


Gerhard Mahnken, Redaktionsleitung und Vorstandsmitglied der DPRG-Landesgruppe Berlin/Brandenburg
Hinterm Horizont geht's weiter: Wissenschaftskommunikation in Berlin Brandenburg
Liebe Leserin,
lieber Leser,
vor uns liegt das Jahr 2011. Was wird es uns in der Hauptstadtregion bringen? Vielfältig sind die Erlebnismöglichkeiten wieder im Wissenschafts- und Kultursektor. Schon jetzt undurchsichtig das Dickicht der Events: Lange Nacht der Wissenschaften und der Museen, Internationale Filmfestspiele, Karneval der Kulturen, Classic Open Air und Udo Lindenberg fehlt natürlich auch nicht. Beim nächsten Jahresrückblick im ZDF wissen wir dann nicht mehr, warum wir vieles schon wieder vergessen haben. Manche Themen werden nicht unseren Ton gefunden haben. Oder es wird hie und da ganz einfach an Faszination und Schwung gefehlt haben, damit Inhalte und Angebote Spuren hinterlassen konnten. Womit wir beim Thema dieser Ausgabe wären. Immer deutlicher wird, dass Wissen angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen eine Hauptrolle spielt. Ilse Helbrecht hat vor einiger Zeit einmal mehr kritisch darauf hingewiesen, Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit liefen jetzt Gefahr als etwas „Fertiges, Buntes, Lautes“ Teil der öffentlichen Vergnügungsindustrie zu werden (vgl. geographische revue 2/2009, S. 16-21). Diese Befürchtung treibt die scientific community in Deutschland nun schon seit 15 Jahren um. Und sie ist noch nicht zu einem Ende gekommen. Sie wird es hoffentlich niemals.
Auch für die Städte und Regionen ist Wissen eine wichtige Ressource. PR übernehmen hierbei zunehmend eine Vermittlerrolle. Dabei geht es um weitaus mehr als um die Weitergabe von Informationen von A nach B. Erst durch ihre konzeptuelle und kontextuelle Einbindung werden Informationen zu Wissen. Was so profan klingt ist nicht immer selbstverständlich wenn es an die Umsetzung von wissensbasierter PR geht. Schauen wir einmal vor die eigene Haustür: Das Wissenschaftsjahr 2010 in Berlin liegt gerade hinter uns. Was es aber letztendlich gebracht hat und worauf PR-Profis künftig stärker achten sollten, dazu möchten wir mit Ihnen in dieser 23. Ausgabe der streusandbuechse.de ins Gespräch kommen. In den Beiträgen etwa von Susann Morgner, Maria Borgmann und im Interview, das Harald Dudel für Sie geführt hat. Die gemeinsame Botschaft lautet: Wir müssen kritischer sein, laut und gediegen reicht nicht. Das gilt sowohl für das Eigenverständnis der PR als auch für die Zielgruppen, die der Vorstandsvorsitzende unserer Landesgruppe, Steffen Ritter, mit seiner Kolumne in den Blick nimmt. Einen neuen Blick auf den richtigen Mix an elektronischer und Face-to-face-Kommunikation in diese Richtung empfiehlt sodann Matthias Koch aus der Perspektive der Public Affairs. Es geht in der Kommunikationsbranche anscheinend immer mehr um ein neues Feingefühl gegenüber unterschiedlichen Gesellschafts- und Bildungsschichten. Die kritischen Töne, der genauere Blick und die anhaltende Debatte darüber sind das, was die Hauptstadtregion braucht. Dann kann sie ihr teuerstes Gut, nämlich Wissen, besser nach innen und außen kommunizieren. Das wusste auch Alfred Ingenwerth, der 2010 zu früh von uns gegangen ist und der so viel für die PR-Branche und für das Zusammenwachsen unserer Landesgruppe Berlin/Brandenburg getan hat. Ihm widmen wir in dieser Ausgabe deshalb einen Nachruf, frei nach Udo Lindenberg: Hinterm Horizont geht’s weiter.
Ihnen wünsche ich in diesem Sinn eine erträgliche Lektüre und ein erfolgreiches, glückliches Jahr 2011.
