


Gerhard Mahnken, Redaktionsleitung und Vorstandsmitglied der DPRG-Landesgruppe Berlin/Brandenburg
Janz Berlin is eene Wolke
Liebe Leserin,
lieber Leser,
Berlin ist manchmal schneller als die Polizei erlaubt. Für den zum Beispiel, der in diesem Sommer morgens um vier an der roten Ampel aufwachte und dem Herrn Wachtmeister erst mal eine langen wollte, weil der nicht wusste, wen er da gerade mal wieder Wichtigen vor sich hatte. „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin“, heißt es hier gern schon mal nach oder auch vor getaner Arbeit. Wissen wollen, wer man hier ist und wo man hier ist. Das sind die beiden Fragen, die in der Hauptstadt immer mitschwingen. Einer Hauptstadt, die sich selber in ihrer Vielgestaltigkeit aus dem Blick verliert, ihr Markenzeichen ist schließlich der stetige Wandel, der Blick auf das Temporäre. Momentan ist wichtig, momentan ist gut. Apropos Blick. Man stelle sich vor, Harald Juhnke, Knut und Heiner Müller diesen Sommer auf einer Bärenwolke, hoch oben, Ecke Tiergarten-/Hiroshimastraße, auf die deutsche Hauptstadt blickend und ablachend darüber, wie da unten, in den Niederungen des Potsdamer Platzes und des Ku’damms alles vor sich hinhyped und sich geschäftig dem kollektiven Eigensinn ergibt. Haben Sie die drei neulich Nacht auch gesehen? Voll breit. Wahnsinn. Diese ernüchternde Sicht von oben fehlt uns ja zu Lebzeiten: deshalb in dieser Streusandbüchse (wieder) einmal der Versuch, dem Berlin-Hype etwas näher zu kommen. Berlin zieht nämlich immer, das meint jedenfalls Astrid Drabant- Schwalbach in ihrem Leitartikel. Berlin bleibt Motiv. Für den Film, für PR-Profis, Touristen, Kreative, Immobilienleute, Wissenschaftler, Studenten, Künstler, Zoobesucher, PolitikererInnen, Familienmütter und -väter und nicht zuletzt für polnische Putzfrauen. Letztere haben inzwischen womöglich den besten Überblick. Machen Sie sich also selbst ein Bild, liebe Leserin, lieber Leser, nachdem sie die hier versammelten Beiträge unserer Autorinnen und Autoren gelesen haben. Und dann schreiben Sie doch auch einmal etwas für die Streusandbüchse, für die Kolleginnen und Kollegen der Deutschen Public Relations Gesellschaft. Das zieht immer.
Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen
Gerhard Mahnken
gerhard.mahnken@dprg.de
Thema
Berlin zieht immer
- Von Astrid Drabant-Schwalbach -
„…anyway, you guys can be very proud living in a city like Berlin. It´s an outstanding and exciting city – and I love it!” Diesem abschließenden Urteil von John wollten wir als leidenschaftliche Wahlberliner keineswegs widersprechen. Vorausgegangen war eine heiße Diskussion mit unseren Freunden aus Kalifornien über Vorzüge und Nachteile verschiedener Metropolen. Berlin war beim Vergleich etwa mit New York, London und Paris selbst aus amerikanischer Sicht gar nicht mal schlecht weggekommen, ein Ergebnis, das uns riesig freute, hört man von Berliner Freunden doch selten etwas Gutes über die eigene Stadt. Da wird gemeckert und gelästert, dass man am liebsten Reißaus nehmen möchte.
Demgegenüber hat sich die Meinung von Nicht-Berlinern über unsere Stadt in den vergangenen Jahren deutlich positiv entwickelt. Berlin zieht unsere auswärtigen Freunde und Kollegen inzwischen geradezu magnetisch an. Sie reisen aus Übersee und sämtlichen europäischen Ländern zu Meetings, Kongressen, Konferenzen, Tagungen sowie kulturellen und sportlichen Events an – oder ganz einfach nur, um hier ein privates Wochenende zu verbringen. Früher traf man sich aus derartigen Anlässen viel häufiger im europäischen oder außereuropäischen Ausland.
