
| Ausgabe 19 / Mai 2008 | |||
ThemaDas Spiel zwischen Mark und MetropoleThomas Schmidt-Ott und die Brandenburgischen SommerkonzerteBeim Griechen gegenüber der Neuen Nationalgalerie treffen wir uns zum Gespräch. Er ist eine Spielernatur: Dr. Thomas Schmidt-Ott, vertraut mit künstlerischen und wirtschaftlichen Welten, beide gern verknüpfend – und dies mit Leidenschaft. Sein erstes Instrument war das Cello, das er auf Anregung eines italienischen Freundes seit dem 6. Lebensjahr spielt und auf dem er morgens zwischen halb sieben und sieben den Tag übend beginnt. Inzwischen ist er nicht nur ein bekannter Konzert- und Jazzmusiker geworden, sondern leitet gemeinsam mit Prof. Klaus Siebenhaar am Berliner Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin das Zentrum für Audience Development. Über letztere künstlerisch-wirtschaftswissenschaftliche Zwitterdisziplin – frei übersetzt: die Kunst, neues Publikum zu gewinnen – habilitiert er sich. Er ist vielseitiger Orchestermanager, der „spielerisch“ Marketing und künstlerische Inspiration verbindet; dem die Gewinnung von Publika für Kunstereignisse ebenso emotionales wie geschäftliches Anliegen ist; der mit Aktien routiniert umgeht; der politische Literatur liest, aber auch das Einhandsegeln übt. Der vor allem aber spiritus rector der Brandenburgischen Sommerkonzerte ist, die ein exzellentes Beispiel für das „spielerische“ Zusammenwirken von Mark und Metropole sind. Thomas Schmidt-Ott ist ehrenamtlicher Vorsitzender im Vorstand des Vereins Brandenburgische Sommerkonzerte und gibt mit seinem Team aus Künstlerischem Leiter und Geschäftsführer den Ton an. Das Festival wird in diesem Jahr „volljährig“, d.h. es geht ins 18. Jahr und bietet ein breites Spektrum der „Klassiker auf Landpartie“ unter der Schirmherrschaft des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck. Die Besonderheit dieses Festivals, das „ganz Brandenburg zum Klingen bringen“ will, ist die „Mixtur von Naturschönheit, imposanter Baugeschichte, musikalischem Weltniveau und liebevoll ausgerichteter Kaffeetafel“, von Weltstars und aufstrebenden jungen Künstlerinnen und Künstlern. Die finanzkräftige Unterstützung von Partnern und Sponsoren wie den Brandenburgischen Sparkassen und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Land Brandenburg und anderer Förderer machen das möglich. Der Kulturtourismus und die Standortförderung sind dabei wichtige geschäftsstrategische Faktoren – das richtige Spielfeld für Thomas Schmidt-Ott, denn ein Projekt wie die Brandenburgischen Sommerkonzerte braucht nicht nur künstlerische Inspiration und gutes Marketing, sondern auch breites Lobbying und Networking. Da ist Schmidt-Ott in seinem Element, betrachtet man seinen Lebenslauf. Er lernte Cello bei Uli Voss (Musikhochschule des Saarlands) und Götz Teutsch (ehemals Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker), absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann, studierte Musik-, Theater- und Wirtschaftswissenschaften an der TU und FU Berlin und promovierte nach ersten Berufserfahrungen in den Fundraising- und Marketingabteilungen der großen US-amerikanischen Symphonieorchester in Los Angeles und Boston im Fach Kultur- und Medienmanagement. 