Gerhard Mahnken
gerhard.mahnken@dprg.de
Leitartikel
Wissenschaftsjahr Berlin 2011
Die Qualität von Wissenschaftskommunikation nimmt sprunghaft zu – in der PR-Branche fast unbemerkt


- Von Susann Morgner -
Was war los in Berlin in diesem Jahr? Welche kommunikativen Highlights sind Ihnen aufgefallen? Wenn Sie dafür – sagen wir mal – drei Dinge auflisten dürften und wenn darunter das „Wissenschaftsjahr Berlin“ wäre, dann könnten wir Wissenschaftskommunikatoren wohl aufatmen.
Ich vermute allerdings, dass wir bei solch einem Test eher durchfallen würden. Aus meiner Sicht völlig ungerechtfertigt. Nicht nur, dass die wissenschaftlichen Einrichtungen in den vergangenen Jahren mehr denn je den Kontakt zur Öffentlichkeit gesucht haben. Speziell Berlin nutzte das Jahr 2010 und seine zahlreichen wissenschaftlichen Jubiläen (300 Jahre Charité, 300 Jahre Berlin-Bandenburgische Akademie der Wissenschaften, 200 Jahre Humboldt-Universität) zu einer regelrechten Großoffensive der Wissenschaftskommunikation. Einer großen Auftaktveranstaltung mit dem Regierenden Bürgermeister im Januar folgten unzählige öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Ausstellungen, Buchvorstellungen, Diskussionsrunden und Vorträge, Führungen, Kindervorlesungen … Den krönenden Abschluss des Jahres bildete schließlich die Ausstellung „WeltWissen – 300 Jahre Wissenschaften in Berlin“ im Martin-Gropius-Bau, in die die DPRG-Landesgruppe Berlin-Brandenburg im Dezember eingeladen hatte.
Die meisten dieser zahlreichen Aktionen waren erfolgreich – viele neugierige Besucher kamen mit Wissenschaftlern näher ins Gespräch, lernten die Forschungsvielfalt des Landes besser kennen – hoffentlich auch schätzen. Und obgleich die einzelnen Institutionen und Akteure des Wissenschaftsjahres sicherlich zu Recht eine positive Bilanz ziehen können, genießen Wissenschaftskommunikatoren meist kaum Beachtung. Nicht nur bei Chefs und Auftraggebern, sondern auch unter PR-Kolleginnen und -Kollegen. Liegt es am noch immer angestaubten Image von Wissenschaft (und dem Bild von alten Professoren hinter staubigen Büchern) oder an vergleichsweise mickrigen PR-Budgets? Liegt es daran, dass die meisten Wissenschaftskommunikatoren alles, was auch nur entfernt mit Kommunikation zu tun hat, allein oder mit kleinen Teams inhouse machen müssen? Oder liegt es daran, dass diese spezielle Branche erst in den vergangenen Jahren einen starken Professionalisierungsschub erlebt hat und die Wissenschaftskommunikatoren selbst zu wenig Eigen-PR betreiben?
Es ist wohl wie häufig eine Mischung aus allem, ergänzt um eine kleine Brise fehlender Neugier unter den PR-Kollegen. Dabei sind die Themen spannend! Wie kommuniziert man zum Beispiel Unsicherheiten in Vorhersagen in der Klimaforschung oder bei der Bekämpfung der Schweinegrippe, ohne zu bagatellisieren oder zu verängstigen? In Berlin und Brandenburg gibt es hervorragende Wissenschaftskommunikatoren, die mit uns solche und andere Fragen diskutieren können. Wir sollten diese Kollegen stärker in unsere Fachdiskussionen einbeziehen und – wir sollten ihnen mehr Gehör schenken.
www.wissenschaftberlin2010.de
Thema
Forschungspressearbeit aus Berlin ausgezeichnet
Rund 800 Medizin- und Wissenschaftsjournalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz waren im Auftrag der Zeitschrift "Medizin- und Wissenschaftsjournalist" bereits zum dritten Mal aufgerufen, die Arbeit der Forschungspressesprecher zu beurteilen. Sie bewerteten die Kommunikatoren nach Professionalität, journalistischen Fähigkeiten, Verständnis für die journalistischen Notwendigkeiten und Niveau der vermittelten Informationen.