Und nicht nur unsere ausländischen Freunde hat das Berlin-Fieber ergriffen. Bekannte aus unseren Heimatstädten, ehemalige Kommilitonen aus Berlin, die , so wörtlich, nicht das „Glück“ hatten, nach dem Studium hier einen Job zu finden, Kollegen aus Wissenschaft und Praxis – sie alle wollen in die Hauptstadt, und sei es nur zu einem Besuch. Sie schwärmen von der Vielfalt unserer Stadt, kulturell, szenemäßig, architektonisch. Sie schätzen die Offenheit von Berlin, seine Schnelllebigkeit und Toleranz, die Möglichkeit, so leben zu können, wie man möchte – auch wenn es noch so gegensätzlich ist.
Berlin, so ihre Ansicht, bietet jedem etwas, ist bunt, stimulierend, unkonventionell – eben das Gegenteil von spießig (obwohl auch Spießer hier ihre Nischen finden). Berlin zieht Jugendliche, junge Familien, das Mittelalter und inzwischen auch Rentner gleichermaßen an, jede Altersgruppe findet hier ihre Highlights.
Lediglich die Berliner selbst – zumindest ein Großteil von ihnen, so hat es den Anschein - sieht das anders. Da wird genörgelt, kritisiert, protestiert und geschimpft, dass sich der Besucher am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Der Berlin-Tourist ist dieser Einstellung spätestens dann ausgeliefert, wenn er ein Taxi benötigt. Anstatt auf einen freundlichen Fremdenführer trifft er in Person des Fahrers nicht selten auf einen wetternden Eiferer, der sich kolossal über Baustellen, geänderte Streckenführungen, neue Straßennamen, kurz: über sämtliche Veränderungen oder Unbequemlichkeiten aufregt, und wenn nicht darüber, dann zumindest über die Berliner Politik oder die nun auch noch in Berlin ansässige Bundespolitik.
Dermaßen auf seine Traumstadt eingestimmt, schlägt der Berlin-Reisende die Zeitung auf oder schaltet die Nachrichten ein, und was muss er erfahren? Dass er, der Berlin-Tourist, in der Hauptstadt eigentlich gar nicht gern willkommen sei, da seinesgleichen die Schuld daran trage, dass es hier zu laut, zu schmutzig und zu voll sei. Na, wenn da das provinzielle West-Berlin nicht wieder Auferstehung feiert…
Generell vermittelt ein Großteil der Berliner Einwohner, der Berliner Medien und nicht zuletzt der Berliner Politiker den externen Berlin-Fans, pauschal gegen Veränderungen und damit verbundene Belastungen zu sein. Dabei, und das ist ja gerade die faszinierende Dialektik dieser Stadt, ist es in erster Linie der Mut zu Veränderungen, der Berlin für Fremde so anziehend macht. „Bist Du mal ein paar Wochen nicht hier gewesen“, meinte kürzlich ein Nicht-Berliner, „erkennst Du Teile der Stadt nicht wieder.“
Das Schöne an Berlin, da sind sich die Berliner, die gern hier leben, und die Touristen einig, ist doch gerade das Unvorhersehbare, Sich-immer-wieder-neu-Erfinden, das Spannende und Spontane dieser Stadt und ihrer Entwicklung. Wie parodierte doch jüngst Harald Martenstein im Tagesspiegel die Möglichkeit, durch die Einführung einer Sperrstunde den Touristenstrom eindämmen zu können? Dann müssten die Berliner eben zum Feiern nach Hannover fahren. Tja, und wir, um unsere auswärtigen Freunde zu treffen, halt wieder reisen…
Thema
„Berlin is electric“ – eine Erfolgsstory
- Von Dr. Maria Borgmann -
Die offiziellen Zahlen sind eindeutig: Der Berlin-Tourismus boomt. Die Touristenzahlen 2010 liegen weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt. International belegt Berlin unter den bedeutenden touristischen Metropolen Europas Rang drei bei den Übernachtungszahlen (20 Mio 2010). Damit ist, so der Geschäftsbericht von visitBerlin, eine „magische Grenze überschritten“, der Zuwachs größer als in Paris, Rom oder Barcelona. Mit über 7 Mio Fachbesuchern nimmt Berlin im Städte-Ranking der International Congress & Convention Association (ICCA) Platz vier hinter Wien, Barcelona und Paris ein.
Steigerungsraten …
Noch bilden deutsche Gäste die Kernzielgruppe im Berlin-Tourismus mit 59,1% der Ankünfte, doch die ausländischen Besucher machen bereits 40,9 % aus (darin sind die Übernachtungen in Privatunterkünften nicht enthalten). Besondere Steigerungsraten zwischen 30 und 50 % weisen Brasilien, Russland, Indien und China, die sogenannten BRIC-Länder, auf.
