


Gerhard Mahnken, Chefredakteur
Die Verlagslandschaft Berlin-Brandenburg
Ex oriente lux mal wieder. In
Zeiten der andauernden Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Kulturkrise gibt es in der
Weltgesellschaft der virtuellen Optionenvielfalt immer noch das Fassbare. Auch
‚im Osten’. Das Buch zum Beispiel.
Zu den wichtigen
Arbeitgebern in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg gehören inzwischen (wieder)
Verlage. Meint man gar nicht. Sie sind und bleiben offenbar die
Verbindungsstellen zwischen den kreativen Berufs- und Handelsgruppen – vereint
unter dem gemeinsamen Dach des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Verlage
machen uns fit für die Arbeit in der so genannten Wissensgesellschaft. Mit dem
Wissen eben, dass sie etwa über den Buch- und Zeitschriftenhandel unter die
Leute bringen.
Lesen Sie in dieser Ausgabe über
die zur Zeit wohl interessanteste Verlagslandschaft Deutschlands:
Berlin-Brandenburg. Immer mehr Autorinnen und Autoren zieht es hier her. Es
gibt zahlreiche wissensbasierte Einrichtungen, wie wir sie in anderen europäischen
Metropolräumen in dieser Dichte vergeblich suchen. Das zieht Texturen und Texte
nach sich. Und Arbeitsplätze, die textuelle Güter und Dienstleistungen
konzipieren, entdecken, herstellen, lektorieren, bearbeiten, übersetzen, gestalten,
vertreiben und verwalten. Und nicht nur das: Verlage mischen sich in
öffentliche Belange ein. Das ist ihr Grundmotiv und sie nehmen damit eine für
die PR-Zunft zentrale Funktion in modernen Gesellschaften ein: nämlich als
Intermediäre.
Interessant ist die
Verlagslandschaft Berlin-Brandenburg vor allem, weil sie so heterogen ist. Hier
gibt es die Großen und die Kleinen. Die Etablierten und die Außenseiter. Die
ländlichen und die städtischen Verlagsorte. Friedrichstraße und Oderbruch. Zentrum
neben Peripherie. Ost- und Westpfade. Verlage sind damit auch Bindeglieder im
komplizierten Geflecht einer Metropolregion wie eben derjenigen, die unseren
Landesverband beherbergt und beeinflusst.
Informieren Sie sich also
über die Verlagslandschaft Berlin-Brandenburg. Sie nimmt Einfluss auf alle
Lebenslagen. Zum Beispiel bei der Deutschen Bahn als Überbrückungsinstanz
zwischen verwegenen Ansagen, wie wir diesmal aus Kühnes Glosse erfahren. Oder eben generell ab 50plus in Matthias Kochs Rezepten und Reflexionen.
Viel Freude bei der Lektüre
wünscht Ihnen in diesem Sinne,
I h
r Gerhard Mahnken
Thema
Cornelsen Verlag
Zwischen Buch und Web 2.0 – Eine Berliner Erfolgsgeschichte

- Von Jasmine Ait-Djoudi -
Alles begann 1946 in
einer Drei-Zimmer-Atelierwohnung in Berlin-Wilmersdorf. Hier gründete Franz
Cornelsen direkt nach dem Krieg einen Schulbuchverlag mit dem festen Ziel, damit
einen Beitrag zur friedlichen Völkerverständigung zu leisten. Früh sollten
Kinder lernen, andere Länder und Kulturen zu verstehen und das geschieht am
besten über die Sprache. So entstand 1948 mit Peter Pim and Billy Ball das erste Englisch-Lehrwerk für Volksschulen.
Dieses Schulbuch gründete den Erfolg des Verlegers und der aufstrebende
Schulbuchverlag vergrößerte sich stetig. Personell wie räumlich. In der Wahl der Verlagshäuser blieb
Franz Cornelsen stets Berlin oder genauer dem Bezirk Wilmersdorf treu. Stationen
waren unter anderem eine Villa in der Binger Straße, in den 70er Jahren wurde wegen
der stark gestiegenen Mitarbeiterzahl kurzzeitig ein Domizil in der
Lützowstrasse gefunden bis dann in den 90er Jahren das ehemalige Institut der
Theaterwissenschaften der FU in der Mecklenburgische Straße zum Verlagshaus
wurde. Das erste eigene Haus entstand direkt daneben und ist bis heute der
Verlagssitz. Noch einmal wurde im Jahr 2004 nach der Fusion mit dem Volk und
Wissen Verlag vergrößert: Schräg gegenüber entstand für nun insgesamt 800
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Cornelsen Verlags ein modernes Bürohaus. Eine
Berliner Erfolgsgeschichte mit Tradition.
Erfolgreich
stellte sich der heute führende Verlag für Bildungsmedien auch der
Herausforderung der neuen digitalen Welt. So entwickelte er bereits 1997 ein
Portal für Lehrkräfte, auf der sie ihre Unterrichtsmaterialien austauschen
konnten. Und mit dem 1999 gelaunchten Online-Dienst für Schüler Learnetix, war Cornelsen einer der
allerersten Verlage, der Tools aus dem heutigen Web 2.0 integrierte. Blended-Learning-Lösungen
für den Schuleinsatz ergänzen aktuell das Portfolio. Schon früh hat Cornelsen
auf einen Medienmix gesetzt, denn früh war klar: Digitale Medien alleine machen
keine bessere Schule und ersetzen schon gar nicht das Schulbuch: Das
elektronische Lehren sollte vielfältige, aber immer fach- und
unterrichtsspezifische Einsatzformen bieten, die den Lehrer in erster Linie
entlasten sollen, sich an den Lehr- und Rahmenplänen orientieren und Bestandteil
eines “Medienmix” aus Büchern, Texten und multimedial vermittelten Inhalten
sind. Der Verlag wird auch weiterhin den sich schnell verändernden digitalen
Markt beobachten und sich an den Bedürfnissen der Lehrkräfte orientierend neuen
Anwendungsformen wie beispielsweise Pod-Casts etc. nicht verschließen. Soviel
Tradition sollte bleiben.