Die Auszeichnung für den besten Forschungspressesprecher in der Kategorie "Forschungsorganisationen und Stiftungen" ging an einen Berliner: Josef Zens, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Leibniz-Gemeinschaft.
Stefanie Seltmann, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Krebsforschungszentrums, wurde "Forschungs-Pressesprecherin des Jahres 2010" in der Kategorie "Forschungsinstitute und Universitäten". Martin Fensch, Leiter Unternehmenskommunikation von Pfizer Deutschland und Head Media Relations Oncology Europe, machte in diesem Jahr die beste Forschungspressearbeit bei "Industrie und andere Unternehmen".
"Glücklicherweise gibt es Profis unter den Wissenschaftskommunikatoren, die in ihrer Institution die Mittel und den Freiraum haben, im Hinterkopf die Ausbildung und die Erfahrung, um Wissenschaft zielgruppengerecht zu vermitteln", unterstrich der Chefredakteur des "Medizin- und Wissenschaftsjournalist", Reiner Korbmann. Die Wahl der Forschungssprecher des Jahres soll herausragende Wissenschaftskommunikation auszeichnen und den Dialog der Wissenschaft mit der Gesellschaft stärken.
- idw-
Kommentar
WeltWissen - 300 Jahre Wissenschaften in Berlin: Ein Ausstellungsbesuch
- Von Maria Borgmann -
Mit großem Anspruch wirbt die Ausstellung „WeltWissen – 300 Jahre Wissenschaften in Berlin“ derzeit im Berliner Martin-Gropius-Bau am Ende des Berliner Wissenschaftsjahres um Besucher. Dank eines beträchtlichen Etats und unter Beteiligung der führenden großen Wissenschaftsinstitutionen zeigt sie „anhand von Berliner Objekten, Forschenden und Institutionen den Facettenreichtum vergangener und aktueller Forschung.“ Sie will „Wissenschaft als Abenteuer, Suche, Experiment und Streit … für Berliner und Nichtberliner, Kinder, Studierende und Erwachsene“ präsentieren. Das geschieht in drei Bereichen: Im Lichthof mit der Installation „Objekte der Wissenschaft“, mit den „Etappen Berliner Wissenschaften“ und den „Wissenswegen“.
Die gigantische Lichthofinstallation soll den Besucher einfangen, die kaum entschlüsselbare Fülle soll ihn faszinieren. Das tut sie auch, man ist erschlagen, staunt, möchte Informationen zu einzelnen besonders interessanten Objekten – und beginnt zu suchen. Es gibt keinen Hinweis, dass die auf der Galerie befindlichen „Fernrohre“ zu einzelnen Exponaten die Mindestinformation liefern. Die freundliche Besucherbetreuerin zieht auf Befragen eine Sammlung kleinstgedruckter Seiten hervor, auf denen, wenn man Glück hat, zu dem Objekt x die entsprechende Information zu finden ist. Dass die kaum merkliche Rundung der Riesenregalanlage die Erdkrümmung symbolisieren soll, erschließt sich auch nicht auf Anhieb. Aber man soll ja auch selbst Dinge erforschen.
Die Chronologie der Berliner Wissenschaftsgeschichte in den „Etappen“ konzentriert sich auf die Natur- und, wie wir es heute nennen, Lebenswissenschaften. Dass in Berlin auch Großes im Bereich der Ingenieurwissenschaften und insbesondere der Geisteswissenschaften geleistet wurde beziehungsweise geleistet wird, spielt eine untergeordnete Rolle. Es wird betont, dass Forschung immer im Zusammenhang mit Politik, Ökonomie und Kultur zu sehen ist. Bei der Betrachtung der NS-Zeit wird auch auf die Euthanasie hingewiesen. Im Bereichstext ist erwähnt, dass Menschen bei den Experimenten „missbraucht“ wurden. Dass annähernd 300 000 Opfer zu beklagen sind, ist nur auf einem kleinen Objekttext in einer Vitrine mit „Kranken- und Forschungsberichten“ zu lesen. Politisch korrekt, aber angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser Verbrechen doch wohl unzureichend.
