
| Ausgabe 19 / Mai 2008 | |||
ThemaWie viele Kirchen braucht das Land?Mit dem Beginn der warmen Jahreszeit zieht es die Berliner wieder in Scharen aufs Land. Die Regionalzüge sind regelmäßig überfüllt. Über holprige Dorfstraßen rollen Radfahrer in bunter Designerkleidung. Auf dem Berliner Ring und den Zubringerautobahnen kommt es häufiger zu Staus. Nachdem in den letzten Jahren mehr als 85 Prozent der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft weggefallen sind und mangels Perspektive im großen Umfang die Jugend abwandert, erhält die Kirche im Dorf als Synonym für Heimat eine völlig neue Bedeutung. Der gewaltige sozialräumliche Wandel der letzten Jahre hat auch vor den Kirchen nicht Halt gemacht. Entgegen der landläufigen Meinung vieler Wochenendtouristen wohnt bei weitem nicht mehr in jedem Dorf der Pfarrer direkt neben der Kirche. Viele Pastoren haben inzwischen mehr als fünfzehn Dörfer – und eben so viele Kirchengebäude – seelsorgerisch zu betreuen. Mit der Erhaltung und Sanierung ihrer Gotteshäuser sind die kleinen Gemeinden allein überfordert. Angesichts von tiefgreifenden demographischen und wirtschaftlichen Veränderungen sowie von gravierenden Brüchen des sozialen Zusammenlebens im ländlichen Raum stellt sich die Frage nach einer Neudefinition der Funktion der Kirche als Institution als auch der Kirchengebäude. Seit einigen Jahren ist eine breite Bürgerbewegung im Wachsen. Mehr als 230 Fördervereine in einzelnen Orten bemühen sich, ihre Kirche im Dorf zu lassen. Dabei steht ihnen der 1990 gegründete Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. (FAK) zur Seite. Der Förderkreis vergibt finanzielle Hilfen für Sanierungsprojekte, vermittelt Baugutachten, moderiert Gespräche mit Behörden und unterstützt die Gründung lokaler Vereine. Im Laufe der Zeit ist so ein solides Netzwerk entstanden, dem es nicht nur um die Erhaltung von Bauwerken geht. Vielmehr entsteht hier ein bürgerschaftliches Engagement, das die gesamte ländliche Entwicklung im Blick hat und wichtige soziokulturelle Funktionen übernimmt, die von den regionalen Verwaltungen nicht mehr geleistet werden können oder wollen. Einheimische und Zugezogene, Christen und Nichtchristen wirken zusammen, um sich ein lebenswertes Umfeld zu schaffen. Diese aus der Not geborene Art der Zivilgesellschaft probiert unbefangen Neues aus und hat längst Vorbildcharakter für die Lösung auch städtischer Probleme. In enger Kooperation mit Kirchengemeinden und örtlichen Initiativen organisiert der FAK „Theater in Kirchen“, „Kirchen-Kunst-Routen“ und, gemeinsam mit dem Landesmusikschulverband, das Projekt „Musikschulen öffnen Kirchen“. So mancher Berliner erinnert sich noch lange an den selbst gebackenen Kuchen, den die Frauen des Dorfes nach dem Konzert auf dem Kirchhof verkaufen, um mit dem Erlös die Reparatur des Kirchendaches zu unterstützen. Seit mittlerweile neun Jahren gibt der Förderkreis Alte Kirchen jährlich die Broschüre „Offene Kirchen“ heraus. Mittlerweile 800 Kirchengemeinden beteiligen sich an der Aktion. Der Adressteil ist für viele Touristen zu einer unverzichtbaren Planungsgrundlage für den nächsten Wochenendurlaub geworden. Im Rahmenteil des Heftes erscheinen Beiträge zur Geschichte und Kunstgeschichte brandenburgischer Kirchenbauten. Ein großer Teil der Mitglieder und Unterstützer des Förderkreises Alte Kirchen lebt selbst in Berlin, ist aber dem „Umland“ in Zuneigung verbunden. Schließlich gehörte ein erheblicher Teil der heutigen Metropole vor nicht einmal hundert Jahren selbst noch zur Provinz. Erst 1920 entstand durch die Zusammenlegung von acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken das heutige Groß-Berlin. Zwar haben sich auch hier noch ehemalige Dorfkirchen erhalten. Sie stehen jedoch zumeist zwischen Neubaugebieten, stark befahrenen Straßen und riesigen Einkaufszentren. Nur eine gute Stunde Autofahrt entfernt lässt sich dagegen die Hektik des Alltags für eine kurze Zeit vergessen. Es lohnt, ab und zu anzuhalten und in einer der alten Kirchen Rast zu machen. Sie für kommende Generationen zu erhalten, ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Zusammenfassend lässt sich konstatieren: Wir haben nicht zu viele Kirchen, wir haben (noch) zu wenige Menschen, die sie besuchen. Dies gilt für die so genannte Provinz ebenso wie für die Metropole. Abhilfe lässt sich da am besten gemeinsam schaffen. |