Findling-Verlag
Geheimtipp
Der Findling-Verlag erschließt die Mark Brandenburg für Besucher und Gäste

Lesung mit Günter de Bruyn aus seinem neuen Band
"Als Poesie gut" in der Dorfkirche in Kunersdorf
am 8. September 2007
- Von Margot Prust & Inge Bärisch -
1998 erschien mit dem
Bild-Text-Band „Streifzüge – Neuenhagen gestern und heute“ die erste
Publikation des Findling Verlages. Wir
wählten den programmatischen Namen „Findling“ für unseren Verlag. Fest
verbunden mit der märkischen Erde entstehen seither Text-Bild-Bände über
Städte, Gemeinden, Landschaften und vor allem die Menschen Brandenburgs. Das inhaltliche
Konzept bedient in seiner ganzen Breite und Vielfalt die Themen
Regionalliteratur und -geschichte, Kunst, Kultur, Natur und Naturschutz. Insbesondere
die Text-Bild-Bände über Orte, Landschaften und die Menschen Ostbrandenburgs,
wie „Zwischen Oder und Spree“, „Historische Ansichten aus dem Kreis Lebus“ u.
a., fanden und finden ein breites Lesepublikum. Besonderer
Beliebtheit erfreuen sich unsere kleinen kulturhistorischen, literarischen bzw.
touristischen Reiseführer, wie z. B. „Die märkische Eiszeitstraße“, „Das
Oderbruch – Liebe auf den zweiten Blick“ und „Gerhart Hauptmann und seine
Häuser“. Diese
Bücher leisten einen wichtigen Beitrag, die Mark Brandenburg für Besucher und
Gäste zu erschließen und das Zusammenwachsen der Region Berlin-Brandenburg zu
fördern.
Auf ins Oderbruch. Ein Besuch im
„Kunersdorfer Musenhof“ lohnt sich
Vor einem Jahr
verlegte der Findling Verlag seinen Sitz ins Oderbruch, nach Kunersdorf. Mit
seinen denkmalgeschützten und geschichtsträchtigen Anlagen bietet der Ort
vielfältige Möglichkeiten, Geschichte zu bewahren, Kunst und Kultur zu fördern
und damit einen Beitrag zur historischen, kulturell-künstlerischen und
kulturlandschaftlichen Entwicklung der Region zu leisten.
Unser Verlagssitz, in
der Dependance des Schlosses, die etwa 1926 erbaut wurde, befindet sich
inmitten wertvoller Kunstdenkmale – zwischen der von Schadow, Rauch und Thieck
geschaffenen klassizistischen Säulenkolonnade, der Kuppelkirche, dem von Peter
Josef Lennė geschaffenen Schlosspark, dem alten Dammkrug, dem Gedenkstein für
Adelbert von Chamisso und dem Denkmal für die Frau von Friedland.
Ende des 18. Jahrhunderts etablierte die Frau von
Friedland nach dem Vorbild der Berliner Salons in ihrem Schloss ein Zentrum für
Landwirtschafts- und Geisteswissenschaften. So entstand der „Kunersdorfer
Musenhof“, der sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden
geistig-kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum entwickelte, das dem Schloss
und dem Rittergut einen spürbaren Aufschwung brachte und die wirtschaftliche
und kulturelle Entwicklung des gesamten Landstriches förderte. Mit der
Weiterbelebung des „Kunersdorfer Musenhofes“ schaffen wir eine Plattform für
Literatur, Kunst, Kultur, die fest im kulturhistorischen Dorfensemble von
Kunersdorf verankert ist. Kernstück des
Kunersdorfer Musenhofes ist der Findling-Verlag.
Gemeinsam mit dem
Neuenhagener Kulturverein VorOrt werden musikalisch-literarische
Veranstaltungen durchgeführt. Nach dem Muster der Berliner Salons wird ein
Podium für Autoren geschaffen, es werden Gesprächsrunden zu aktuellen
kulturpolitischen, sozialkritischen, kulturhistorischen und
geisteswissenschaftlichen Themen angeboten. Das Haus ist offen für ein breites
Publikum. Wer sich von der Historie, von Kunst, Kultur und vor allem Literatur
inspirieren lassen will, ist willkommen. Auch wer nur Muse, Ruhe und Beschaulichkeit
sucht. Auch für Leseratten, Radwanderer, Spaziergänger, Künstler, Literaten
gibt es Interessantes zu entdecken.
Wir träumen von einem
kleinen Literaturzentrum im Kunersdorfer Musenhof.