Die Darstellung der Wissenswege ist sehr ‚stylish’ und cool designed mit interessanten modernen Methoden. Trotz Hörspielen, Filmausschnitten und Rauminszenierungen bleibt sie aber – mit Ausnahme des gut gelungenen und verständlichen Zuse-Raumes – kopflastig und teilweise schwer verständlich. Gerade hier wäre es, insbesondere im Bereich „Experimentieren“, angemessen gewesen, den Besucher selbst tätig werden zu lassen. Die in Berlin und Potsdam existierenden Science Centers machen vor, wie das gehen kann.
Die mangelnde Interaktivität für Besucher erscheint als ein schwerwiegender Mangel der Ausstellung. Bildung, Wissenschaft und Forschung sind zentrale Themen unserer Zeit, Berlin eine Wissenschaftsmetropole mit internationaler Vernetzung. Gut ausgebildete junge Wissenschaftler müssen gewonnen und das Verständnis für die Notwendigkeit, in alle drei Bereiche auch staatlicherseits großzügig zu investieren, muss gestärkt werden, gerade auch bei den wissenschafts- und bildungsfernen Bevölkerungsteilen, die mit ihren Steuern die drei Bereiche mitfinanzieren. Hätten nicht gerade sie die Zielgruppe einer solchen Ausstellung sein müssen und hätte man nicht gerade ihnen das „Abenteuer Wissenschaft“ in leicht verständlicher Weise nahebringen müssen, zumindest in einzelnen Teilbereichen? Diese Ausstellung verstehen nur Menschen, die mindestens ein Gymnasium besuchen oder besucht haben. Die übrigen, so ist zu vermuten, staunen zwar, verstehen aber nur wenig. Die Langen Nächte der Wissenschaft beweisen, dass großes Interesse und Begeisterungspotenzial vorhanden sind. Hier wurden sie nicht ausreichend angesprochen. Schade.
Thema
Berliner WissensWerte wissen, wann und wo Wissenschaft passiert


In Berlin gibt es auch über das Wissenschaftsjahr hinaus eine Menge zu wissen, zu entdecken, zu erfahren und zu lernen. Von der Langen Nacht der Wissenschaften bis zu den Tagen der Forschung: Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Hauptstadtregion laden mittlerweile regelmäßig interessierte Laien zu Veranstaltungen ein, die allgemein verständlich sind. Die TSB Technologiestiftung hat die Informationsplattform www.berliner-wissenswerte.de eingerichtet, durch die es noch übersichtlicher ist, die interessantesten und spannendsten Veranstaltungen, Ausstellungen, Führungen, Experimente, Mitmachkurse, Workshops, Ferienangebote und Schnupperprojekte aus Wissenschaft und Technik zu finden.
Die Seite wird regelmäßig mit den Angeboten aus den Instituten und Laboren aktualisiert. Auf die Website wird über die Veranstaltungen, Anzeigen, diverse Verteiler, Werbemittel wie Plakate, Lesezeichen und das Experimentierheft für Grundschüler/innen und Lehrkräfte aufmerksam gemacht.
Kontakt: TSB Technologiestiftung Berlin, Annette Kleffel, Tel. 030 / 46302-502, kleffel@tsb-berlin.de

Thema
„Gemeinsam für naturwissenschaftlich-technischen Unterricht“ – das Berlin-Brandenburger Schülerlabor-Netzwerk GenaU
Schon fünfzehn Schülerlabore in Berlin und Brandenburg haben sich im Netzwerk GenaU zusammengeschlossen. Experimentierkurse für Schulklassen, Schüler-AGs und Lehrerfortbildungen gehören zu den Angeboten, die sich auf der Website des Netzwerks unter www.genau-bb.de finden lassen. Das Besondere der Schülerlabore im Netzwerk ist, dass sie alle an einer Hochschule, oder Forschungseinrichtung angesiedelt sind und sie somit einen authentischen Einblick in wissenschaftliche Arbeitsumfelder und aktuelle Themen der Forschung vermitteln.

