
| Ausgabe 22 /Mai 2010 | |||
|
ThemaBerlin: Baustelle mit Charme
Dr. Martina Sprotte ist Senior Management Advisor insbesondere im Krisen- und Issuesmanagement für Unternehmen und Verbände im Energie-, Chemie- sowie Health Care- und Pharmasektor unter dem Dach von Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation.
- Von Dr. Martina Sprotte - Ich bin in Hamburg geboren! Das verpflichtet! Zum Beispiel dazu, auf den begeisterten Ausruf vieler Gesprächspartner, das sei ja nun wirklich die schönste Stadt der Welt, mindestens mit einem sehnsüchtigen Seufzer zu reagieren. Ich lebe seit zehn Jahren in Berlin! Das verpflichtet! Zum Beispiel dazu, auf den begeisterten Ausruf vieler Gesprächspartner, das sei ja nun wirklich die spannendste Metropole Deutschlands, wenn nicht sogar Europas, mindestens mit großstädtischer Nonchalance zu reagieren. Ehrlich gesagt, ich gerate jedes Mal ins Schleudern! Denn ich liebe diese Stadt und ziehe sie Hamburg mittlerweile deutlich vor, aber wohl aus Gründen, die die wenigsten verstehen können. Ich finde das Leben hier großartig, weil Berlin vor allem eins ist: unperfekt. Das Wort gibt es nicht? Egal, ich finde, es beschreibt diesen Ort auf das Zutreffendste: Denn der Kurfürstendamm ist fraglos prächtig. Dort wie in der Friedrichstraße vermitteln die Geschäfte und Flashipstores sicher auch großstädtisches Flair. Unter den Linden kann zweifellos mit einer der Pariser Prachtstraßen mithalten. Wir haben drei Opernhäuser, ein trutziges rotes Rathaus und vielleicht auch bald wieder ein niegelnagelneuesaltes Schloss auf der Brache, auf der vor wenigen Jahren interimsweise „Erichs Lampenladen“ stand. Aber seien wir mal ehrlich: Dies ist trotzdem keine Großstadt, sondern eine Ansammlung von Baustellen!! Und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass es auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung in manchen Straßen abschnittsweise immer noch so aussieht, wie 1989, dass man an den Bürgersteigen erkennen kann, ob man sich im Osten oder im Westen der Stadt aufhält und dass es Baustellen gibt, die aussehen, als ob sie nie verschwinden werden. Auch nicht die vermutlich einmalige Irrwitzigkeit, mit der hier frisch geteerte Straßen, hergerichtete Plätze und neu gepflasterte Wege nach kürzester Zeit wieder aufgerissen werden, weil koordiniertes Handeln wohl im Bereich des Unmöglichen angesiedelt ist. Ich meine mit Baustellen durchaus im Positiven die vielen Orte in dieser Stadt, an denen ständig aktive Veränderungen stattfinden: Und zwar um des Veränderns willen – nicht im Streben nach Perfektion. Dazu gehören die kleinstädtischen Kieze mit ihren unterschiedlichen und wechselnden Charakteren, ihrer Stadteilkultur, die abwechslungsreicher kaum sein kann, und die internationale Bevölkerung. Dazu gehört, dass man sich in Berlin am besten an nichts gewöhnt: Nicht an den tollen Italiener oder die nette Bar – nach sechs Monaten sind dort ein Thailänder und ein Strumpfhosengeschäft. Dass man das Tempo dieser Stadt akzeptiert: Neue Kinofilme sind nach sechs Wochen vom Spielplan verschwunden, wer Opernkarten erst nach Erscheinen der lobenden Premierenkritik kaufen will, zieht den Kürzeren. Andersherum allerdings: Wer beschließt, abends ins Theater zu wollen, hat in Berlin angesichts der unglaublichen Auswahl gute Chancen, etwas Ansprechendes zu finden. Die Liste der „Baustellen“ ließe sich endlos weiterschreiben, der Platz hier ist begrenzt. Deswegen kurz, aber deutlich: Ich mag Berlin, denn hier habe ich begriffen, dass eine Dauerbaustelle viel Charme haben kann – weil sie in ihrer „Unperfektion“ überall Platz für Individualität bietet. Einmalig! |