… und Wachstumstreiber
Wesentliche Wachstumstreiber sind die Billigflieger, der Ausbau der Bettenkapazitäten, der Berlin zur „modernsten Hotellandschaft Europas“ gemacht hat, ein dynamischer Tagungs- und Kongressmarkt, neue Messen und Events mit internationaler Ausstrahlungskraft (Modemessen, Sportereignisse, Blockbuster-Ausstellungen) und weltweite touristische Marketingkampagnen.
Reisegründe
Zu den wichtigsten Reisegründen, insbesondere der ausländischen Besucher, zählen die Sehenswürdigkeiten (79 %), die Atmosphäre bzw. das Flair (74 %), die Geschichte der Region (79 %) sowie das Kunst- und Kulturangebot (78 %). Berlin gilt, vor allem bei den jüngeren Gästen (70 % sind unter 50 Jahren) in Deutschland als cool, trendy, spontan, ungezwungen, abwechslungsreich, multikulturell, weltoffen und wird mit dem Begriff Freiheit verbunden. Ausländische Touristen sehen Berlin als selbstbewusst, kompetent, mutig, stark und international bedeutend. Berlin bietet „value for money“, gilt als günstig im internationalen Städtevergleich. Das Time Magazine titelte 2009: „Hip Berlin: Europe’s Capital of Cool.”
Themenschwerpunkte
Sönke Schneidewind, Kulturbeauftragter von visitBerlin, sieht kein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal für den Tourismus-Boom, sondern die Summe der unter cool und trendy zusammenzufassenden Begriffe. Sie sind vor allem mit dem Kulturangebot verbunden. Ereignisse und Jubiläen wie 20 Jahre Mauerfall 2009, die Mischung von populär und kultiviert oder die Vielzahl extrem ausdifferenzierter Veranstaltungen verleihen Berlin das Image von Kreativität. Themen transportieren Berlin: die 1920er Jahre, Mode, Junge Kunst, Design oder große Ausstellungen. Neue Themenschwerpunkte bieten neue Chancen für den Tourismus, zum Beispiel Nachhaltigkeit in der Tourismus- und Kongressindustrie mit der Umsetzung ökologisch wirksamer Maßnahmen. So läuft seit Mai 2010 das Pilotprojekt „Nachhaltiger Business-Travel in Berlin“ in Kooperation mit dem TÜV Rheinland, dem Berliner Senat und mit einer Förderung aus ESF-Mitteln. Auch die Gesundheitswirtschaft gewinnt an touristischer Bedeutung.
Der Hauptstadteffekt
In den 20 Jahren seit dem Mauerfall ist eine neue Hauptstadt entstanden. Die Stadt erfindet sich ständig neu, ist nie fertig und schwerer als andere Städte als Einheit zu begreifen. Karl Schefflers Feststellung von 1910 hat noch immer Gültigkeit. Der Erfolg bei den BRIC-Ländern, in denen neue reiselustige Mittelschichten entstehen, geht sicher auch auf diesen Hauptstadteffekt zurück. Er zieht neue Reiseverbünde an, die ähnlich wie die Deutschen im Italienfieber der 1950er und 1960er Jahre touristische Erlebnisse in fremden Ländern suchen.
Stichwort Brandenburg: Berlin ist der wichtigste Quellmarkt für Brandenburg, weshalb der Zusammenarbeit mit der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH große Bedeutung zukommt.
Von der BTM zu visitBerlin
Seit 2009 ist Burkhard Kieker Geschäftsführer der Berliner Tourismus-Gesellschaft. Damit einher geht ein Relaunch auf allen Ebenen, aus der Berlin Tourismus Marketing GmbH wurde zum 1. Januar 2011 die Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die unter dem Markenzeichen visitBerlin agiert und kommuniziert. Optimierte Strukturen, ein überarbeitetes Corporate Design, ein neuer Internetauftritt, der zunehmende Einsatz von Social Media und Online Ticketing übers Handy sind bereits erfolgte und noch zu verstärkende Kommunikations- und Marketing Tools. Bei Facebook nahm visitBerlin am 29.06.2011 hinter New York bei den Städten mit 500.000 Klicks die zweite Stelle ein – Berlin ist trendy!
