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  Ausgabe 22 / Mai 2010 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  

Interview

Ohne Widerspruch geht es nicht

Ein Interview mit Brigitte Faber-Schmidt zum Thema Demokratie und Demokratiebewegungen


Frau Faber-Schmidt, was ist für Sie Demokratie?

Etwas, das tagtägliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen, dem eigenen Lebensumfeld, mit Projektpartnern, mit unterschiedlichen Akteuren bedeutet. Demokratie als gelebte Demokratie ist sicherlich immer etwas anstrengend, weil es bedeutet, sich verständigen, sich positionieren, Dinge aushandeln zu müssen.

Also eher eine komplizierte als eine einfache Sache.

Auf jeden Fall. Auch wenn Demokratie die Grundlage unserer Gesellschaft ist, muss das demokratische Handeln jeden Tag neu errungen werden.

Ist Brandenburg ein guter Ort für Demokratie?

Es ist nicht unbedingt leichter dort als in anderen Bundesländern. Das hat mit den Strukturen zu tun: die große Fläche, die weiten Entfernungen, die demografische und ökonomische Entwicklung. Auf diese Schwierigkeiten will auch Kulturland Brandenburg antworten. Viele Künstler und kulturelle Akteure sind Einzelkämpfer, die vor Ort unter schwierigen Bedingungen etwas bewegen. Für diese bieten wir eine Plattform.

Wozu dient diese Plattform?

Zur künstlerischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung, aber auch zur Vernetzung und zur eigenen Selbstverständigung. Das muss nicht dazu führen, dass alle Akteure an einem Strang ziehen. Aber man lernt die Positionen kennen und kann sich damit auseinandersetzen.

Es gibt in Brandenburg ja auch das Bedürfnis nach den eher einfachen Antworten auf die schwierigen Fragen. Viele Schüler, das ist das Ergebnis mehrerer Untersuchungen, könnten eine Demokratie nicht von einer Diktatur unterscheiden. Sind das Alarmsignale? Oder gehört das zur schwierigen Nachwendegeschichte des Landes dazu?

Natürlich hat das mit den Umbruchsituationen zu tun, die bis heute anhalten. Und natürlich muss man allzu einfachen Erklärungsmustern begegnen. Auch da, denke ich, sind kulturelle Mittel hilfreich. So kann neben dem kognitiven Lernen über eigenes Erleben eine neue Erfahrungsebene geschaffen werden. Auch zu dem Thema, was es heißt, Position zu beziehen, sich auseinanderzusetzen, sich durchzusetzen, vielleicht aber auch den Kürzeren zu ziehen, andere Meinungen und Erfahrungen zu akzeptieren.

An welche künstlerischen Mittel denken Sie?

An kulturpädagogische Angebote, aber auch grundsätzlich an alle künstlerischen Sparten. Im Theater beispielsweise können Schüler ganz anschaulich den Umgang mit schwierigen, zugespitzten Situationen nachvollziehen.

Haben Sie Verständnis für diejenigen, die sagen: Soziale Sicherheit ist mir wichtiger als Freiheit?

Ich weiß, dass einige so denken. Ich finde dies jedoch sehr problematisch. Da wird vieles verklärt, wenn es heißt: Damals musste man zwar das eine oder andere in Kauf nehmen, aber so schlecht war es auch nicht, vor allem war für die soziale Sicherheit gesorgt, und der soziale Zusammenhalt war größer. Da wird schnell vergessen, dass es dem Großteil der Menschen heute materiell nicht schlecht geht. Von der Freiheit und den demokratischen Rechten, den Möglichkeiten gesellschaftlicher und politischer Partizipation ganz zu schweigen.

Wenn der Staat und die öffentlichen Hände ihre Mittel kürzen, trifft es die Kultur nicht selten zuerst. Ein – zugegebenermaßen weit hergeholtes – Beispiel aus Argentinien zeigt: Während der Finanzkrise 2001 war dort Kultur ein Lebensmittel, an dem zuletzt gespart wurde, der kostenlose Besuch in der Oper inbegriffen. Was ist Kultur für Sie in diesem Zusammenhang?

Kultur und kulturelle Partizipation sind gesellschaftlich und nicht zuletzt auch bildungspolitisch wichtig. Also müssen sie auch finanziert werden. Gerade in der aktuellen Finanzkrise wird ja immer wieder darauf hingewiesen, dass es ein Vorteil ist, nicht über die Maßen von Kultursponsoring durch Unternehmen abhängig zu sein. Schließlich gibt es bei uns eine öffentliche Kulturförderung. Diese zu erhalten ist wichtig, darum muss man kämpfen.

Muss Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz?

Da bin ich skeptisch. Wichtiger als ein Gesetzesrang ist, dass man das Thema lebt und die Bedeutung von Kultur gesellschaftlich verankert ist. Kultur ist nichts Zusätzliches, nichts Aufgesetztes. Kultur ist auch das, was die Gesellschaft zusammenhält.

Berlin hat die Hochkultur und die Subkultur. Brandenburg hat die Kulturpädagogik. Widerspruch?

Sicher sind die Rahmenbedingungen in Brandenburg anders als in einem verdichteten Raum wie Berlin. Aber auch innerhalb von Brandenburg gibt es große Unterschiede. Die Berlin-nahen Städte, wie zum Beispiel auch Potsdam, profitieren natürlich von der urbanen Struktur der Hauptstadt. Aber auch im ländlichen Raum gibt es viele Akteure, die dort, in der Provinz, etwas bewegen, ohne die Rückbindung an die Metropole aus den Augen zu verlieren. Soll heißen, dass man dies gar nicht mehr als reinen Gegensatz beschreiben kann. Die künstlerische Praxis, ob in der Stadt oder auf dem Land, ist viel vernetzter als früher.

Brigitte Faber-Schmidt ist Mitglied im Vorstand der DPRG-Landesgruppe Berlin-Brandenburg und Vorstandsvorsitzende sowie Geschäftsführerin des Vereins Kulturland Brandenburg e.V., der die Konzeption, Planung, Organisation und Durchführung der gleichnamigen Dachkampagne im Land Brandenburg zur Aufgabe hat.

Das Gespräch führte Uwe Rada, die Fotos machte Jürgen Hohmuth. Das vollständige Interview und die Bilder sind im Band "Bürgerland Brandenburg" bei Koehler & Amelang erschienen.