I) Was macht Berlin-Brandenburg aus?Als Kommunikationsberaterin zwischen den Welten berichte ich gerne über meine persönlichen Erfahrungen und Reflexionen zu Metropole und Provinz. Als „Allgäuer Botschafterin“ habe ich sieben Jahre Berlin-Erfahrung – und stamme aus dem schönen Ostallgäu, in dem ich nun gleichzeitig zur Berliner Präsenz lebe und arbeite.
Ungefähr ein Jahr und viele Fahrradtouren hat es gebraucht, bis ich in Berlin eine ernst zu nehmende Stadtorientierung hatte. Die seltsame Mischung aus Dörfern, die zu Kiezen und kleinen Stadtzentren wurden, gepaart mit dem Glamour und architektonischen Glanzleistungen oder Größenwahnsinn, gibt Zugezogenen viele Rätsel auf. Vor allem ändert sich dann doch wieder alles: am besten jedes Jahr einen neuen BVG-Stadtplan kaufen und sich nicht wundern, wenn ein halbes Jahr später statt einem Hochhaus aus den 1960ern plötzlich ein Hotel an der Straßenecke prunkt.
Das Schönste fand ich „Landei“ dann wiederum, dass an der Stadtgrenze, die wirklich noch als solche zu erkennen ist, schöne Wälder mit einsamen Wegen und – ich gebe es zu – im Sommer überlaufenen Seen zu entdecken sind. Wo in Bayern in jedem Winkel eine Kirche ist, finden sich schmucke Schlösser und Parks aus Friedrichs’ Zeiten – nur der Kenner vermag Friedrich I und II sowie Lenné, Persius oder Schinkel auseinander zu halten.
Mein Favorit ist das Havelufer zwischen Potsdam und Berlin-Wannsee. Die „Nikolskoe“ (russisch „Nikolskoj“) ist ein beliebtes Ausflugsgebiet und zu jeder Jahreszeit habe ich gerne bodenständige Berliner Küche im „Gasthaus Moorlake“ genossen, das – ja, genau – im bayerischen Stil erbaut wurde.
Bei meinen beruflichen und privaten Ausflügen habe ich festgestellt, dass die Mentalität zwischen Berlin und Potsdam sowie dem Brandenburger Umland wesentlich schneller umschwenkt, als in den einzelnen Regionen Süddeutschlands. Potsdamer sind aus jahrzehntelanger Geschichte eigenständig, grenzen sich immer noch gerne zu Berlin ab und haben ihre mannigfaltigen Schönheiten sowie eigenen Stolpersteine der Stadtentwicklung zu bieten. Das Kulturleben findet als Landeshauptstadt nahezu autark vom Berliner statt, bis auf das Musiker und Sänger Grenzgänger sind.
Einfach war es nicht, in Berlin „echte Berliner“ kennen zu lernen. Denn diese haben ihre Familien, ihre Freundeskreise aus der Schulzeit. Und da Berlin genauso einen „Klebefaktor“ hat wie meine Heimatregion Allgäu, bleiben auch viele in der Stadt und miteinander verbunden. Immer noch erkennbar sind die Westberliner Sozialstrukturen, wo ein belebtes Charlottenburg mit „ich fahre in die Stadt“ = Steglitz miteinander konkurrieren. Der Ku’damm hat sich sichtlich wieder erholt: die sich erholende Konjunktur, der Tourismus und eine Rückkehr der Kunden von der doch eher kühlen neuen Mitte ins Altbewährte helfen dem Standort West. Mit Staunen habe ich der Entwicklung des Regierungsviertels sowie des Botschaftes/Landesvertretungsstreifens am südlichen Ende vom Tiergarten zugesehen. Wenn ich in Berlin-Mitte beruflich unterwegs bin, treffe ich mindestens genauso viele Bekannte wie wenn ich daheim im Städterl einkaufen gehe.
Die Vernetzung in Berlin eröffnet Zugezogenen viele Spielräume, hat man/frau sich erstmal einen Namen erarbeitet, werden einem innerhalb der Profession Türen geöffnet. Das Erfreuliche an Berlin ist, dass man Ideen und die Suche nach neuen sozialen Kreisen schnell umsetzen kann. Als Landei muss man sich jedoch daran gewöhnen, dass es normal ist, sich nur alle drei Monate zu sehen und nicht jeden Freitag in der Bar vom Königswirt.
Angenehm ist, dass es in Berlin es so viele kunterbunte Menschen gibt, dass jede „Schweizer-Käse-Biographie“ normal und interessant ist, wohingegen im bayerischen Bergland man eher freundliches Unverständnis für die eigene Entwicklung erntet „was machst Du eigentlich so genau?“
II) Was macht München und die bayerische Provinz ausNein, Bayern ist nicht gleich Süddeutschland. Das Bundesland besteht aus den einzelnen Regionen Franken, Niederbayern, Oberpfalz, Schwaben und der Landeshauptstadt München.