Thema
Hauptstadtregion = Filmregion
And the winner is … Berlin-Brandenburg!
- Von Nicolai Schley -
„In Berlin, da kannst du die Kinder der Filmstars auf dem Schulhof kennen lernen“, so wollte mich mein Vater im Alter von neun Jahren für einen Umzug nach Berlin begeistern. Wir zogen dann doch nicht nach Berlin, aber ich wusste seitdem, dass dies der place to be ist, wenn man zum Film will. Nach der Schule zog ich dann in die Hauptstadt, um Filmemacher zu werden.
So ähnlich zieht es nun schon seit 100 Jahren die jungen Filmschaffenden, und solche, die es werden wollen, nach Berlin. Entsprechend viele hervorragende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind in der Hauptstadtregion entstanden. Von der traditionsreichen Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam über die Deutsche Film und Fernsehakademie in Mitte bis zur alternativen Filmschule Filmarche in Kreuzberg.
Berlin, das ist die Wiege des Films. Hier fand im Varieté Wintergarten am 01.11.1895 die erste Filmvorführung statt, acht Wochen bevor die Gebrüder Lumiére ihren Cinematographe in Paris vorstellten. In den Zwanzigern waren die Babelsberger Filmstudios die modernsten und am besten ausgestatteten Filmstudios der Welt. Hitchcock drehte hier seine ersten Filme als Regisseur.
Für die Großen des Filmgeschäfts sind die Babelsberger Filmstudios und Berlin auch heute wieder der Ort, an dem man alles findet, was man braucht. Die kreativen Köpfe, die technischen Zulieferer und die Konkurrenzunternehmen bieten die notwendige starke Basis für erfolgreiches Arbeiten. So entstehen in der Hauptstadtregion jedes Jahr 300 Filme und sie feiern Erfolge, die sich weltweit herumsprechen: fünf Oscars in vier Jahren, 72 Deutsche Filmpreise seit 2004, 18 Europäische Filmpreise, bei der Berlinale in diesem Jahr ein Silberner und ein Gläserner Bär, aktuell 16 LOLAs, sechs Golden Globes, 2009 eine Goldene Palme für „Das weiße Band“ usw..
Häufig ist Berlin dabei nicht nur Produktionsstandort, sondern auch Motiv. Im Brennpunkt der deutschen Geschichte finden sich die Drehorte, die das Lebensgefühl der Deutschen widerspiegeln. Dank mehrerer Spezial-Reiseführer, kann der Drehort-Tourist dann auch auf Spurensuche nach Filmmotiven aus „Berlin Alexanderplatz“, „Good Bye, Lenin!“ oder „Mein Führer“ gehen.
Die Kinder der Stars habe ich zwar noch nicht kennen gelernt, aber ich freue mich als Berliner, wenn ich bei der Berlinale einen Hollywoodfilm mit einer Verfolgungsjagd auf der Friedrichstraße sehe.
Thema
Don’t believe the Hype
- Von Steffen Schumann -
Ich bin ein Berliner Designer. Mein Laden läuft gut. Ich arbeite und wohne – beides im Loft – direkt an der Spree. In Berlin-Mitte. Ich sehe aus als wäre ich 22 und verdiene wie ein alter Hase. Die Leute lieben meine Entwürfe. Ich schlafe mit meiner Praktikantin. Alle drei Monate eine neue. Den Rest des Tages schlürfe ich Latte macchiato – ein Leben auf dem Milchschaumwölkchen. Ich bin ein bayrischer Brauer. Ich bin eine polnische Putzfrau. Das ändert nichts. Ich bleibe ich – ein Klischee.
Ich bin ein Berliner Designer. Ich arbeite in Lichtenberg, gemeinsam mit anderen Künstlern und Designern, in einem ehemaligen Kindergarten mit großem Garten. Ich bin 32 und sehe nicht jünger aus. 2005 haben Axel Watzke, Christian Lagé und ich nach dem gemeinsamen Studium das gemeinsame Studio gegründet. Wir gestalten visuelle Kommunikation für Theater, Galerien und andere Kulturinstitutionen. Das sind anspruchsvolle Kunden, aber oft mit limitierten Mitteln. Wir gewinnen jährlich einen Designpreis, haben Spaß an der Arbeit und können gut von ihr leben. In unserem Studio arbeiten neben uns drei Festangestellte und eine wechselnde Zahl bezahlter Praktikanten. Manchmal muss es Koffein sein, um doch noch länger zu arbeiten.