Weitere
Informationen finden Sie unter
www.findling-verlag.de
be.bra
be.bra wie Berlin und Brandenburg

Eine Berliner Adresse: Der be.bra verlag in der Kulturbrauerei, Prenzlauer Berg
FOTO Andreas Holleczek
- Von Andreas Holleczek -
Nichts bleibt wie es ist, in
Berlin schon gar nicht. Nehmen wir das Jahr 1989. Ulrich Hopp erinnert sich:
„Wir hatten ein groß angelegtes Projekt am Laufen. Ein Buch über Berlin, mit
austauschbarem Text, um es mehrsprachig zu halten. Bei der großen Auflage
lohnte sich schon damals der Druck in China. Da fiel die Mauer. Und wir hatten plötzlich
einen Dampfer auf hoher See, voller Bücher über eine Mauer, die es so nicht
mehr gab…“ Damit hatte Hopp seine Lektion fürs Leben schon gelernt, als er fünf
Jahre später ein eigenes Haus gründete, den be.bra
verlag: „Es war klar, dass nichts bleiben würde, wie es war.“ Der
Verlagsname war Programm. Kein zweiter Ort der Welt hätte es in diesem Moment an
Geschichtsträchtigkeit mit Berlin und Brandenburg aufnehmen können. Der be.bra verlag sollte von diesem
Standortvorteil profitieren. Das Programm umfasste die Themenfelder Berliner Geschichte,
Kultur, Architektur und – natürlich – Zeitgeschichte. Hier hatte auch
Regionalliteratur, das Buch mit Kiezbezug, noch zentrale Bedeutung. Doch wie
gesagt, nichts bleibt...
Der Berliner Buchmarkt auch
nicht – und der war und ist für den be.bra
verlag mit seinem Regionalbezug entscheidend. Die zur Jahrtausendwende hin zunehmende
Präsenz der großen Buchhandelsketten veränderte das Geschäft gerade in Berlin,
wo vorher die kleine Buchhandlung um die Ecke immer auch ein Regal für Berliner
Regionalliteratur zu bieten hatte. Berlin selbst veränderte sich auch. Aus der
Stadt der Vergangenheit wurde eine der Gegenwart, in die es viele „Zugereiste“ zog.
Und für sie wurde Berlin mehr und mehr zum Synonym für das Land, als dessen
Hauptstadt es nun mehr und mehr fungierte. In das Programm des be.bra verlags passten jetzt auch Titel
wie „Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern 1954“ von Peter Kasza.
Das
Programm wurde dementsprechend vielseitiger, man könnte auch sagen: beliebiger.
Nach dem roten Faden im Programm gefragt, wird der flüssige Erzähler Hopp
langsamer und meint: „schwierig“. Zum Haus gehört inzwischen eine ganze Reihe
mehr oder weniger separater Verlage. Neben dem be.bra verlag selbst gibt es als Imprint, also rechtlich nicht selbstständig,
den berlin.krimi.verlag, der
Belletristik bietet, eine Sparte, die später noch um die Japan Edition – diesmal ohne regionalen Bezug – erweitert wurde. Ferner
gibt es hier die edition q und die berlin edition, die beide vom
Quintessenzverlag übernommen wurden, sowie – rechtlich eigenständig – den Verlag
be.bra wissenschaft, eine
Konstruktion, die es ermöglicht, von der öffentlichen Förderung der publizierenden
Institute und Autoren zu profitieren. Zugleich setzt man mit Nachdruck auf die Nebenrechtsvermarktung.
Ein
Verlag funktioniert eben auch in Berlin nur als gewinnorientiertes Unternehmen
und Hopp tut es heute nicht weh, wenn mancher bei be.bra eher an die hessische Kleinstadt denkt. Für ihn ist
wichtiger, dass be.bra bei
Buchhändlern als Marke für verkäufliche Titel besetzt ist. Um auch außerhalb
Berlins einen Fuß in deren Tür zu kriegen, nutzt der Verlag konsequent jene
Strategie, die schon in Berlin funktioniert hat: Ein Händler, der im
Verlagsprogramm etwas zu seiner Region finde, öffne sich auch dem übrigen
Angebot. So gibt es im Programm neben den „Berliner populären Irrtümern“ von Volker
Wieprecht und Robert Skuppin inzwischen auch eine sächsische und schwäbische
Variante, jeweils von dortigen Lokalgrößen verantwortet. Mit noch mehr und noch
mehr Berlin lasse sich eben ein „Kleinverlag“ (Hopp) mit fünf Mitarbeitern und
rund 35 Neuveröffentlichungen im Jahr nicht führen.
Kommt es dann überhaupt noch
auf den Verlagsort an? Hopp: Ja! Berlin-Brandenburg bleibe einfach ein guter
Standtort, egal ob andernorts größere Umsätze gemacht werden oder (vielleicht)
mehr Neuerscheinungen auf den Markt kommen: „Berlin ist die Autorenstadt Nummer
1.“ Natürlich verdanke sich das auch den vielen Wissenschaftseinrichtungen in
Berlin, Potsdam und Frankfurt an der Oder. Gut, dass be.bra nicht Bebra heißt.
