
| Ausgabe 22 / Mai 2010 | |||
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ThemaEine herzlose Nachbarschaft
Heinz Kannenberg ist Redaktionsleiter der Märkischen Oderzeitung und des Frankfurter Stadtboten -Von Heinz Kannenberg - Das Verhältnis der Länder Brandenburg und Berlin ist anhaltend schwierig und nicht konfliktlos. Selbst beim Projekt des Flughafens Berlin Brandenburg International, bei dem beide nur Gewinner sein werden, werden Rivalitäten insbesondere bei Ansiedlungen im Flughafenumfeld politisch zumindest nicht unterbunden und wird die Nutzung von gemeinsamen Potenzialen dadurch verzögert. Oder: Die Berliner Justizsenatorin misstraut einem "Häftlingsaustausch", obwohl die finanzielle Vernunft danach ruft. Denn in Brandenburg gibt es in den Haftanstalten ungenutzte Plätze und in Berlin zu wenige. Dennoch wollen die Berliner eine neue Haftanstalt bauen. Ganz so, als hätte man noch ein altes Westberliner Portemonaie gefunden. Es ist jedoch vor allem eine herzlose Nachbarschaft zwischen Brandenburg und Berlin. Zwischen Berlinern und Brandenburgern gibt es allenfalls zunehmend Arbeitsbeziehungen von gegenseitigem Vorteil. Das ist zweifellos schon eine Menge. Doch eine Fusion Berlin-Brandenburg wird damit längst nicht zum Herzens-Thema. Der Funke will nicht überspringen. Es fehlt auch die politische Vorlage. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck versteckt sich hinter scheinbaren und tatsächlichen Ängsten seiner Landsleute und lässt politische Führung vermissen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit geringschätzt das Umland und schaut als Großstädter lieber hochnäsig auf das platte Brandenburger Land. Berlin und Brandenburg werden jedoch vor allem mehr Lebensqualität für die Menschen erreichen - egal ob auf gemeinsamem oder getrenntem Weg - wenn sie ihre Potenziale auch gemeinsam nutzen. Dabei wird Berlin der Metropolen-Motor sein. Das kleine Brandenburg kann durch das international bekannte Zugpferd Berlin nur gewinnen, wie umgekehrt aber auch. Die dadurch mögliche Entwicklungsdynamik in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg birgt mehr Chancen für eine zügigere Angleichung der Ost-West-Lebensverhältnisse als in anderen ostdeutschen Regionen. Doch es fehlt beiden Landesregierungen derzeit noch der Wille für eine solche politische Gestaltungskraft. Die Medien in Brandenburg und Berlin ziehen sich weitgehend als Chronisten zurück. Sie berichten gelegentlich über sogenannte Konflikte zwischen beiden Ländern oder inszenieren sie zuweilen. Landeskorrespondenten in Potsdam und Berlin beschreiben häufig beschaulich oder zugespitzt die Lage im Flächenland Brandenburg ohne das Land zu betreten. Sie holen ihre Argumente und Meinungen aus den Hinterzimmern der Politiker an Havel und Spree. Berliner und Brandenburger Journalisten müssen mehr Themen durch die Erfahrungen von Menschen vor Ort entdecken, recherchieren und beschreiben. Dazu müssen vor allem mehr Berliner Journalisten das Land Brandenburg bereisen statt mit dem Fernglas in die Uckermark oder nach Frankfurt (Oder) zu schauen. Dann würden Klischees wie Verblödung und Versteppung sich nicht so undifferenziert ausbreiten. Selbst der Rundfunk Berlin-Brandenburg demonstrierte in seiner Sendung vor den Landtagswahlen mit den Spitzenkandidaten mit thematisch undifferenzierten Einspielern, wie entrückt Journalisten im Funkhaus in Potsdam von der tatsächlichen Lage der Menschen im Flächenland sind. Die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg ist eine Chancen-Region. Dies vor Ort zu erleben und zu recherchieren sowie dann konkret zu beschreiben, ist auch eine Chance für die Medienmacher in beiden Ländern, vor allem ihrem Informationsauftrag gerecht zu werden. Leider bieten insbesondere ostbrandenburgische Grenzstädte dafür mit ihrem unzureichenden Marketing keine guten Vorlagen. Die ehemalige DDR-Bezirksstadt Frankfurt (Oder) ziert sich immer noch selbstbewusst als schönster Vorort von Berlin mit dem ReisePlus polnische Nachbarschaft zu werben. Denn in knapp 60 Minuten ist der Berliner mit dem Regionalexpress vom Zentrum der Weltmetropole an der deutsch-polnischen Grenze. Am östlichen Oderufer lohnt es sich dabei längst nicht nur, billig zu tanken oder Zigaretten einzukaufen. Berlin und Brandenburg mit dem benachbarten Polen als gemeinsamer Erlebnisraum gewinnt für die Menschen, ihre Freizeit zu gestalten, eine immer größere Bedeutung und könnte deutschlandweit als touristischer Geheimtipp vermarktet werden. Wer weiß beispielsweise schon, dass es in Slubice einen Golfclub gibt und dieser dem Golfverband Berlin-Brandenburg angehört? Und wer sich gegenseitig beispielsweise auch mal bei einer Rast während einer Radtour im Dorfkrug in Criewen kennenlernt, baut vielleicht Vorurteile über Uckermärker ab und entdeckt auch brandenburgische Herzlichkeit. Medien in Berlin und Brandenburg bieten dafür zunehmend Service; die Märkische Oderzeitung jeden Donnerstag eine ganze Beilage WO?Hin! Vielleicht schafft es ja auch Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister von Berlin bis zum Ende seiner Amtszeit 2011, was zahlreiche ausländische Präsidenten und Regierungschefs schon getan haben, doch noch mal über die Stadtbrücke von Frankfurt (Oder) nach Slubice zu gehen. Und wo ein Politiker ist, sind auch Journalisten. Auch Reisen in die Nachbarschaft bildet. So viel Normalität muss sein. |