Die saubere Trennung von Wirklichkeit und Wahnsinn funktioniert leider nur auf dem Papier. In der Realität sind sie schwer zu unterscheiden. So kommt es, dass ambitionierte Designstudios in Berlin täglich dutzende Bewerbungen von Menschen erhalten, die bereit sind, auch unbezahlt zu arbeiten. Während nicht weniger interessante Designer in Halle/Saale kaum Leute finden, die bereit sind, bezahlt bei ihnen zu arbeiten. In Zürich kann man in einem Spielzeugladen „Schnuffeltücher“ für kleine Kinder kaufen. Preis: 25 EUR. Sie wurden hergestellt, indem auf ein Tuch aus dem Drogeriemarkt (Stk. á 0,65 Cent) ein niedlicher Aufnäher appliziert wurde. Was den gewaltigen Preisaufschlag möglich macht, ist die Zuschreibung: „designed and handmade in Berlin“.
Während sich die Berliner Finanzämter schwer tun mit den kreativen Leistungen, die mit sieben Prozent zu versteuern sind, ist die Berliner Politik begeistert. Die Kreativen kann man in jeden sozialen Brennpunkt pflanzen und so ganze Viertel aufzuwerten. Künstler und Designer sind die Hefe im Immobilenteig Berlins. Das ist Wirklichkeit. Kein Klischee.
Wie viele von denen, die die Creative Industries feiern, können ein qualifiziertes Urteil über Design oder Kunst abgeben? Es geht nicht um die Kreativen. Es geht um Tourismus und Immobilien. Du bist kreativ. Du bist Berlin. Du bist Dekoration auf einem Kuchen, der viel größer ist, als du es dir vorstellen kannst. Das Messer mit dem man daraus Stücke schneidet, kannst Du nicht halten. Please, don’t believe the hype.
Thema
Wissenschaft macht international – Fakten und Zahlen aus der Hauptstadtregion
- Von Susann Morgner –
Besonders für Studierende und Wissenschaftler ist die Forschungsdichte in der Region Berlin-Brandenburg attraktiv. An sieben Universitäten, 21 Hoch- und Fachhochschulen sowie an mehr als 100 außeruniversitären Forschungseinrichtungen, z. B. namhaften Instituten der Helmholtz-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft sowie der Fraunhofer- und der Max-Planck-Gesellschaft, gibt es tausende internationale Studierende und Wissenschaftler.
Die Zahl der ausländischen Studierenden allein an Berliner Hochschulen ist seit 2001 um 5.000 auf 22.360 gestiegen. Mit 18 Prozent ist der Anteil ausländischer Studierender in Berlin höher als in jedem anderen Bundesland. Allein fast 1.300 Chinesen und knapp 1.000 Russen studieren hier.
Auf Einladung der Alexander von Humboldt-Stiftung forschten in den vergangenen fünf Jahren 993 Wissenschaftler als Gäste länger als drei Monate in Berlin (810) und Brandenburg (183). In Deutschland ist die Freie Universität (nach der Münchener Universität) die Top-Adresse für ausländische Forscher.
Diese Stiftung bemüht sich mit der Vergabe der Alexander von Humboldt-Professur seit einiger Zeit auch besonders um führende und im Ausland tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Disziplinen. Die Professur, die mit fünf Millionen Euro der höchstdotierte internationale Preis für Forschung in Deutschland ist, ging bereits fünf Mal an Universitäten in Berlin bzw. Potsdam. In diesem Rahmen konnten auch hervorragende deutsche Forscher, die ihre Forscherkarrieren im Ausland aufgebaut haben, zu einer Rückkehr motiviert werden.
So zum Beispiel Prof. Dr. Oliver Brock. Der Informatiker studierte u. a. in Berlin, forschte und lehrte ab 2001 in Stanford und an der University of Massachusetts in den USA. Seit 2009 ist die Technische Universität sein neuer Arbeitsmittelpunkt.
Prof. Dr. Piet Wibertus Brouwer, Festkörperphysiker aus den Niederlanden, forschte ebenso zunächst in den USA (Harvard, Cornell University). Am 1. Juli 2009 begann er seine Tätigkeit an der Freien Universität Berlin.
