
| Ausgabe 24 / August 2011 | |||
|
ThemaDon’t believe the Hype- Von Steffen Schumann - Ich bin ein Berliner Designer. Mein Laden läuft gut. Ich arbeite und wohne – beides im Loft – direkt an der Spree. In Berlin-Mitte. Ich sehe aus als wäre ich 22 und verdiene wie ein alter Hase. Die Leute lieben meine Entwürfe. Ich schlafe mit meiner Praktikantin. Alle drei Monate eine neue. Den Rest des Tages schlürfe ich Latte macchiato – ein Leben auf dem Milchschaumwölkchen. Ich bin ein bayrischer Brauer. Ich bin eine polnische Putzfrau. Das ändert nichts. Ich bleibe ich – ein Klischee. Ich bin ein Berliner Designer. Ich arbeite in Lichtenberg, gemeinsam mit anderen Künstlern und Designern, in einem ehemaligen Kindergarten mit großem Garten. Ich bin 32 und sehe nicht jünger aus. 2005 haben Axel Watzke, Christian Lagé und ich nach dem gemeinsamen Studium das gemeinsame Studio gegründet. Wir gestalten visuelle Kommunikation für Theater, Galerien und andere Kulturinstitutionen. Das sind anspruchsvolle Kunden, aber oft mit limitierten Mitteln. Wir gewinnen jährlich einen Designpreis, haben Spaß an der Arbeit und können gut von ihr leben. In unserem Studio arbeiten neben uns drei Festangestellte und eine wechselnde Zahl bezahlter Praktikanten. Manchmal muss es Koffein sein, um doch noch länger zu arbeiten. Die saubere Trennung von Wirklichkeit und Wahnsinn funktioniert leider nur auf dem Papier. In der Realität sind sie schwer zu unterscheiden. So kommt es, dass ambitionierte Designstudios in Berlin täglich dutzende Bewerbungen von Menschen erhalten, die bereit sind, auch unbezahlt zu arbeiten. Während nicht weniger interessante Designer in Halle/Saale kaum Leute finden, die bereit sind, bezahlt bei ihnen zu arbeiten. In Zürich kann man in einem Spielzeugladen „Schnuffeltücher“ für kleine Kinder kaufen. Preis: 25 EUR. Sie wurden hergestellt, indem auf ein Tuch aus dem Drogeriemarkt (Stk. á 0,65 Cent) ein niedlicher Aufnäher appliziert wurde. Was den gewaltigen Preisaufschlag möglich macht, ist die Zuschreibung: „designed and handmade in Berlin“. Während sich die Berliner Finanzämter schwer tun mit den kreativen Leistungen, die mit sieben Prozent zu versteuern sind, ist die Berliner Politik begeistert. Die Kreativen kann man in jeden sozialen Brennpunkt pflanzen und so ganze Viertel aufzuwerten. Künstler und Designer sind die Hefe im Immobilenteig Berlins. Das ist Wirklichkeit. Kein Klischee. Wie viele von denen, die die Creative Industries feiern, können ein qualifiziertes Urteil über Design oder Kunst abgeben? Es geht nicht um die Kreativen. Es geht um Tourismus und Immobilien. Du bist kreativ. Du bist Berlin. Du bist Dekoration auf einem Kuchen, der viel größer ist, als du es dir vorstellen kannst. Das Messer mit dem man daraus Stücke schneidet, kannst Du nicht halten. Please, don’t believe the hype. |