Der Zenit der sozialräumlichen Hochglanzpolitik ist überschritten. In Ostdeutschland nun schon wieder etwas länger. Denn die postsozialistische Gesellschaft ist bekanntlich nicht nur krisenerprobt, sondern übervorsichtig in Sachen unterkomplexer Raumbeschreibungen. Was ist zu tun, wenn Leitbilder, Kampagnen oder das viel bemühte ‚Stadt- und Regionalmarketing’ nicht mehr die gewünschte Wirkung erzielen, weil die Brands der verheißungsvollen Regionen des Wissens, Lernens und der Kulturen den Menschen in ihrer Alltagswelt vor Ort oft wie Hohn ins Gesicht schlagen?
Eine Teilantwort lautet ganz sicher: Wir brauchen neue Beteiligungsformen und vor allem eine neue Schulpolitik in den so genannten peripheren Räumen. Denn hier entstehen geglaubte Raumbilder, die Werte und Orientierungen im kulturellen und sozialen Raum vermitteln – in welche Richtung auch immer. Im politisch-administrativen Raum findet hierzu offenkundig gerade ein Umdenken statt. Deutlich wurde das einmal mehr während eines Symposiums über „Raumpioniere“ im Frühjahr 2008 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zu Ehren von Ulf Matthiesen. Schulen, so die Erkenntnis, die hinter diesem Umdenken stecken könnte, befördern eine proaktive Binnenkommunikation in einer zunehmend von Disparitäten gezeichneten Gesellschaft immer noch stärker als überregionale Durchhalteparolen, die in namhaften Agenturen nach Schema F und ohne sozialräumliche Offenheit, Neugier und Courage produziert werden - und die in ihrem braven Markenkern meist austauschbar sind. Vor allem gilt: Es sind nicht die Raumbilder, die den Raum prozessorientiert beschreiben können, sondern die Menschen, die darin leben und möglichst bleiben möchten, beschreiben den Raum, und sie geben ihm bildliche und symbolische Werte.
Wir machen uns zunächst ein Bild vom ‚Raum’, in dem wir von Anfang an wachsen können. Flächendeckende Rhetorik des Gleichmachens können da nicht mithalten. Es geht ganz klar um das Freilegen eigensinniger Raumbilder auf lokaler Ebene. Und die gibt es fast immer. Oft bleiben sie zu Ungunsten der Zivilgesellschaft, übrigens nicht nur in Ostdeutschland, seit Jahrzehnten verschollen und der Spürsinn für das Eigenwillige vor Ort scheint verloren. Ein hilfreiches Stichwort, staatlich alimentiert, ist nach wie vor die Lernende Region. Sind die Schulen da wirklich ausreichend einbezogen? Wo, wenn nicht über die klassischen Lernorte, über die Schulen, können wir die ersten sozial- und raumkulturellen Schritte seit jeher am besten einüben? Das nächste Museum war das erste, dem weitere folgten. Literarische Pfade beginnen vor der eigenen Haustür und führen dann weiter in einen übergreifenden Raumsinn hinein ebenso wie die ersten Angebote aus der bildenden und darstellenden Kunst. Dabei geht es keineswegs nur um große Namen und um ‚Hochkultur’…
Machen wir uns nichts vor, die Lage ist ernst und gibt selbst mit den inzwischen vielen guten Schulbeispielen wenig Grund zu Optimismus. Der Circulus vitiosus ist dramatisch genug: Mit den Schulen verschwinden nach und nach die Museen, Bibliotheken und Kinos. Zwischen 1994 und 2003 wurden zum Beispiel in Brandenburg 149 Grundschulen geschlossen, 25 Prozent des Bestandes. Der „demografische Erdrutsch“, wie er vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung als Naturkatastrophe beschrieben wird, wird auch in Zukunft seine Opfer fordern. 2006 und 2007 wurden in Brandenburg weitere 44 öffentliche Schulen abgeschafft. Und mal ehrlich: Wer ärgert sich eigentlich noch länger als drei Tage, wenn Kinder und Jugendliche inzwischen nicht mehr nur im Agglomerationsraum (Stichwort „Neuköllner Rütli-Schule“), sondern in letzter Zeit auch in der Fläche unter der Maxime des „Wegsperrens“ auf höchster politischer Ebene ‚verhandelt’ werden? Hoffentlich macht die Hessenrhetorik jetzt nicht Schule. Es ist an der Zeit, alternative raum- und bildungspolitische Wege zu finden. Wege mit besseren Hinweisen und weniger Verbotsschildern für diejenigen zivilgesellschaftlichen Gruppierungen, die das Risiko und das Wagnis auf sich nehmen, als „Pioniere“ im ländlichen und auch im städtischen Raum Bildungs- und Kultureinrichtungen zu (re-)animieren. Das wäre eine zukunftsfähige Raumpolitik und ein überfälliges Gegengewicht zu den Rekrutierungsversuchen vor bundesdeutschen Schulen in Gestalt der Ultrarechten.