Gastbeitrag
Vom Rand sieht man mehr
DAS Magazin kommt schon lange an als Außenseiter
DAS MAGAZIN ist eine
amüsante Monatszeitschrift, die Kultur, Alltag und Gesellschaft staunend
durchstreift, Ränder entdeckt, Sinn für
Novitäten und Skurriles aller Art hat
und dabei auf Qualitätsjournalismus setzt. Markenzeichen sind die
illustrierten Cover. Das Blatt erscheint überregional, die Auflage liegt bei 60
000 Exemplaren, die Hälfte davon sind Abos; ein Einzelheft kostet 3,00 Euro.
DAS MAGAZIN, 1924 erstmals
erschienen, nach dem Krieg 1954 in der DDR wieder aufgelegt, hat sich als eine
der wenigen ostdeutschen Zeitschriften im vereinten Deutschland behauptet. Die
FAZ erklärte das Blatt charmanterweise gar zum »New Yorker des Ostens«. Eine
Nummer kleiner tut es auch: Das »SZ-Magazin« ist hierzulande auf einer
ähnlichen geistigen Umlaufbahn.
Der ungewöhnliche Mix aus
Leben, Liebe, Literatur und Leichtigkeit kommt auch bei Westdeutschen an, die
mehr sein wollen als Zielgruppenbeute für Anzeigenstrategien von
Hochglanzblättern. Am MAGAZIN mögen sie den ironischen Grundton und die
Tatsache, dass ihnen hier nicht eingeredet wird, was sie zu denken, zu kaufen
und zu bewundern haben. Das Ost-West-Verhältnis der Neuabonnenten ist seit drei
Jahren ausgeglichen, hätte der Verlag mehr Geld für Marketing, wäre die
Zeitschrift zwischen Kiel und Augsburg wohl längst bekannter.
Ein Goldesel ist sie nicht, die Herstellung ist
aufwändig, die Anzeigeneinnahmen sind übersichtlich. Herausgegeben wird DAS
MAGAZIN im Eigenverlag, es rangiert, was Gehälter und Honorare angeht in etwa
auf Taz-Niveau und genießt ansonsten die Unabhängigkeit. Die jetzige Redaktion
ist seit sechs Jahren im Amt. Damals war Berlin noch eine Zeitschriftenwüste. Tageszeitungen
gab es hier immer viele, aber Illustrierte kamen dann doch aus Städten, wo das
Leben mehr Glanz und Leichtsinn bot, Hamburg, München, Düsseldorf. Das ist nun
anders geworden. Die Hauptstadt-Gesellschaft hat sich formiert und steht für
Nahaufnahmen bereit. «Vanity Fair« bezog hier mit viel Brimborium Stellung, die
gerade wiederaufgelegte, bunte Zeit-Beilage entsteht keine 300 Meter entfernt.
Zuvor hatten sich schon »Monopol«, »Cicero«, »Dummy« und »Literaturen« von hier
aus auf die Suche nach dem Zeitgeist der
neuen Republik gemacht. DAS MAGAZIN, Anfang der 90er Jahre noch als einer der
wenigen Berliner Solisten belächelt, ist inzwischen also in bester
Gesellschaft. Als Außenseiter zwar, aber vom Rand sieht man bekanntlich mehr
als im Getümmel.
- Von Manuela Thieme, Chefredakteurin -
Weitere Informationen unter
www.dasmagazin.de
Portrait
Bücher sind sein Leben – Detlef Bluhm

- Von Maria Borgmann -
Dass er einmal ein erfolgreicher Schriftsteller, Geschäftsführer des Landesverbandes Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und ehrenamtlich in verschiedenen literaturbezogenen Institutionen tätig sein würde, wurde ihm nicht an der Wiege gesungen. Aber schon als 13jähriger hatte Detlef Bluhm die gesamte Kinder- und Jugendliteratur der nächstgelegenen Stadtbibliothek gelesen und durfte – nach vorheriger Genehmigung durch den Bibliothekar – die Bücher der Erwachsenenbibliothek ausleihen. Bücher sind integraler Bestandteil seines Lebens, seit er lesen kann, und auch beruflich wollte er immer mit Büchern zu tun haben. Er jobbte in Buchhandlungen während Schulzeit und Studium, absolvierte seine buchhändlerische Ausbildung bei Kiepert, arbeitete als Buchhändler und war als Herausgeber tätig, zum Beispiel bei Fannei & Walz für die Reihe „Berliner Texte“, in der das immer noch aktuelle Werk von Karl Scheffler „Berlin – ein Stadtschicksal“ wiederaufgelegt wurde.
Der Drang, selbst schriftstellerisch tätig zu sein, brach sich allmählich Bahn. 1997 veröffentlichte der begeisterte Raucher „Auf leichten Flügeln ins Land der Fantasie – Tabak und Kultur von Columbus bis Davidoff“. Es folgten seine Katzenbücher, von denen „Katzenspuren – Vom Weg der Katze durch die Welt“ sogar ins Chinesische übersetzt wurde. Doch nicht nur kulturhistorische Sachbücher sind sein Metier, auch die Belletristik fasziniert ihn. 1999 erschien sein Roman „Das Geheimnis des Hofnarren“, dem historische Elemente zugrunde liegen. In dem 2001 erschienenen Roman „Zug nach Wien“ , der sich mit der NS-Schreckensherrschaft in Ungarn befasst, verarbeitete Bluhm Geschehnisse der Familiengeschichte, deren „Ver-dichtung“ ihn reizte. Projekte hat er genug, so arbeitet er bereits an einer Kulturgeschichte des Reisens mit der Eisenbahn, sein kunst- und kulturhistorisch ausgerichtetes „Katzenlexikon“ erscheint in wenigen Tagen im Buchhandel.