Während Amerikaner nur „Oktoberfest, Nürnberger Lebkuchen and Neuschwanstein“ kennen und lieben, ist das drittgrößte Bundesland wesentlich differenzierter als gedacht. Allein die einzelnen Dialekte sind schon untereinander schwer verständlich. Während ich in Bamberg einkaufe: „Bidde a Brötla und a Wörschtla“ (mit weichem „t“ gesprochen), wird im Ostallgäu so bestellt: „I wett gern an Semmel und a Wurscht.“
Die Münchner haben ihre eigene „Schickeria“, so die Elite, die mit einem SPD-Oberbürgermeister Ude sehr glücklich sind. Alles, was außerhalb des Einzugsgebietes von München stattfindet, ist nur noch unterscheidbar in „Skigebiet“ und Franken, wobei letzteres bis zum Imageschaden noch aufgewertet wurde durch die große Präsenz von Siemens in Erlangen. Das derzeit interimsweise ein gebürtiger Franke bayerischer Ministerpräsident ist, war bis vor ein paar Jahren genauso unglaublich wie der derzeitige CSU-Trend zum Verlust der absoluten Mehrheit.
Das Einzugsgebiet der arbeitenden Bevölkerung von München ist wegen der entsetzlich hohen Miet- und Grundstückspreise groß – es reicht von Garmisch-Partenkirchen im Süden über Buchloe im Westen, weiter über Ingolstadt im Norden bis hin zum Chiemsee im Osten. Ein Radius von immerhin 130 km, der sich um den Stadtkern aufbaut. Dagegen wirkt der Stadtradius 50 km von Berlin plötzlich klein. Das Konzept der Metropolregion München ist im Kommen, immer mehr Städte im Umland schließen sich dem wirtschaftlich motivierten Verbund an, der auch die Bahnverbindungen besser gestalten soll. Denn der bisherige „Bayern-Takt“ kommt allzu oft aus dem Tritt oder ist nur für alle zwei Stunden ausgelegt. Da steht man schnell frierend auf dem Bahnsteig, wartet auf die nächste Regionalbahn, die an jeder Milchkanne hält und sehnt sich nach dem guten öffentlichen Berliner Verkehrsnetz.
In der „Provinz“ geht es ziemlich quirlig zu, vor allem der Tourismus hat in den vergangenen Jahren für einen Entwicklungsschub gesorgt. Die Dorferneuerungsprogramme „Unser Dorf soll schöner werden“ haben ihre Wirkung gezeigt und so manch kuhfladenverdrecktes Nest ist inzwischen eine ausgesprochene Dorfschönheit geworden. Die „hidden Champions“ des Mittelstands in der Provinz sind beliebte Arbeitgeber; alleine im Allgäu sind die bekannten Marken „Fendt Traktoren“ (ACGO GmbH), Rösle Haushaltswaren, Dachser Spedition, Hudson Kunert usw. angesiedelt.
III) Wie verkaufe ich’s meinen Kunden?Egal, ob im Süden oder in Berlin: die persönliche Empfehlung ist die Eintrittskarte in mögliche geschäftliche Verbindungen. Im Allgäu ist es der bekannte Nachname und die Kontakte aus Chorzeiten, die verbinden. In Berlin sind es die beruflichen Netzwerke und die persönlichen Kontakte, die weiterhelfen. Während im Allgäu ein Eintrag in die Gelben Seiten sich tatsächlich lohnen könnte, weil die Konkurrenz überschaubar ist, will ich in Berlin eigentlich gar nicht wissen, ob es nun 2.500 oder 3.000 PR-Berater sind, mit denen ich konkurriere.
Gepriesen seien meine Eltern, die mich Hochdeutsch (mit süddeutscher Wortschatzeinfärbung) erzogen haben. Kaum betrete ich Berliner Boden, sage ich automatisch „Guten Tag“ und entferne ein Dutzend Wörter aus dem Alltagssprachschatz. Wenn ich beim Berliner Bäcker „Semmeln“ bestellte, müsste ich erstmal in „Schrippen“ übersetzen, weil ich sonst erstens breites Grinsen der Kunden sowie zweitens Unverständnis bei der Verkäuferin ernten würde.
Ohne mein zweites Standbein der Fähigkeit, in den Dialekt zu wechseln, wären jedoch Kundenbeziehungen vor Ort im Allgäu oder in München wesentlich schwerer. Die weiche Färbung der Sprache, das rollende R und ein „Pfüagott“ (Behüt dich Gott) beim Abschied sind gerne gehört.
Als Allgäuer fungiert man auch gleichzeitig als Urlaubsberater; wohl dem, der gute Hotels und Pensionen sowie schöne Ausflugsziele samt Logistik aus dem Ärmel schütteln kann. Das Ganze geht inzwischen auch umgekehrt, Hotelempfehlungen für Berlin & Potsdam und die Ostsee sowie Informationen zu Berliner Gepflogenheiten sind gern genommene Gesprächsaufhänger.
„Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln“ – dieser Spruch gilt für beide Regionen. Freundlichkeit und Offenheit ist in Süddeutschland eher zu Hause, wobei ich in Berlin auch sehr viele lustige Begegnungen habe, wenn die typische Berliner Schnauze augenzwinkernd direkten Kontakt aufnimmt. Alle reden über das Wetter – in Bayern aber meistens fachkundiger, was Wetteranzeichen und Naturgeschehen angeht.
Kurzum: alle sind sie liebenswürdig auf ihre Eigenarten, wenn man diese zu „lesen“ vermag.