften. Sie dürften in Zukunft noch wesentlich bunter werden.

Gerhard Mahnken