1989 gründete er die Kammerphilharmonie Berlin und war bis 1997 deren Geschäftsführer. Als Orchesterdirektor des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin (DSO) 1999-2003 arbeitete er eng mit Kent Nagano zusammen. Diese Arbeit prägte sein künstlerisches und politisches Leben, sie vermittelte Erfahrungen, die er später als Chefmanager des Rundfunkorchesters, Symphonieorchesters und Chors des Bayerischen Rundfunks einsetzen konnte. Schmidt-Ott will mit den Brandenburgischen Sommerkonzerten Berliner Orchestern, insbesondere denen der Rundfunkorchester und Chöre GmbH, eine Art Logistikzentrum nach amerikanischem Vorbild sein. US-Orchester erschließen sich in den amerikanischen Tanglewood- und Blossom- Sommerfestivals neue Publika. Ähnlich – so die Meinung Schmidt-Otts – können auch die Berliner Kulturinstitutionen im Umland neue Zuhörer gewinnen: „Berlin und Brandenburg rücken dann zumindest musikalisch schon mal enger zusammen.“ Ein Festival wie die Brandenburgischen Sommerkonzerte bedeutet , gemeinsam Kultur zu machen: Perfekte Bühnenlogistik, internationale Künstler, faszinierende ländliche Spielstätten und das Zusammensein bei der traditionellen „Kaffeetafel“ und nach der Aufführung ergänzen sich zu einem Gesamtkunstwerk. Dieses vom Begründer Dr. Werner Martin entwickelte Konzept mit dem inspirativen Zusammenspiel von Kunst, Unterhaltung und Marketing will Schmidt-Ott weiter perfektionieren. Dass sich Kunst, Tourismus und Unterhaltung ohne Niveauverlust ergänzen können, hat er auch auf anderen „Spielwiesen“ erprobt. Während seiner Tätigkeit bei der Berliner Kammerphilharmonie entwickelte er mit der Tochterfirma Classical Cruise Entertainment neue Klassikformate für Kreuzfahrtschiffe wie „MS Europa“ oder die „AIDA“. Diese mit verschiedenen Gastspielensembles der Kammerphilharmonie realisierten Konzerte trugen deutlich zum Geschäftserfolg des Gesamtorchesters bei. Klassik-Konzerte gehören inzwischen bei vielen Kreuzfahrten zum Bordprogramm. Dabei musiziert Schmidt-Ott oft selbst in verschiedenen Formationen mit. Er drang mit dem Nadolny-Cello-Quartett konzertant bis zum Südpol vor (die ARD drehte hierüber den Musikfilm „Cello on Ice“), unter Claudio Abbado war er als Cellist des Mahler Chamber Orchestra in Kuba. Und da das Crossover ein weiteres Element seines Künstler-Manager-Hochschullehrer-Lebens ist, spielt er auch in der Jazzformation Downtown Groove. Mit ihr war er im Herbst 2007 mit Justus Frantz in Libyen und begleitete kürzlich in Weimar die Verleihung der Goethe-Medaillen. Als weitere Bühne bespielt er zur Zeit mit seinem Programm „Dekolleté“ das Wintergarten Varieté in Berlin. Bei allen „Spielereien“, die Thomas Schmidt-Ott entwickelt und zum Erfolg führt, steht für ihn eine Disziplin im Zentrum seiner Aktivitäten: Audience Development als künstlerische Antwort auf das in Wirtschaftsbetrieben übliche Customer Relationship Management. Schmidt-Ott möchte die Menschen, die er „angelockt“ hat, für ein „neues Verständnis und eine nachhaltige Beziehung gewinnen.“ Wenn das gelingt und sich auch noch ökonomisch trägt, d.h. mit Hilfe von Partnern und Sponsoren, aber ohne Subventionen wie die Brandenburger Sommerkonzerte, „umso schöner“ – und dieses Spiel ist gewonnen! Dass er ein Spiel nicht gewonnen hat, ist für Mark und Metropole ein Glück: Beim Rennen um den Rektorenposten am Salzburger Mozarteum kam er unter die letzten Drei. So freut sich nicht nur seine Familie mit den drei Töchtern, dass er in Berlin bleibt. Er kann auch weiter an seiner Vision arbeiten, die Brandenburger Sommerkonzerte in Brandenburg noch stärker zu verankern. An Kent Nagano bewundert er einerseits sein „unglaublich ernsthaftes Künstlertum, andererseits sein geniales Gespür für politische Strömungen, in die er Kultur als wichtigsten Faktor einspeist.“ Diese Inspiration bringt der phantasievolle Spieler Thomas Schmidt-Ott sicher noch in weitere kreative Projekte im Sinne des von ihm gelehrten und praktizierten Audience Development ein. Die musikalischen Grenzgänger in Mark und Metropole können gespannt sein. Infos zu den Brandenburger Sommerkonzerten unter www.brandenburgische-sommerkonzerte.de |