Auch wenn die Netzwerkarbeit mit viel Arbeit verbunden ist, empfinden die Mitglieder die Zusammenarbeit inzwischen als großen Zugewinn. Über das Koordinationsbüro wird die gemeinsame Presse- und Öffentlichkeitsarbeit organisiert und der Kontakt zu Schulen, Wirtschaft, Politik und Presse gepflegt. Zudem bündelt GenaU Fachwissen, Ressourcen und Kontakte, um die Qualität und Ausstattung von Schülerlaboren zu optimieren und nachhaltig zu sichern. Für die Netzwerkmitglieder ist vor allem auch der regelmäßige Erfahrungsaustausch wichtig. So arbeiten die Labore gemeinsam an der Qualität ihrer Lehrerfortbildungen, initiieren Kooperationen mit Unternehmen und entwickeln neue fachübergreifende Kurse. Gemeinsames Ziel aller Labore bleibt dabei immer eines: Interesse zu wecken und junge Menschen für die Naturwissenschaften und Technik zu begeistern.
Die Netzwerkarbeit wird gefördert durch die TSB Technologiestiftung Berlin, durch die Robert Bosch Stiftung im Rahmen des Programms „NaT-Working – Naturwissenschaften und Technik: Schüler, Lehrer und Wissenschaftler vernetzen sich“ sowie durch den Arbeitgeberverband Gesamtmetall im Rahmen der Initiative THINK ING.
Kontakt:
info@genau-bb.de
www.genau-bb.de
Interview
Baylab: Die Jüngsten für die Wissenschaft gewinnen
Bock auf Bio? Freude an Physik? Lust auf Chemie? Das mag sich trotz leichter Pisa-Besserung vielleicht gewagt anhören, aber es funktioniert: Denn die Schülerlabore Marke Baylab machen Kinder und Jugendliche neugierig auf Naturwissenschaften und Technik. Unter dem Motto „Discover Science“ bieten sie auch am Berliner Standort anschauliche Experimente, lebendige Forschung und fesselnde Erklärungen. Auf der „Langen Nacht der Wissenschaften“ haben sie sich einem breiten Publikum präsentiert, Die „Streusandbüchse“ sprach mit Dr. Birgit Faßbender, Initiatorin der Baylabs und bei der Bayer AG zuständig für die interne Forschungs-Kommunikation.
Frau Dr. Faßbender, erinnern Sie sich noch, welche Überlegungen der Gründung des ersten Baylab voraus gingen?
Das kann ich Ihnen ziemlich genau sagen: Schon seit Jahren bekommt Bayer immer sehr viele Anfragen von interessierten Schulklassen, die unser Forschungszentrum besichtigen möchten. Aber diese Wünsche konnten und können wir kapazitätsmäßig überhaupt nicht bewältigen. Deshalb haben meine Kollegen und ich immer nach einer alternativen Möglichkeit gesucht, der jungen Generation den Zugang zur wissenschaftlichen Pharmaforschung zu eröffnen. Zwei Faktoren waren uns dabei von Anfang an bewusst: Erstens, dass Schüler - im Gegensatz zu Studenten - ja noch über wenig Grundwissen verfügen. Und dass diese Zielgruppe am besten „Hands on“ durch eigenes Tun lernt. Im Jahr 1998 starteten wir dann in Wuppertal eines der ersten Schülerlabore überhaupt. Es gab auch vom Bund Bestrebungen, aber in dieser Form waren wir mit die Ersten.
Worin bestehen Ihre Kernzielgruppen?
Neben den bereits erwähnten Schülern als Kernzielgruppe gehören dazu natürlich auch die begleitenden Lehrer und Multiplikatoren. In erster Linie geht es uns aber um die die Schülerinnen und Schüler, von denen nebenbei manchmal auch die Eltern etwas lernen.
Welche Motive stehen für Bayer als Unternehmen im Hintergrund?
