
| Ausgabe 18 / Oktober 2007 | |||
GlosseWillkommen in Bad BerlinAchim Kühne-Henrichs über Stadt und „Umland“ in Zeiten der GlobalisierungFrancois Sodji, mein Nachbar im Gewerbehof in der Bundesallee, kam gestern mal wieder aus Shenzhen zurück nach Berlin. In China lässt er Telefonanlagen bauen. Für Afrika. Drei bis vier Mal im Jahr jettet Francois um die Welt. „In Afrika muss man die Leute gut kennen, wenn man ins Geschäft kommen will“, sagt er. In China wie-derum müsse man immer wieder auf die Qualität der Produkte achten - und ständig mit den chinesischen Geschäftspartnern Essen gehen. Das sei auf Dauer schon an-strengend, sowohl der permanente Qualitätscheck als auch das anschließende, stets lebhaft laute chinesische Geschäftsessen. Wie kommt ein solcher Globalisierungsmanager, der zwischen Europa, Asien und Afrika einen Geschäftserfolg nach dem anderen einheimst, ausgerechnet auf Berlin. Wieso hat er sein Büro in einem Gewerbehof am Walther-Schreiber-Platz? Was reizt ihn an Berlin? Gebürtig aus dem Senegal ist sein klassischer Europa-Standort natürlich Paris. „Aber dort“, sagt er, „finde ich keinen Parkplatz.“ Außerdem seien die Mieten und überhaupt das alltägliche Leben in Paris viermal so teuer. „Für das Geld kann ich jederzeit rüber fliegen“, hat er sich ausgerechnet. Und dass es bislang keine direkte Flugverbindung von Berlin nach Shenzen gibt, damit kann er leben. „Wenn ich von meinen Ge-schäftsreisen zurück nach Berlin komme, habe ich ein Gefühl wie Urlaub. Hier ist alles so ruhig und überschaubar. Die Luft ist gut. Es gibt so viele Bäume in der Stadt. Da kann ich sehr gut neue Ideen entwickeln.“ Derweil gehen die Kinder gleich um die Ecke von seinem Büro im grünen Stadtteil Berlin Friedenau zur Schule. Sie brauchen keinen Begleitschutz. Alles ist übersicht-lich und freundlich. „Das gibt es nur in Berlin“, sagt der Weltgeschäftsreisende voller Überzeugung. Eine überraschende Perspektive für uns deutsche Hauptstädter: Unsere Millionen-stadt Berlin als die kleinste und grünste Metropole der globalisierten Welt. Nirgendwo sonst, weder in Paris noch in Shenzhen noch in Dakar oder Ouagadougou ist das alltägliche Leben so entspannt. Klar meckern wir Berliner den ganzen Tag. Aber das scheint für wirklich weltläufige Menschen eine nette folkloristische Eigenart zu sein. Was heißt das für die Stadt und ihr Umland, wenn wir im weltweiten Ranking offenbar als Kurort und mentale Wellness-Oase identifiziert werden? Klar: kulturelle Vielfalt als Willkommensgruß. Dann: weiterhin günstige Lebenshaltungskosten. Dann: auch in Zukunft viele Bäume im Stadt- und Straßenbild. Dann: Paddeln auf der Spree. Stei-gerung: Baden im Fluss. Und das Umland? Wie wäre es mit einer Einladung an die Welt, in den einsamen Landschaften rund um Berlin eine gepflegte Auszeit zu nehmen. Ohne Telefon. Das wäre weltweit einmalig. Denn so etwas, eine telefonfreie Zone, gibt es heute nicht mal mehr in Afrika. |