Ein so vielseitig engagierter Geist wie Detlef Bluhm sucht sich aber noch weitere Betätigungsfelder für seine Kreativität. Als in der Buchwirtschaft Erfahrener, der Handel, Vertrieb (als ehemals selbständiger Vertreter) und das Verlagsgeschäft aus der Perspektive des Verlegers und des Autors aus dem ff. kennt, reizt ihn die Tätigkeit der Geschäftsführung für den Berlin-Brandenburgischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels auch, um den Blick „über den eigenen Unternehmenstellerrand hinaus“ zu haben. „Das Wohl und Wehe der ganzen Branche im Auge zu haben“ sah er als Herausforderung, als die Aufgabe an ihn herangetragen wurde. In den 16 Jahren, die er jetzt in der Funktion tätig ist, hat sich vieles entwickelt: Die Berlin-brandenburgischen Buchwochen, das Berliner Bücherfest, das Berliner Zimmer auf der Leipziger Buchmesse sind einige der Projekte, die Bluhm mit auf den Weg gebracht hat. Die Sorgen und Nöte, aber auch die Chancen und Entwicklungspotenziale in der Berliner und brandenburgischen Buch- und Verlagslandschaft, die Vielfalt der Medien, von denen das gedruckte Buch nur eines, aber nach wie vor sich behauptendes ist, sind Themen seiner Verbandstätigkeit. Er glaubt daran, dass Berlin, einst die Verlagsstadt Deutschlands, wieder auf einem guten Wege dorthin ist. Schon jetzt ist die Stadt die Nr.1 der erstproduzierten Werke und der Autorinnen und Autoren sowie die Nr. 2 der Publikumsverlage (nach München). Berlin ist auch die Hauptstadt der Wissenschaftsverlage und bedeutendster Standort der Schulbuchproduktion. Immer mehr Medienunternehmen mit einer Sogwirkung auf den publizistischen Bereich siedeln sich hier an, aber auch kleine, innovative Verlage.
Das Buch ist für Detlef Bluhm immer wieder eine „Stimulation der Fantasie und Inspiration“, er glaubt an die Kraft des Buches und sieht zum Beispiel den Erfolg von Harry Potter auch als Treiber für die Lesebegeisterung von Jugendlichen.
Seine Ehrenämter, so als Vorsitzender des Förderkreises des Literaturhauses, sind alle eng mit dem Medium Buch verbunden. In der Freizeit besucht er gern Kunstmuseen und ist begeisterter Wanderer – nicht als sportiver Extremwanderer, sondern eher als Landschaftsgenießer in heimischen Gefilden. Und auch träumen darf man als Vielbeschäftigter – eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn mag Detlef Bluhms Projekt zur Kulturgeschichte des Reisens mit der Eisenbahn eine Strecke weiter zur Realisierung verhelfen.
Buchhandel
Gemeinsam unter einem großen Dach
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vereint alle Handelsstufen der Branche
- Von Claudia Paul -
Im Mittelpunkt der Arbeit des Börsenvereins steht das Buch
als Leitmedium unserer Gesellschaft. Es ist Wirtschafts- und Kulturgut in
einem. Geist und Kultur finden ihren Niederschlag vor allem in Büchern, und
deren Entstehung, Vervielfältigung und Verbreitung fördert der Börsenverein mit
all seinen Möglichkeiten. Als bedeutende Kulturinstitution hat der Verband der
Buchhandlungen und Verlage den Anspruch, das geistige und kulturelle Leben
Deutschlands mitzugestalten. Er veranstaltet die Frankfurter Buchmesse und
verleiht jährlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie den
Deutschen Buchpreis. Er organisiert Leseförderungswettbewerbe und engagiert
sich für den UNESCO-Welttag des Buches. Gegründet wurde der
Verband bereits 1825 als „Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu
Leipzig“. Seit dieser Zeit setzt sich der Börsenverein als Berufsverband für wirtschaftlich und politisch optimale
Rahmenbedingungen ein. Dazu gehören heute insbesondere die
Mittelstandsförderung, der Erhalt der Buchpreisbindung und ein faires
Urheberrecht.
Das geht nur geschlossen, und deshalb vereint der
Börsenverein alle Handelsstufen der Branche unter einem Dach – Verlage,
Buchhandlungen, den Zwischenbuchhandel, Antiquare und Verlagsvertreter. Er
vermittelt zwischen seinen 6.300 Mitgliedern, berät und bietet Foren zum
Erfahrungsaustausch. Verleger und Buchhändler sehen als ihre gemeinsame Aufgabe
an, das breit gefächerte und gestreute Literaturangebot in Deutschland zu
erhalten. Sie haben sich deshalb über ihren Verband mit einem Spartenpapier
Regeln gegeben, die dem Leitgedanken folgen: so viel Wettbewerb wie möglich und
so viel Gleichgewicht wie nötig.
Kontakt:
Börsenverein
des Deutschen Buchhandels e.V.
Claudia Paul
Abteilung Kommunikation, PR und Marketing
Leiterin Presse und Information
Großer Hirschgraben 17-21
60311 Frankfurt am Main
Telefon: +49 69 13 06-293
Telefax: +49 69 13 06-294
E-Mail:
paul@boev.de
www.boersenverein.de
Glosse
Schantelmanns Tschörni
Achim Kühne-Henrichs über das alltägliche Englischlernen während des Bahnreisens
Die Deutsche Bahn hat sich zum Ziel gesetzt, ein
moderner serviceorientierter Mobilitätsdienstleister zu sein. Da gehört es zum
guten Ton, dass die Fahrgäste auch auf englisch begrüßt werden.