Prof. Dr. Harald Clahsen studierte und promovierte in Deutschland und war bis zu diesem Jahr an der University of Essex, Großbritannien tätig. Nun ist er als Linguist an der Universität Potsdam zu Hause.
In Mainz studierte Prof. Dr. Dirk Kreimer, der nach Forschungsaufenthalt in Australien und einer Professur für Mathematische Physik an der Boston University (USA) zuletzt am Institut des Hautes Études Scientifiques, Bures-sur-Yvette in Frankreich arbeitete. Nun beginnt er seine Tätigkeit an der Humboldt-Universität.
Wie auch Prof. Dr. Philip van der Eijk aus den Niederlanden und Professor für Klassische Altertumswissenschaften und. Wissenschaftsgeschichte, der seine wissenschaftliche Heimat zunächst an der University Newcastle in Großbritannien fand und 2010 auch an die Humboldt-Universität wechselte.
Thema
Von Bären, Marken und Wendepelzen
Wie macht sich eigentlich das Berliner Wappentier als Markenbotschafter?
- Von Harald Dudel -
Dass die Berliner sich etwas schwertun, ihre Stadtmarke stimmig zu verkörpern, lässt sich kaum übersehen. Dabei sollte doch der Stadtname, nimmt man einen kleinen Vokaltausch in Kauf, eigentlich schnurstracks dahinführen: BÄRlin.
Ob allerdings das Namenstier die urbanen Hauptstädter-Tugenden des 21sten Jahrhunderts verkörpert, muss stark bezweifelt werden: faul auf der Bärenhaut liegend, tapsig, schreckhaft bis angstbeißerisch, sich dann womöglich in ungestümer Wut entladend – das dürfte nicht mal für eine U-Bahn-Fahrgastprüfung reichen.
Doch so richtig wählerisch sind die Hauptstädter auch in der Farbwahl ihres Wappentiers nicht. Ist der Bär laut Stadtwappen noch schwarz, mutiert er in manchen Darstellungen eher zu einem Mitglied der Brownie-Bande. Ganz abgesehen von zwischenzeitlichen Flirts Richtung Panda.
Aber seit Knuddel-Knut ist das Markentier ohnehin weiß. Dass der kleine Sympathieträger der Stadt und den Kassen des Zoos soooo millionenfach bärenstark gut getan hat, mag die farbliche Pelzwende rechtfertigen. Und dass ihm sein Markenbotschaftertum nicht annähernd gedankt wurde, lässt sogar die Zahl gefühlter Identifikationspersonen sprunghaft in die Höhe schnellen.
Dass der Arme nicht ganz richtig im Kopf war, dürfte ihn zwar nicht so sehr von manchen zweibeinigen Zeitgenossen der Stadtlandschaft unterscheiden, punktet ihn indes als Vorbild nieder. Dafür wäre er wohl genauso wenig geeignet wie unser Ex-Verteidigungs- als künftiger Bildungsminister. Dass anlässlich seiner (Knuts) weiterer Verwendung der Satz „ausgestopft zu werden, ist keine Schande“, zur Sprache kam, dürfte die Zahl freiwilliger Identifikanten ohnedies wieder einschränken.
Also ist die Stadt wieder mal auf der Suche. Wir alle dürfen gespannt sein, welche Farbe demnächst dran ist – vielleicht grün/rot beziehungsweise eher rot/grün ─wenn man aktuellen Prognosen Glauben schenkt. Oder doch lieber gleich ein Chamäleon?
Fazit: Berlin tut sich nicht leicht mit seiner BärenMarke. Die übrigens kommt aus dem alpinen Raum und präsentiert sich auf einer hübschen Website www.baerenmarke.de.
10117 – Aus der Mitte der Hauptstadt betrachtet
Vertrauen ist eben Vertrauenssache
- Von Steffen Ritter -
„Ich müsste eigentlich eine Wohnung in Berlin kaufen, wo doch bei Euch so tolle Wohnungen billig zu haben sind“, beendete eine Wiener Geschäftspartnerin ein gemeinsames Abendessen.
Mein Gesicht glich eher einer Zitrone, angesichts dieser kühnen Behauptung, was jedoch nicht am Dessert lag. Musste ich doch an meine illustren Erfahrungen denken, die ich in den vergangenen Wochen mit Maklern, Hausverwaltern und potenziellen Verkäufern machen durfte.