Wir möchten mit den Schülerlaboren die Faszination Forschung begreifbar machen und die Offenheit für naturwissenschaftliche Fragestellungen fördern. Denn dies sind ja auch immer gesellschaftlich relevante Themen und hier stehen wir als forschendes Unternehmen in der Verantwortung. Wenn die jungen Leute dann eine naturwissenschaftliche Ausbildung anstreben, freut uns das natürlich sehr und so trägt unsere Initiative auch zur Sicherung des Nachwuches bei.

Frau Dr. Birgit Faßbender mit Teilnehmern des Schülerlabors Baylab.
Führen Sie Buch über die Teilnehmerzahlen?
Alle Baylabs haben bundesweit zusammen bis heute über 2000 Gruppen mit jeweils rund 20 Schülern zu Gast gehabt. Das sind bis jetzt über 40.000 Schüler.
Welche Faktoren dienen Ihnen neben den Teilnehmerzahlen noch zur Evaluation des Erfolgs?
Bei jedem Baylab-Besuch verteilen wir Rückmeldebögen an die Pädagogen und sammeln Kommentare in den Gästebüchern. Zusätzlich bekommen wir dann noch eine ganze Menge spontaner E-Mails.
Mit welcher Tendenz?
Die Lehrer sind dankbar, weil unser Baylab für sie „eine wunderbare Ergänzung zum Frontatunterunterricht“ darstellt. Es gibt auch Rückmeldungen ehemaliger Teilnehmer in der Art wie „Ich studiere jetzt molekulare Biomedizin. Den Spaß daran habe ich durchs Baylab bekommen.“ Viele Schüler kommen auch zur Abivorbereitung.
Sie haben mit dem Baylab offenbar eine erfolgreiche Marke geschaffen. Worin besteht der Markenkern?
Unser Markenkern enthält die Elemente: Eigenständig in authentischer Umgebung mit wissenschaftlicher Betreuung experimentieren. Besonderen Wert legen wir dabei auf die authentische Umgebung: Es handelt sich in der Regel um ein reales Labor, in dem normalerweise unsere Laboranten ausgebildet werden ─ und die wissenschaftlichen Betreuer sind vom Fach.
Bayer betreibt neben „Health“ inzwischen noch andere Baylabs für Material Science, das Baylab plastics und das Baylab plants für Crop Science. Was hat zur Bildung dieser zusätzlichen Angebote geführt? Wie vermeiden Sie, dass die Markenwahrnehmung bei dieser Spreizung auseinanderdriftet?
Wir haben ja im Bayer Konzern neben Bayer HealthCare auch die Teilkonzerne MaterialScience und CropScsience. Da sind dann auch bald die Kollegen gekommen und haben gesagt: „so was hätten wir auch gerne.“ Daraufhin haben wir unser Know How selbstverständlich mit unseren Kollegen geteilt. Wir waren uns sofort darüber einig, was im Rahmen des bereits beschriebenen Markenkerns ein Baylab ausmacht. Darüber hinaus pflegt jedes Baylab thematisch seine eigenen Teilkonzern-Spezifika. Zusammen bilden wir die Baylab Community.
Müssen Sie noch Werbung machen? Oder ist das Baylab zum Selbstläufer geworden?
Es ist inzwischen ein absoluter Selbstläufer. In Berlin machen wir beispielsweise wenig Streuwerbung und arbeiten lieber gezielt mit unseren Partnerschulen. Interessenten können sich auf unserer Website informieren.
Wohin wird' s in Zukunft gehen?
Wir werden das Modell auf jeden Fall weiterführen und es gegebenenfalls an veränderte Curricula anpassen. Das funktioniert selbst bei verkürzten Schuljahren. Ansonsten versuchen wir aktuelle Sachverhalte einzubauen und passen unser Programm z.B. auch an die Bedürfnisse spezieller Gruppen an, wie Gehörlose und Sehbehinderte und auch Hochbegabte.
Das Gespräch für die Streusandbüchse führte Harald Dudel von akakom Berlin.