„On behalf of Deutsche Bahn I welcome all new
passengers”, hören wir den Zugchef über Bordmikrophon. Und er umfängt uns mit
einer souveränen Weltläufigkeit: „We wish you a pleasant journey.”
Soweit das Konzept. Der Zugchef persönlich am Mikro.
Auf deutsch und englisch. International, global, personal.
Warum werden nicht automatische Ansagen eingespielt?
Weil die Deutsche Bahn ins 21. Jahrhundert gestartet ist. Und da sollen die Mitarbeiter
nun mal mitkommen. Persönlich. Kommunikativ. Fremdsprachlich. Zum Nutzen der
Gäste Deutschlands. Und zur Förderung unseres Images in der Welt.
Also alle zum Training. Rollenspiele, Sprechspiele,
Sprachspiele. Der Gedanke ist ja an sich richtig. Englisch ist die gültige
Weltsprache eben auch in Deutschland. Und so schwer werden die wenigen
Satzbausteine ja nicht sein, die man zur Begrüßung der Fahrgäste benötigt.
Eher die Aussprache. „Wellkam on Bord of se
Aissi-i from Berlin to Fränkfurt waia Wolfsburg änt Göttingen.” Immerhin. Verstanden haben wir’s. Und wir werden ja
auch direkt und persönlich angesprochen, Station für Station: Mal heißen wir
Schantelmann, dann Tschentelmenn oder Dschäntelmän. Und stets wird uns im
mobilen ICE-Sprachlabor eine gute Reise gewünscht, mal als pläsent Schornä,
dann als Tschörni, Schurni, Jörney oder Jorneh.
Seien wir nicht kleinlich oder gar arrogant. Es ist
eine enorme Aufgabe und ein authentisches Aufbruchsignal ins 21. Jahrhundert
des Wissens und der Bildung, wenn Leute heute freundliches Begrüßungs-Englisch
sprechen lernen, deren Job noch bis vor wenigen Jahren darin bestand, auf
mürrisch-deutsch Fahrkarten zu kontrollieren.
Und Englisch lernen ist zum Glück nicht so schwer.
Allerdings haben die Original-Engländer so ein feines Sprachgefühl für Zeiten.
In Kürze kommt unser Zug am nächsten Bahnhof an. Wie
könnte man das am besten ausdrücken? „Ladies and Gentlemen“, hören wir den
Zugchef formvollendet zu uns sprechen, „in a few minutes we will be arriving at
Berlin Central Station.“ Wahnsinn, oder?
“We will be
arriving at.” Das ist grammatikalisches
future progressive. Und das heißt: Wenn alles so weiter geht wie geplant, dann
werden wir gleich ankommend sein. Also: nicht etwa angekommen sein. Das hieße „we are
now arriving“. Und das gelte nur im unmittelbaren
Augenblick des Einfahrens in den Bahnhof, sagt der Englisch-Lektor eines namhaften
deutschen Schulbuchverlages, dem wir in solchen zeitgeschichtlichen Fragen
vertrauen dürfen.
Wir lernen: Man kann nicht einfach sagen We arrive.
So im Sinne von: Wir kommen jetzt an. We arrive, sagt der Schulbuchlektor, bedeutet:
so steht es im Fahrplan. At 12 o clock the trains arrives at Berlin Central
Station. Normalerweise. Laut Kursbuch.
Eine solche planmäßige Ansage könnte natürlich
problemlos von einem Sprachautomaten übernommen werden. Aber so festgelegt und
berechenbar ist das Bahnreisen nicht. Denn wer weiß, was in den nächsten
Minuten noch alles passieren kann. Deshalb gilt: We will be arriving at. Future progressive.
Mit diesen echt schweren Englisch-Brocken müssen sie
sich nun Tag für Tag abkämpfen, unsere Zugchefs. Stunde um Stunde. Station für
Station. Da behilft sich der eine oder andere schon mal und verschluckt das
„be“. „We
will arriving at.” Und mancher kürzt
vorsichtshalber auch das „will“ weg. „We arriving.“
Aufgrund einer Störung im Betriebsablauf wird auf
einmal die Zeit knapp. Also schnell noch angesagt: „In a few minutes we arrived
Berlin.“ Ein Zugchef-Kollege schiebt in ähnlich verfahrener Lage pflichtgemäß
nach: „Thank you for travelling to Deutsche Bahn.“
Wer heute mit Tempo 250 in Deutschland unterwegs ist,
wird Zeitzeuge einer großen Herausforderung. Wir alle sind auf dem Weg zum
lebenslangen Lernen in einer immer schneller sich drehenden Welt. Aber zum
Lernen braucht Deutschland Zeit. Und wir müssen beim Lernen Fehler machen
dürfen. Denn nicht alle sind mit progressivem Futur auf die Welt gekommen. Aber
alle sollen einsteigen dürfen, bevor sich die Türen schließen. Niemand soll
zurückbleiben, bitte.
Also erkennen wir, worauf es wirklich ankommt beim
Ankommen in der Zukunft. Letztens war es spät abends. Und irgendwie konnten wir
Fahrgäste es wunderbar verstehen. Da sagt der Zugchef nach einem langen Tag im
überfüllten Hochgeschwindigkeitszug mit letzter Kraft, aber höflich und zugewandt:
„Ladies and Gentlemen: in a few minutes – Berlin.“
Wir haben ihn verstanden. Wir hatten unser Tagesziel
erreicht. Es wäre durchaus in Ordnung, wenn wir gleich angekommen sein würden
und es würde genau so in Ordnung sein, wenn wir gleich ankämen.