Da war das „traumhafte Penthouse“, das sich als verfehltes Gewächshaus auf einem 50er-Jahre Gebäude herausstellte. Die „charmant geschnittene“ Altbauwohnung, ein verwinkelter Horror aus Hausbesetzer-Tagen, war ebenso sehenswert.
Auch jene freundliche Dame, welche die muffige Ku’damm-Wohnung ihrer verstorbenen Mutter verkaufen wollte, war eine Bekanntschaft wert. Und natürlich der Verkäufer des unsanierten Lofts zum Schnäppchenpreis von 900.000 Euro.
In Schlangen von Wohnungssuchenden reihte ich mich ein, Heerscharen von Maklern lernte ich kennen, welche mir „Wohnträume in Citylagen“ offerierten, die nicht erst bei näherer Betrachtung ausschieden. Die Superlative schienen von Exposé zu Exposé kein Ende nehmen zu wollen. Mein Vertrauen in den Maklerberuf schon.
Die Einsicht reifte schnell: Berlin ist schon lange kein billiges Pflaster mehr und von Überangeboten in attraktiven Wohnlagen sind wir weit entfernt. „Je höher der Preis und umso glamouröser die Beschreibung, je mehr Interessenten schauen das Angebot an“, gab mir eine zweifelhafte Maklerin mit auf den Lebensweg.
Ich meine, Unwahrheit entlarvt sich schnell und Vertrauen will durch Taten erworben werden. Geben wir doch den Berliner Maklern Nachhilfeunterricht in Sachen Imagebildung und Selbstbeschreibung. Denn auch in diesem Beruf sind gute Empfehlungen und zufriedene Käufer ganz sicher mehr wert, als das schnelle Geld. Und sieben Prozent Courtage von viel Vertrauen ist ja auch kein schlechtes Geschäft.
Steffen Ritter ist Vorsitzender der DPRG-Landesgruppe Berlin/Brandenburg sowie Vizepräsident der DPRG.
Interview
Steffen Ritter wurde im Juni 2011 auf der Mitgliederversammlung in Köln zum Vizepräsidenten der DPRG gewählt. Die Redaktion der Streusandbuechse interessierte sich für die Hintergründe und fragte Steffen Ritter direkt:
Sie haben in der Hauptstadtregion für die DPRG schon jede Menge Verantwortung übernommen. Ihr Name ist in der PR-Szene bestens bekannt. Warum muss es jetzt auch noch die Position des Vizepräsidenten auf Bundesebene sein?
Wir Berliner haben eine besondere bundesweite Verantwortung innerhalb der DPRG. Berlin ist ja nicht nur der Sitz unserer Bundesgeschäftsstelle. Erfolgreiche Verbandsarbeit speist sich zu einem großen Teil aus dem Austausch mit der Wirtschaft, der Politik und Kultur. Lobbyarbeit ist bisher nun wirklich noch nicht unsere Stärke. Wir konzentrieren uns auf Bundesebene noch zu sehr auf das Wirken nach innen. Zukünftig werden wir uns weitaus stärker in gesellschaftliche und politische Meinungsbildungsprozesse einbringen müssen. Das ist eine inhaltliche und auch zeitliche Herausforderung für unseren Berufsverband. Diesen Prozess möchte ich gerne mit dem Gewicht der Stimme eines Vizepräsidenten mitgestalten.
Wo möchten Sie Ihre Schwerpunkte als Mitglied des Bundesvorstandes setzten? Wo sehen Sie Lücken, die von Ihnen ausgefüllt werden?
Eine Lücke, die es auszufüllen gilt, habe ich ja gerade beschrieben. Für mich sind unsere vielen aktiven Landesgruppen das Herz des Verbandes. Die DPRG lebt, abgesehen von Großveranstaltungen und bundesweiten Arbeitsgruppen, in den Ländern. Da kann noch viel untereinander verzahnt werden, Ideen können transportiert werden und wir können noch stärker Länder übergreifend arbeiten. Dies möchte ich stärken. Aber auch das Tagesgeschäft, die ganz praktische Unterstützung unseres Bundesgeschäftsführers, werde ich in großen Teilen übernehmen. Schließlich bin ich das einzige Vorstandsmitglied mit Sitz in Berlin.
In den letzten Monaten ist mehr oder weniger offen über die Rolle gesprochen worden, die Berlin für die DPRG einnehmen kann. Wird Berlin durch Ihre Wahl wichtiger oder bleibt alles beim Alten?
