Streusandbuechse.de - Kommunikation in Berlin & Brandenburg
  Ausgabe 22 / Mai 2010 Information der DPRG Berlin/Brandenburg  

Gastbeitrag

Berliner Wildschweine im kommunikativen Wandel


- Von Jörg Gruhl -

Berlin ist längst nicht mehr nur die Hauptstadt aller Deutschen, sondern auch der Wildschweine. Das verkündete zumindest ein NDR-Film. Für ihre Recherchen und Filmaufnahmen brauchten die Filmemacher dabei keinen großen Zeitaufwand zu fürchten. Während frühere Tierfilmer, wie Grzimek oder Sielmann einst noch geduldig in der Wildnis auf ihre Filmmotive warteten, gehen Sielmanns Erben nun einfach in den Stadtpark oder an der nächsten Bushaltestelle ihrem Beruf nach. Und der Stoff verkauft sich gut. Wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die bewegten Bilder laufen, verkauft Tierfotograf Florian Möller zahlreiche Bildbände über die wilden Tiere Berlins. Sein beliebtestes Motiv ist das gefährlichste Tier, das unsere heimische Fauna bietet: Das Wildschwein. An dieser Spezies scheiden sich öffentliche und veröffentlichte Meinung.

Geduld ist die höchste jagdliche Tugend. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens im Blätterwald auf hintergründige Berichterstattung wirft im März 2010 der Feuilleton-Chef der Welt endlich die Frage auf, ob die Zivilisation die bessere Wildnis sei. Kenntnisreich schildert der Autor, selbst Jäger, warum die Großstadt ein Refugium für viele Tierarten ist. Er schließt mit dem Gedanken, dass „die Städter, die in Sachen Stadtnatur noch einiges lernen müssen, zum Beispiel, dass wilde Tiere auch in der Stadt wilde Tiere bleiben, denen man mit Vorsicht und Respekt zu begegnen hat. Da gibt es einfach noch zu wenig Kultur im Umgang mit der Natur.“ Der Appell verhallt ungehört. Während sich Vorgartenbesitzer und professionelle Gärtner um Schadensbegrenzung mühen, füttern vermeintlich tierliebe Hauptstädter die Zuwanderer, von Einsicht keine Spur. Die Presse nimmt diesen Umweltfrevel noch gelassen hin. Zwar schreibt manchmal ein Kolumnist über die Schändlichkeit solchen Tuns, doch echte Schelte setzt es in der Presse selten. Das mag sich ändern, sobald der erste Kollateralschaden aufgetreten ist. Wildtiere sind unberechenbar, sie wehren sich mit Angriffen und verbreiten Krankheiten.

Ungehörte Warnungen auch in Sachen bewusster Wildschweinfütterung. An einigen Ecken der Berliner Forsten warten die Schwarzkittel teilweise pünktlich auf Zuwendungen, die ihnen meist von den legendären Wilmersdorfer Witwen dargereicht werden. Was passiert, wenn die an die Nähe des Menschen gewöhnten Tiere einmal nicht gefüttert werden? Sie betteln, so wie Nachbars Bello, der sein Leckerchen einfordert. Allerdings hat das domestizierte Haustier Hund den Umgang mit Menschen gelernt und ist nicht halb so gefährlich wie die Bettler aus dem Wald. Stupst eine Wildsau einen Menschen an, kann das fatale Folgen haben. Scharfe, lange Eckzähne, die der Jäger nicht umsonst Waffen nennt, bohren sich in den Oberschenkel. Schwere Verletzungen oder gar Verbluten des Opfers sind die Folge.

Dessen ungeachtet und trotz geltender medialer Warnungen freut sich der Hauptstädter am Anblick der neu gewonnen ökologischen Vielfalt in seinen Parks und den Boulevards. Sie wird als ein Stück neu gewonnene Natur seiner urbanen Umgebung empfunden. Doch wehe, wenn eine Sau mal einen Hund auf offener Straße angreift, dann rauscht es im Gemüt der tierliebenden Gemeinde und im Berliner Blätterwald.

Jörg Gruhl ist PR-Berater (DAPR)