Genug für
heute. Wir sind angekommen. Thank you and good buye.
Achim Kühne-Henrichs
Kommentar
Kochs Rezepte und Reflexionen
50 Jahre DPRG – Zeit für eine „Initiative 50plus“ auf Verbandsebene?

Matthias Koch
Die Konjunktur läuft zur Zeit rund. Die
Auftragsbücher der PR-Industrie sind allerorts gefüllt. Aber zunehmend mehren
sich ernst zu nehmende Stimmen, die besagen, dass die allgemeine Wirtschaftsentwicklung
auch durch die aktuelle internationale Finanzmarktkrise in den nächsten Monaten wieder verhaltener verlaufen
wird. Welche Auswirkungen wird dies auf die Kommunikationsbranche haben? Wie
wird sich das Geschäft in den nächsten sechs, zwölf, achtzehn Monaten
weiterentwickeln? Welche Konsequenzen hat das für die Nachfrage an
PR-Dienstleistungen? Was bedeutet das insbesondere für den PR-Arbeitsmarkt, was
für den einzelnen PR-Professional?
Unabhängig
davon, wie sich die Wirtschaftslage weiterentwickeln wird, können wir davon
ausgehen, es auch zukünftig mit hoch volatilen Finanzmärkten sowie mit kräftig
schwankenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun zu haben. Im Einzelfall
heißt das auch für die erfolgsverwöhnte Kommunikationsbranche: knappe Kassen,
knappe Budgets, schwache Nachfrage und – zumindest vorübergehende –
Arbeitslosigkeit. Dabei ist es egal, ob es sich dabei um „echte“ – also
staatlich anerkannte – oder „versteckte“ Arbeitslosigkeit handelt. Es ist zu
vermuten, dass es spätestens beim nächsten Konjunktureinbruch wieder eine ganze
Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus unserer Zunft gibt, denen es
wirtschaftlich schlecht geht und die aus eigener Kraft kaum aus diesem elenden
Zustand herausfinden.
Mit
anderen Worten: Mir geht es darum, den Blick auf diejenigen in unserer
Glitzerbranche zu richten, die – ohne eigenes Verschulden – im Schatten stehen
und dort ohne fremde Unterstützung nicht mehr herauskommen können. Es geht also
um die PR-Profis, die etwa aus Altersgründen keinen neuen Angestelltenjob mehr
finden und sich „zwangsselbständig“ machen müssen. Oder z.B. um diejenigen
Freiberufler, die sich nur so gerade über Wasser halten, etwa wegen Krankheit,
schwieriger persönlicher Umstände oder anderer Gründe, welche die Sozialversicherung
euphemistisch als „Wechselfälle des Lebens“ bezeichnet.
Wie kann
diesem traurigen Zustand abgeholfen werden? Zunächst ist zu sagen: Eine
Patentlösung, die diese schwierige Thematik komplett und schnell lösen könnte,
ist nicht in Sicht. Das heißt jedoch nicht, als ältester und wichtigster
Berufsverband gar nichts zu tun. Mir scheint im Gegenteil nach 50 Jahren DPRG
die Zeit reif für eine branchenspezifische „Initiative 50plus“. Gemeint ist
damit weniger die Unterstützung bedürftiger älterer Berufskollegen, sondern
vielmehr ein Sozialwerk für die Public-Relations-Branche - unabhängig vom Alter. Bislang fehlen
sowohl Basisstudien zur sozialen Lage der Branche und eine Institution, die
sich ganz klassisch um die Unterstützung bedürftiger Kollegen kümmert.
Mit der
Gründung eines Sozialwerks für die Branche durch unseren Berufsverband würde
die DPRG sowohl gesellschaftspolitisch als auch verbandsintern punkten: Was
könnte besser Corporate Social
Responsibility zeigen als selbst Verantwortung für die in Schwierigkeiten
geratenen Berufskollegen zu übernehmen? Was transportierte besser den Gedanken,
dass die DPRG ihren Mitgliedern „Heimat“ für die gesamte aktive Berufszeit sein
will, wie es unser Präsident Ulrich Nies formuliert? Und was würde schließlich
die DPRG besser vom Verbandswettbewerb unterscheiden? Wie sich dies auf eine
moderne, finanzstarke und effiziente Art ins Werk setzen lässt, das wäre
durchaus den Schweiß der Besten in Form von Nachdenken, Diskutieren und Handeln
wert.
Matthias
Koch
Vorsitzender der DPRG- Landesgruppe
Berlin-Brandenburg
Junioren
Persönlicher Austausch zwischen den Landesgruppen zählt
Sprecherklausur in der Hauptstadt war ein voller Erfolg

Die diesjährige DPRG- Juniorensprecherklausur
fand am 1. und 2. September 2007 in Berlin statt. Gastgeber war das neue
Berliner Team um Juniorensprecher David Haubold, der mit seinen Stellvertretern
Aishah El Muntasser und Holger Marth seit Januar 2007 die Berliner
Juniorenarbeit managt.