Die DPRG-Landesgruppe Berlin-Brandenburg wird auf Bundesebene schon seit geraumer Zeit als vital, ideenreich und engagiert wahrgenommen. Unsere Meinung hat bundesweit Gewicht und wird geachtet, auch wenn wir nicht immer bequem sind. Ich wünsche mir sehr, den Berliner Schwung heraustragen zu können, den Mut, Neues ausprobieren zu können und ausgetretene Pfade zu verlassen. Es wäre schlimm, wenn alles beim Alten bliebe. Personeller Wandel sollte Veränderungen mit sich bringen. „Am Anfang jeder Tat steht die Idee. Nur was gedacht wurde, existiert“, dies ist dabei mein Leitspruch.
Besten Dank und Erfolg dabei, Herr Ritter!
- Das Gespräch führte Gerhard Mahnken -
Bericht
Das Herz der Weltmathematik schlägt jetzt in Berlin
Bericht
Communicator-Preis für Berliner Wissenschaftler
Rezension
Wertschätzung, wisch und weg
„Unter deutschen Betten – Eine polnische Putzfrau packt aus.“
- Von Harald Dudel -
Pornos unterm Bett, schmutzige Wäsche hinter den Heizungsrippen - man erwartet ja so einiges, was Putzfrauen hierzulande zu Gesicht bekommen. Aber mit einem mumifizierten toten Hamster unter der Liegestatt und mehr Unappetitlichem setzt die unter dem Pseudonym „Justyna Polanska“ im Jahr 2011 erstmals publizierende 31-jährige Putzkraft doch noch einige schmuddelig-schaurige Höhepunkte.
Hier hat eine ihren staubig-schwarzen Arbeitstag im Nachbarland dokumentiert, macht in gewisser Weise auch PR für ihren Berufsstand und ist damit (vielleicht etwas zu schnell) auf die Bestsellerlisten geraten ─ zeitweilig knapp hinter Thilo Sarrazin genannt. Und schon wurden auch Justynas Putzprotokolle über deutsche Schmutz- und Schattenseiten international kommentiert.
Fest steht: Eine Großstadt wie Berlin wäre hoffnungslos verschmuddelt, würden nicht zehntausende Elzbietas, Marias und Kolleginnen aus dem nahegelegenen Polen die Wohnungen der Stadt mit Schrubber und Staubsauger auf Vordermann bringen. Bundesweit arbeiten sie nach einer Schätzung in rund vier Millionen Wohnungen und Häusern ─ vorwiegend illegal.
Was die schreibende „Perle“ Justyna aber am meisten fuchst, ist weder die Zollfahndung noch der Schmutz ─ das ist schließlich ihr Job. Die peinlichen Todsünden der Wohnungsherren und -Herrinnen sind Geiz, das „für dumm verkaufen“, die Unterstellung von Hinterwäldlertum und nervige „Ehrlichkeitstests“.
Somit erklärt uns Justyna, die wir ja im Regelfall auf der beauftragenden Seite tätig sind, wie unsere Sauberkeitssignale bei ihr und Kolleginnen ankommen. Da lässt sich einiges über die kommunikative Währung „Wertschätzung“ sowie ihr Gegenteil erfahren. Und so klärt sich schließlich auch die Frage, warum "die Perle" manchmal das Weite sucht.
Frei nach dem Motto: „Wisch und Weg!"

Wenn Justyna Putz macht: Buchtitel im Faksimile (Quelle: Amazon)
Justyna Polanska, "Unter deutschen Betten. Eine polnische Putzfrau packt aus", 2011, Knaur-Taschenbuch, € 8,99. ISBN 978-3-426-78397-9
Impressum
Streusandbüchse.de
Informationen für die Mitglieder
der DPRG Berlin/Brandenbrug
Herausgeber: Deutsche Public Relations Gesellschaft (DPRG) Landesgruppe Berlin/Brandenburg e.V., Postfach 080705, 10007 Berlin
Vorsitzender: Steffen Ritter
(steffen.ritter@dprg.de)
V.i.S.d.P./Konzept:
Gerhard Mahnken
(gerhard.mahnken@dprg.de)
Redaktion:
Gerhard Mahnken
(gerhard.mahnken@dprg.de)
Online-Redaktion und -gestaltung:
Miriam Melanie Köhler
(miriam.koehler@dprg.de)