Bilder: Bayer AG
10117 – Aus der Mitte der Hauptstadt betrachtet
Zielscheibe Publikum
- Von Steffen Ritter -
Eine beliebte Prüfungsfrage innerhalb der PR-Berater-Prüfung der PZOK beschäftigt sich mit der klassischen Zielgruppendefinition. „Beschreiben Sie doch einmal die von Ihnen ausgewählte Zielgruppe etwas näher“ wird darum der Prüfling gebeten. Die Antworten klingen dann manches Mal etwas unbedarft. Kurzum: Wie in der täglichen PR-Praxis – also im richtigen Leben – werden nicht selten Konzeptionen erarbeitet, ohne eine blasse Ahnung von den Erwartungen, Bedürfnissen und Grenzen der angepeilten Zielgruppe zu haben. Oftmals wird verkannt, dass wir als Verbraucher und Nutzer von Informationsangeboten selbst Zielgruppe der einen oder anderen Kampagne und Information sind. Aber wollen wir wirklich so angesprochen, so einseitig informiert werden? Würden wir uns von unserer eigenen PR einnehmen lassen? Hat es nicht auch etwas mit Ethik und Moral unseres Berufsstandes zu tun, wie sehr wir Menschen „verführen“ wollen und uns selbst verführen lassen?
Wohltuend daher für mich, auf dem DPRG-Forum in München zu erleben, wie sehr sich Vertreter unserer Zunft und einige Arbeitsgruppen zunehmend Gedanken zur Ethik und den Kodizes in der PR machen. Wir sind ja nicht ausschließlich PR-Fachleute, sondern auch mündige Bürger. Wie haben sich große Interessensverbände aus dem Werbeagentur-Bereich ereifert, als vor zwei Jahren die Werbung per Telefonanruf verboten wurde. Und wie habe ich mich gefreut, abends nicht mehr von störenden Werbeanrufen belästigt zu werden. Da trifft es doch wohl die alte Weisheit „Was du nicht willst das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“. Denken wir daran, täglich sind auch wir als Zielgruppe im Fokus unserer Kollegen: hin und wieder mit Begeisterung, oftmals auch mit Unbehagen! Deshalb sollten wir die Kodizes unseres Berufsstandes weiterentwickeln und täglich praktizieren. Oder zumindest öfter daran denken!
Steffen Ritter ist Vorsitzender der DPRG-Landesgruppe Berlin/Brandenburg.
Kommentar:
Ins Netz gegangen? Social Media und Politische Kommunikation
- Von Matthias Koch -
Kaum ein Thema wird in diesen Tagen in der Public-Affairs-Branche häufiger diskutiert als die Auswirkungen von Social Media. Zweifelsfrei lässt sich der technische Fortschritt nicht aufhalten. Man findet inzwischen nur noch wenige Protagonisten aus dem „Politischen Berlin“, die nicht mit einem BlackBerry oder einem „I-Phone“ ausgestattet sind. Ebenso wenig findet man Kolleginnen und Kollegen, die nicht im Web 2.0 unterwegs sind. Es wird munter „getwittert“, „gefacebooked“ oder „gexingt“. Aber was ändert sich neben der Technik im Kommunikationsverhalten? Wird politische Meinungsbildung mittlerweile vorwiegend im www erzeugt? Und welche Rolle spielen dabei Social Media im professionellen Alltag? Sind sie eine Bereicherung oder gar der Weisheit letzter Schluss für die PA-Branche oder für PR insgesamt? Zweifel sind angebracht. Meines Erachtens verhält es sich mit der sogenannten Revolution durch Social Media ähnlich wie mit anderen technischen Fortschritten in der Mediengeschichte: Sie bekommen im Laufe der Zeit ihren festen Platz im Kommunikationsmix. Dies geschieht eher beiläufig, schleichend. Dabei ist es doch sonnenklar, dass PA-Professionals aus der „cyber generation“ unbefangener mit den neuen Möglichkeiten umgehen als jemand aus der alten „Bonner Käseglocke“ der Politik. War das Telefongespräch noch das wichtigste Führungsinstrument von Altkanzler Helmut Kohl, wird Angela Merkel unterdessen nachgesagt, sie regiere vor allem mit Hilfe von SMS. Dennoch: Das persönliche Gespräch, die Face-to-Face-Kommunikation hat nichts Wesentliches an ihrer Bedeutung für Lobbying und Politische Kommunikation verloren. Vertrauen entsteht nicht Web allein. Hier müssen virtuelle und reale Lebenswelten zusammenkommen, damit das Bild vollständig wird. Auch lässt sich – so etwa jüngst Miriam Meckel mit Bezug auf den britischen Anthropologen Robin Dunbar – pro Person ein „Portfolio“ von vielleicht maximal 150 „Freunden“ pflegen.5.000 Menschen à la Facebook übersteigen jedoch die Möglichkeiten bei weitem. Überdies: Man darf gespannt bleiben, wie sich die Diskussion um Datensicherheit weiterentwickelt. Hier gibt es nicht erst seit der Affäre um WikiLeads und seinen Gründer aus der Hacker-Szene erheblichen Diskussions- und Handlungsbedarf über eine international akzeptierte Trennungslinie zwischen Transparenz und wohl verstandenem Datenschutz. Kurzum: Ein Schuss gesunder Skepsis bleibt im Zusammenhang mit den neuen Möglichkeiten von Social Media weiterhin angebracht. Die Zeit der Naivität ist definitiv vorbei.