Die Klausur fand in der
Kommunikationsagentur united communications statt, die dafür freundlicherweise
ihre Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatte. Anwesend waren neben den
Berliner Gastgebern auch die Bundesjuniorensprecherin Alexandra Kutschenreuter
und das für die Junioren zuständige Vorstandsmitglied Stefan Munko sowie die
Juniorensprecher aus Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern.
Während sich einige
Juniorensprecher schon aus den vergangenen Jahren kannten, war es für das
Berliner Team das erste persönliche Treffen mit ihren Kollegen aus den anderen
Landesgruppen. In überaus konstruktiver Atmosphäre wurden Themen wie der DPRG
Junior Award, die Junioren-Internetpräsenz und Ideen zur Gewinnung neuer
Interessenten besprochen.
Auf dem
Abendprogramm stand ein Besuch in der Berliner Cocktailbar "Solar Lounge", von wo
aus man einen herrlichen Blick über die Hauptstadt genießt. Anschließend ging
es in ein Restaurant im Kreuzberger Kiez. Insgesamt waren alle Teilnehmer sehr
zufrieden mit der Klausur und es zeigte sich einmal mehr, wie wichtig der
persönliche Austausch zwischen den Juniorensprechern der verschiedenen
Landesgruppen für die bundesweite Juniorenarbeit ist.
Stichwort
"Integration"
SOS. Save our souls. In
regelmäßigen Wellen taucht das Thema ‚Integration’ an der politischen und
medialen Oberfläche auf. Unterschwellig ist ‚Integration’ indes ein Dauerthema vor
allem in Agglomerationsräumen. Dennoch: Das Orientierungswissen darüber bleibt in
unseren Städten und Regionen auch nach jahrzehntelangen Suchmanövern im
gesellschaftspolitischen Bermudadreieck spurlos verschwunden. Was heißt das
schon, Integration’? Viel zu komplex sind die Prozessbedingungen, die dabei ins
Spiel kommen, als dass wir sie über Stammtischparolen aushandeln lassen dürfen,
die bei Bedarf ihren mühelosen Tauchgang immer wieder bis in die
gesellschaftspolitische Mitte schaffen. Zu diesem Ergebnis kamen auch die
Teilnehmer einer Tagung zum Thema „Familienwissen. Wissen für Familien“ zu der
das SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit am 26. September 2007 eingeladen hatte. Neben
Fachstatements zu dem aus Großbritannien stammenden Konzept Early Excellence von Jutta Burdorf-Schulz
(Zentrum für Nachbarschaft und Familien, Berlin-Schöneberg) und Müslüm Bostanci
(Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie) zu Sprache und Integrationsprozess und zum „Rucksackprojekt“
meldeten sich in Arbeitsgruppen Eltern aus Migrantenfamilien, Bezirksvertreter
und Pädagogen aus dem Kiez Moabit und aus der weiteren Umgebung zu Wort. Dabei
kamen Erkenntnisse und Kritikpunkte zum Vorschein, die Gerhard Mahnken,
Mitglied im Vorstand der DPRG- Landesgruppe Berlin-Brandenburg, in seiner
Funktion als Tagungsleiter zusammenfasste. Zu den wichtigsten Ergebnissen
gehörte nach einhelliger Meinung der 70 TeilnehmerInnen, dass „Integration nicht
allein als sprachlicher Vorgang“ zu sehen sei, wie dies in jüngster Zeit über
die Medien immer wieder transportiert werde, nach dem Motto: Lernt erstmal
Deutsch und dann sehen wir weiter. Im Integrationsprozess, so die Erfahrung der
meisten Anwesenden, seien alle Beteiligten Lernende. Die Wissensaneignung müsse
dabei als wechselseitiger Prozess betrachtet werden, meinte Müslim Bostanci. Er
bemängelte, dass viele „Integrationsprofis“ zu wenig Einfühlungsvermögen
besäßen und überdies auch noch schlecht geschult seien. Hier müsse die Politik
ansetzen, damit weitere Kulturalisierungen vermieden werden könnten. Es sei für
das Gemeinwesen auf Dauer untragbar, wenn auf Grund unterschiedlicher
Migrationshintergründe dauernd Wertungen und Vorurteile ins Spiel kämen, da sie
massive Hemmnisse im Integrationsprozess und im Alltag etwa von pädagogischen
Einrichtungen oder Stadtteilprojekten darstellten. Hier müsse die Kultur- und
Bildungspolitik künftig viel stärker ansetzen. Vor allem aber machte die Tagung
klar: Der pädagogische Fokus auf sprachliche Anpassung ist verfehlt. Vielmehr
müssen die frühkindliche Förderung und das Wissen um Entwicklungsstufen, kulturelle
Einbettungen und um Entwicklungspfade im Vordergrund stehen. Die wichtigste
Erkenntnis bleibe, so Müslim Bostanci, nach dem wissenschaftlich fundierten „Rucksackkonzept“ diese: Für Kinder aus
Migrantenfamilien kommt es unbedingt darauf an, dass sie zunächst diejenige
Sprache lernen, die ‚Zuhause’ gesprochen wird. Erst dann sei es möglich, auch
im Außenraum den „Sprach-Rucksack“ für
ein Leben zu packen, das für ‚Integration’ offen ist. Fazit: Es geht nicht bloß
um deutsche Sprachförderung, sondern um die Anerkennung und Pflege von
heterogenen Kulturen in unseren pluralistischen Stadtgesellschaften. Sie dürften
in Zukunft noch wesentlich bunter werden.
Gerhard
Mahnken