Matthias Koch ist Vorsitzender des DPRG-Bundesarbeitskreises Public Affairs
Nachruf
Alfred G. Ingenwerth gestorben
- Von Maria Borgmann und Matthias Koch -
Er war Urgestein der Berliner PR-Szene: Alfred G. Ingenwerth. Der 1938 am Niederrhein geborene Fachjournalist hatte sich auf die Modebranche spezialisiert, war aber auch im Wirtschaftsressort zu Hause und trat bereits 1970 mit der Mitgliedsnummer 0145 als „Unternehmensberater Öffentlichkeitsarbeit und Internationale Public Relations“ in die DPRG ein. Bis 1997 war er Mitglied im Hauptausschuss, 1988-1994 Mitglied des Bundesvorstandes und bis 1988 Sprecher der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg. Lange Jahre hatte er das Amt des Vorsitzenden der Landesgruppe inne, die er vor allem nach der Wende entscheidend mitgeprägt hat. Dabei lag ihm das Zusammenwachsen von Ost und West besonders am Herzen. 1993-1995 leitete er im Ständigen gemeinsamen Ausschuss die Koordination von DPRG, BBW und DJV, war Vertreter des DPRG-Gremiums Internationale Arbeit, DPRG-Vertreter in der GPRA-Schiedsstelle für Public Relations sowie 1998 Projektleiter der „Goldenen Brücke“. Im DJV (damals JVB) initiierte er den Fachausschuss Presse und Öffentlichkeitsarbeit, dessen erster und langjähriger Vorsitzender er auch war und wirkte am JVB-Verbandsorgan „Wort, Bild & Ton“ als Autor mit.
Seine markante Persönlichkeit beeindruckte durch außergewöhnliche Präsenz und fachliche Kompetenz, doch zugleich Bescheidenheit und Integrität. Er stritt immer für Qualifikation und Qualität in der PR. In seiner oft ironisch-scharfzüngigen, aber nie verletzenden Art liebte er konstruktives Streiten um Ziele und Methoden. Seine sonore Stimme kontrastierte dabei mit seinem oft sehr zurückhaltenden Auftreten, vor allem in den letzten Jahren, als er sich rar machte. Kam er aber zu einer Veranstaltung, spürte man sofort seine Gegenwart, selbst wenn er nach Beginn ganz hinten neben der Tür stand und aufmerksam das Geschehen verfolgte.
Alle, die Alfred G. Ingenwerth kannten, haben einen gleichermaßen geschätzten wie liebenswerten Kollegen und Freund verloren. Er ist am 15. August 2010 im Alter von 72 Jahren gestorben.
Impressum
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der DPRG Berlin/Brandenbrug
Herausgeber: Deutsche Public Relations Gesellschaft (DPRG) Landesgruppe Berlin/Brandenburg e.V., Postfach 080705, 10007 Berlin
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(steffen.ritter@dprg.de)
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(gerhard.mahnken@dprg.de)
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